Macrons Festung am Rhein

Andreas Saurer blickt über den Hag.

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Es war einmal ein kleines Dorf. In dessen Pfarrhaus wuchs C. G. Jung auf. Seit über hundert Jahren aber ist Kleinhüningen ein Basler Stadtquartier. Gegenüber am anderen Rheinufer in Frankreich liegt Hüningen oder Huningue. Dort war einst eine Festungsanlage. Davon zeugt heute nur noch die bombastische Place Abbatucci. Ziemlich einsam und verloren komme ich mir darauf vor. Entworfen worden war die Festungsanlage Huningue von Vauban, dem legendären Festungsbaumeister von Sonnenkönig Louis XIV. Sechzig Kilometer rheinabwärts kann man bis heute ein Vauban-Meisterwerk bewundern: Neuf-Brisach.

Über die Jahrhunderte war Huningue oft umkämpft: 1696/­1697 belagerten rund 20'000 Österreicher die Festung. 1814 widerstand Napoleons Armee dreieinhalb Monate gegen die Bayern, ein Jahr später – nach Ende des Wiener Kongresses – verteidigten 500 Mann die Festung während zweier Monate erneut gegen die Österreicher.

Heute kommen die deutschen Nachbarn ohne Waffen über den Fluss. Eine versprengte Schar von ihnen erschien mir am 23. April auf der Place Abbatucci, die auch schon Kaiser-Wilhelm-Platz hiess, aufgeregt mit Europa-Fähnchen fuchtelnd. Sie waren beim ersten Umgang der Präsidentenwahl zu Fuss und mit dem Velo über die Dreiländerbrücke aus Weil am Rhein gekommen, um den Macron-Anhängern Mut gegen Marine Le Pen zu machen.

Und siehe da: Während sich im Elsass im ersten Präsidentschaftswahlgang François Fillon und Le Pen ein Kopf-an-Kopf Rennen lieferten, lag Macron in Huningue schon in der ersten Runde vorn – als einziger Ort im «Canton St-Louis», zu dem nebst der 20'000-Einwohner-Stadt und Huningue weitere neunzehn Gemeinden gehören.

In der Assemblée Nationale zu Paris wird der südlichste Wahlkreis im Elsass seit fast dreissig Jahren durch den Konservativen Jean-Luc Reitzer vertreten. Gar noch fünf Jahre länger ist er Bürgermeister des Sundgau-Städtchens Altkirch. Jetzt muss das Politfossil in die Stichwahl. Erstmals überhaupt hat ein Gegenkandidat mehr Stimmen gemacht: Der Macron-Vertreter Patrick Striby. Morgen fällt die Entscheidung zwischen dem 65- und dem 48-Jährigen. Striby ist Gemeinderat von Huningue. St-Louis und Huningue sind Macrons Festungen im Dreiländereck.

Wenn ich mir die verwaiste Place Abbatucci jetzt so anschaue: Präsident Macron müsste sie – besonders nachts, wenn die Bäume magisch leuchten – als Kulisse für ein Bad in der Menge gefallen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.06.2017, 08:45 Uhr

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es in den «Echt jetzt?»-Kolumnen von Peter Meier, Stefan von Bergen, Gregor Poletti, Andreas Saurer und Lucie Machac. (Bild: zvg)

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