Dichtertreffen auf dem Furkapass

Adolf Muschg rekonstruiert in seiner neuen Erzählung «Der weisse Freitag» die Schweiz-Reise des 30-jährigen Goethe. Und wird persönlich.

Über den Furkapass: Per Strasse heute eine komfortable Angelegenheit. 1779 wagte der deutsche Dichter Goethe noch Kopf und Kragen.

Über den Furkapass: Per Strasse heute eine komfortable Angelegenheit. 1779 wagte der deutsche Dichter Goethe noch Kopf und Kragen. Bild: Swissimage

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Johann Wolfgang von Goethe kämpft sich durch mannshohen Schnee über einen Grat am Furkapass. Es ist November, die Gefahr eines Absturzes oder einer Lawine ist gross. Mit dabei ist kein Geringerer als Goethes Landesfürst Carl August, der Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Die Männer reisen von Basel nach Zürich – via Bern, Genf, das Wallis und den winterlichen Furkapass. Was zum Geier treibt sie zu diesem Abenteuer, bei dem sich der Autor von «Die Leiden des jungen Werthers» leicht den frühen Tod hätte holen können?

Reise als Flucht

Das fragte sich auch Adolf Muschg. Seine Antworten hat der Zürcher Schriftsteller und Germanist in die Erzählung «Der weisse Freitag» eingearbeitet, die nach Goethes Passbezwingung vom Freitag, 12. November 1779, betitelt ist.

In kurzen Szenen springt die Erzählung zwischen Goethes Weimar und Muschgs Männedorf hin und her. Sie rekonstruiert Goethes Situation, bevor er seine Reise antritt, und lässt ihn und sein Umfeld in Schilderungen aus verschiedenen Perspektiven lebendig werden.

Adolf Muschg: Der 82-jährige Autor auf Goethes Spuren. Bild: Keystone

Der damals 30-jährige Dichter und der 8 Jahre jüngere Herzog: Besonders interessiert ist Muschg an diesem Duo, das trotz mancher Verschiedenheit eine enge Freundschaft verband.

Muschg deutet Goethes Schweizer Reise als Flucht vor seinem Weimarer Leben. Als Minister am Hof war er überarbeitet und als Dichter mit grossen Erwartungen konfrontiert. Auch seine Liebe zur verheirateten Charlotte von Stein mochte Anlass zur Frustration gewesen sein.

Seine minutiösen Kenntnisse der Quellen lässt Muschg keinen übergebührlichen Raum einnehmen. Manche anspielungsreiche Randbemerkung erreicht nur den eingeweihten Leser. Und manche trägt eine humorvolle Spitze: «Die nach warmen Betten schnuppernde Unsittenpolizei mancher Goethe-Biografen hat es nicht gefasst. Sie dichtet Goethe ein Alkovenverhältnis mit Anna Amalia an oder gar einen flotten Dreier mit Frau von Stein. Fehlt nur noch der Gangbang mit der scheuen Herzogin Louise.»

Johann Wolfgang von Goethe: 1779 mit 30 Jahren auf der Furka. Bild: wikimedia

Was die Schilderung von mutmasslichen Bettgeschichten angeht, ist Muschg selbst kein Kind von Traurigkeit. Er versagt sich keine Imagination, wie es der Forstmeister seiner Frau besorgt oder wie sich die Bediensteten einen Quickie gegönnt haben könnten. Allein von Goethes Keuschheit bis zur Italienreise als Spätdreissiger ist Muschg überzeugt.

Muschgs Altersbeschwerden

Dazwischen schiebt sich, verspielt und offen, Persönliches in die Erzählung. Der Leser erfährt, wie sich Muschg, während er Goethes Spuren verfolgt, mit Alter und Gebrechen herumschlägt. Nach einem Sturz von der Treppe muss der 82-Jährige am Knie operiert werden und ist danach schlechter auf den Beinen.

Trocken kommentiert er: «Schon in einer Selbsterfahrungsgruppe hat man mir 1970 mangelhafte Erdung attestiert, aber bis zur Gleichgewichtsstörung ist sie früher nicht gegangen.» Eine Krebserkrankung lenkt seine Gedanken schliesslich auf das Lebensende. Er bestellt einen Grabstein, und hält fest: «Beihilfe zur Entsorgung kommt nicht infrage; dafür ist der letzte Atem zu kostbar.»

An der Grenze des Lebens

Muschg hat etwas zu sagen, und wie er es sagt, ist köstlich. Manches ist allerdings allzu lose ins Thema eingebunden und nimmt der Erzählung das Tempo. Erst in der Mitte des Buchs brechen die Weimarer überhaupt zu ihrer Reise auf. Und erst dort, wo sich abzeichnet, dass Muschg seinem Goethe nicht nur denkend und schreibend, sondern real, in Mantel und Winterschuhen, am Furkapass entgegenkommen wird, kommt etwas Bewegung in die Geschichte.

Nun erhellt sich die existenzielle Dimension von Muschgs «unzeitigem Entgegenkommen» nach 237 Jahren. Seine Kräfte gehen zur Neige, er steht an der Grenze des Lebens. Und so ist er auch bei sich, wenn er Goethes Furkaquerung als Herausforderung der eigenen Kräfte und des Himmels deutet.

Adolf Muschg: «Der weisse Freitag. Erzählung vom Entgegenkommen», C. H. Beck, 251 Seiten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.02.2017, 11:06 Uhr

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