Still und steil

Kraftort, Wallfahrtsort, Naturparadies: Im Bergdorf Niederrickenbach kann sich jeder aussuchen, was er braucht. Stapft man mit Schneeschuhen zum SAC-Brisenhaus, erlebt man von allem etwas. Je nach Wetter auch ein verspätetes Weihnachtsmärchen.

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Die Berner sind schuld. 1528 entscheiden sie, den alten Glauben durch Zwinglis reformatorische Lehre zu ersetzen. Daraufhin geht ein Bildersturm durchs Land, manch kirchliches Kulturgut wird übel beschimpft und ins Feuer geworfen. Zu jener Zeit hütet ein junger Hirt aus Büren im Kanton Nidwalden Schafe in der Nähe von Meiringen. Mit Schrecken sieht er, wie eine schöne Marienstatue ein Raub der Flammen werden soll. Er fasst sich ein Herz, reisst das Marienbild an sich und flieht in seine Heimat.

Maria im Baum

Von den Bernern will er nichts mehr wissen, im nächsten Frühling zieht er mit seinen Schafen auf eine Alp in Niederrickenbach hoch über dem Engelbergertal. Seine Marienstatue stellt er in einen hohlen Ahornbaum, jeden Morgen und Abend betet er treu den Rosenkranz. Als er im Herbst die Maria wieder ins Tal bringen will, hat diese anderes im Sinn: Sie lässt sich nicht mehr aus dem Baum heben. Die Legende besagt, die Madonna habe in der Ruhe und Abgeschiedenheit der Berge ihren Frieden gefunden.

Erst als der Bau einer Kapelle beschlossen wird, lässt sie sich zum Umzug bewegen und in einen neuen Bildstock integrieren. Die Kapelle heisst, wie könnte es anders sein, Heilige Maria im Ahorn. Aus Niederrickenbach wird der Wallfahrtsort Maria-Rickenbach. Die Pilger strömen in Scharen ins Dorf, Mitte des 19. Jahrhunderts zählt man 15'000 pro Jahr. Zudem richten sich Benediktinerschwestern ein, 1864 öffnet ihr Kloster samt Mädcheninstitut die Pforten.

Mittlerweile ist es ruhiger geworden in Maria-Rickenbach; so ruhig, dass man mit der Stille um Gäste wirbt. Diese hat ihren Grund: Das Dorf ist autofrei und nur per Luftseilbahn oder zu Fuss zu erreichen. Der Trubel bleibt im Talboden zurück. In solcher Ruhe und Abgeschiedenheit lässt es sich wunderbar Schneeschuh laufen, das hat man beim lokalen Tourismusbüro gemerkt.

Die Stille hat ihren Grund: Maria- Rickenbach ist autofrei und nur per Luftseilbahn oder zu Fuss zu erreichen.

Gleich vier Trails sind ausgeschildert, sie führen in die Wildnis des Talkessels zwischen Niederrickenbach und der imposanten Bergkette um den Brisen. Es lohnt sich allerdings, sich nicht auf die Schneeschuhpfade zu beschränken: Am Fuss besagter Bergkette sitzt nämlich das SAC-Brisenhaus und lockt mit Speis, Trank und einer warmen Stube. Ausser dienstags.

Der Wetterbericht lässt alles offen. Er spricht von einem sich verlagernden und auffüllenden Tief bei Mittelitalien, von einem Sturmtief über Island, von okkludierenden Frontensystemen und von Sonne am Morgen über der Zentral- und Ostschweiz. Letzteres haben wir verstanden, und so schweben wir bei Tagesanbruch Maria-Rickenbach entgegen.

Ein Blick aus der Gondel bestätigt: Den Ort erreicht man am besten auf dem Luftweg, unter uns gähnt der Abgrund. Umso lieblicher ist die Terrasse, auf der das Bergdorf liegt. Es bietet 34 Menschen eine Heimat, die 15 Benediktinerschwestern inbegriffen. Ihren Laden mit dem selbst gepflückten Tee, die Kapelle und das Pilgerhaus, das einzige Gasthaus im Ort, heben wir für später auf und stapfen los.

Raue Idylle

Alp Ahorn heisst die erste Station, unterwegs tauschen wir den Blick auf Pilatus und Stanserhorn gegen die Aussicht auf den Brisengipfel samt Entourage ein. Ein stattlicher Bergahorn ziert die winterverlassene Alp, vor dem mit dünnen Wolken überzogenen Himmel hebt er sich ab wie ein Scherenschnitt. Danach wird es rau, steil und still. Der Weg führt ins Tobel des Bueholzbachs; ein Platz, der strotzt vor Idylle. Die Landschaft um Niederrickenbach sei ein Kraftort, heisst es. Hier hinten kann man die Energie förmlich spüren.

Sie ist von Nutzen, um den weiteren Aufstieg zu meistern: 400 Höhenmeter trennen uns noch vom Brisenhaus. Dafür hat das Auge viel zum Geniessen. Von den Nachbarn des 2400 Meter hohen Brisen ist einer spannender als der andere. Sie heissen Waldbrueder, Zwelfer, Elfer und Schinberg und gleichen mit ihren Felswänden und den breiten Rücken riesigen, schräg gestellten Pultdächern.

Ein stattlicher Bergahorn ziert die winterverlassene Alp, vor dem mit Wolken überzogenen Himmel hebt er sich ab wie ein Scherenschnitt.

Endlich, das Brisenhaus. Bei guten Verhältnissen und ebensolcher Kondition könnte man weiter aufsteigen zum Glattegrat. Das wären eineinhalb Stunden zusätzlich. Man könnte es sich auch in der warmen Stube der SAC-Hütte gemütlich machen, bei selbst gebackenem Kuchen, Glühwein oder einem Brisenplättli. Wäre heute nicht Dienstag, Ruhetag.

Am Himmel meldet sich das okkludierende Frontensystem, vielleicht auch das isländische Sturmtief oder das aufgefüllte Tief über Mittelitalien. Wolken verhüllen die Gipfel, der Wind frischt auf, erste Flocken fallen. Zurück im Tobel des Bueholzbachs setzen wir uns unter die Tannen und holen die Mittagspause nach. Mittlerweile schneit es ordentlich, die Welt wird in Watte gehüllt. Wir fühlen uns wie im Weihnachtsmärchen. Mitten im Februar. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 14:56 Uhr

Tipps & Infos

Von einfach bis anspruchsvoll: Schneeschuhläuferinnen und -läufer finden ab Niederrickenbach hoch über dem Engelber­gertal Touren für jeden Geschmack, markierte und solche zum Selberentdecken. Die bekannteste führt zum SAC-Brisenhaus und bei ausreichend Kondition auf den Glattegrat.
Route: Niederrickenbach– Steinrüti–Ahorn–Brändlisboden–Morschfeldboden– Brisenhaus. Für den Rückweg stehen mehrere Varianten offen.
Varianten Rückweg: Von Brändlisboden entweder über Hermisegg oder Bergplanggen zurück zum Ahorn. Beide Routen sind als Schneeschuhtrail markiert. Die Wanderzeit verlängert sich um rund eine halbe Stunde.
Auf den Glattegrat: Gute Kondition und klare Sicht vorausgesetzt, lohnt sich vom Brisenhaus der Aufstieg auf den Glattegrat. Oben reicht das Panorama vom Vierwaldstättersee bis zu den Urner Alpen. Hin und zurück ­zusätzlich gut 1½ Stunden.
Anforderungen: Die Schneeschuhtour zum Brisenhaus ist technisch einfach, der steile Anstieg zum Schluss geht aber in die Beine. Hin und zurück ohne Pausen rund 4 Stunden.
Orientierung: Die Route ist einfach. Bis Brändlisboden als Schneeschuhtrail ausgesteckt, danach führen viele Spuren zum Brisenhaus. Dasselbe gilt für den Aufstieg auf den Glattegrat.
Ausrüstung: Nebst Schneeschuhen und Stöcken gehören eine Lawinenausrüstung und eine Karte zum Bestandteil einer Schneeschuhtour. Das Lawinenbulletin ist online abrufbar.
Einkehrmöglichkeiten: Im ­Pilgerhaus Maria-Rickenbach und im Brisenhaus (Dienstag Ruhetag).
Anreise: Mit dem Zug nach Niederrickenbach Station, dann mit der Seilbahn nach Niederrickenbach. Bei der Talstation ausreichend Parkplätze.
Karten: Swisstopo Landeskarte 1:25'000 Blatt Beckenried (1171) oder Skitourenkarte 1:50'000 Blatt Stans (245S). df

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