Bern

Prostituierte suchen vermehrt in den Gassen nach Freiern

BernBei den Bewohnern der Altstadt wächst der ­Unmut: Die Zahl der Prostituierten, die in den Gassen um Freier werben, ist in letzter Zeit gestiegen. Der Grund ­dafür ist offenbar die Schliessung der Kontaktbar Tübeli.

In der Altstadt sind vermehrt Prostituierte unterwegs. Bereits im Dezember 2015 führte die Fremdenpolizei eine Razzia gegen nigerianische Prostituierte durch (Bild).

In der Altstadt sind vermehrt Prostituierte unterwegs. Bereits im Dezember 2015 führte die Fremdenpolizei eine Razzia gegen nigerianische Prostituierte durch (Bild). Bild: Andreas Blatter

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Seit ein paar Wochen werden in den Berner Altstadtgassen vermehrt Männer von schwarzafrikanischen Frauen angesprochen. Die Prostituierten bieten ihnen im Bereich der Gerechtigkeits- und der Kramgasse ihre Dienste an.

Jetzt äussern die Leiste ihren Unmut: «Betroffen sind oft auch Männer, die in der Altstadt wohnen und auf dem Weg nach Hause sind», sagt Stefanie Anliker, Präsidentin der Vereinigten Altstadtleiste (VAL). «Wir erhalten markant mehr Beschwerden von Anwohnern. Sie fühlen sich bedrängt», sagt Anliker.

Die Prostituierten sind nicht alle aufreizend gekleidet. «Darum kommt es umgekehrt auch vor, dass Nicht-Prostituierte von Freiern angesprochen werden», sagt Anliker. Auch Anwohnerinnen fühlen sich unsicherer in den Altstadtgassen.

«Ich habe nichts dagegen, wenn Frauen anschaffen. Aber sie sollen das nicht in einem Wohnquartier wie der Altstadt machen», sagt Anliker.

«Die Anwohner wollen nicht mehr dulden, dass die Altstadt zu einem Strassenstrich wird.»Stefanie Anliker,
Leistpräsidentin

Und sie fügt an: «Die Stimmung ist am Kippen. Die Anwohner wollen nicht mehr dulden, dass die Altstadt zu einem Strassenstrich wird.» Der Leist wandte sich deshalb an die Polizei. «Gemeinsam suchen wir nun nach Lösungen», sagt Anliker.

Mehr Frauen auf der Gasse

Die Kontaktbar Tübeli in der Rathausgasse ist seit Ende Juli geschlossen. Die Tübeli-Bar war ein bekannter Ort für Frauen, die im horizontalen Gewerbe arbeiteten. Während 20 Jahren führte Marianne Gruber das Lokal. Wegen Uneinigkeit über den Mietzins schloss sie die Bar.

«Seither verzeichnen wir eine leichte Zunahme von Schwarz­afrikanerinnen in den Gassen, die nach Kunden suchen», sagt Alexander Ott, Polizeiinspektor der Stadt Bern. Grösstenteils handelt es sich dabei um Nigerianerinnen.

«Vor der Schliessung haben etwa fünf Frauen gleichzeitig in der Altstadt nach Kunden gesucht. Jetzt sind es zehn bis zu fünfzehn», sagt Ott. Über genaue Zahlen, wie viele Frauen insgesamt in der Altstadt anschaffen, verfügt die Polizei aber nicht. Dies, weil die Frauen ihren Aufenthaltsort häufig wechseln.

Die Fremdenpolizei habe die Kontrollen in der unteren Altstadt verschärft: «Bei einer Kontrolle vor ein paar ­Tagen stellten wir fest, dass sie verschiedene Wohnungen in der Gerechtigkeitsgasse nutzen.»

Klar ist hier die rechtliche Situation: Die untere Altstadt gilt vorwiegend als eine gemischte Wohnzone. «Das Betreiben eines Erotik­salons wäre zonenwidrig und ist deshalb verboten», sagt Ott.

Die Räumlichkeiten seien in einem schlechten Zustand. Doch im Mietrecht gilt das Privatrecht, und die Behörden können nicht eingreifen: «Die Frauen leben zur Untermiete. Wir können nichts gegen diese Mietverträge unternehmen», sagt Ott.

Seine Mitarbeiter konnten den Frauen aus Nigeria bisher auch nicht nachweisen, dass sie in den Wohnungen sexuelle Dienste anbieten: «Dieser Nachweis ist schwierig zu erbringen. Finden wir Männer bei den Frauen, sagen sie oft, es seien Bekannte.» Doch nicht alle Frauen nutzen die Wohnungen: «Wir stellen fest, dass gewisse Frauen ihre Dienste in Autos anbieten oder mit den Kunden mitgehen», sagt Ott.

Frauen aus Nigeria

Die meisten der Nigerianerinnen in der Schweiz tragen laut Ott Aufenthaltsbewilligungen aus Spanien oder Italien bei sich. Aufgrund dieser Bewilligungen dürfen sie sich im Rahmen des Freizügigkeitsabkommens in der Schweiz als Touristinnen aufhalten.

«Es gibt einige Hinweise, dass es hinter dieser Vorgehensweise organisierte Strukturen gibt», sagt Ott. «Diese versuchen wir aufzudecken.» Auf die Polizei wartet also ein grosses Stück Arbeit. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.09.2016, 19:12 Uhr

Frauen aus Nigeria

Die meisten Frauen, die die Fremdenpolizei in der Altstadt kontrolliert, stammen aus Nigeria.

Rund 50'000 nigerianische Prostituierte gibt es laut internationalen Organisationen in Europa. Die Frauen prostituieren sich oft, um sich von den Schulden für die Reise freizukaufen.

«Eine Reise kostet bis 30'000 Franken», sagt Alexander Ott, Polizeiinspektor der Stadt Bern.

Viele Frauen sind Opfer von Menschenhandel. Weil sie sich aber vor Repressionen im Heimatland fürchten, getrauen sie sich nicht, gegen die Täter auszusagen.

Eine Rolle spielt auch ein Vodoo-Zauber, der in gewissen Regionen Nigerias praktiziert wird. Bevor die Frauen ihre Reise nach Europa antreten, müssen sie an einem sogenannten Juju-Ritual teilnehmen.

Das Ritual bindet jungen Frauen an die Menschenhändler. In Trance müssen die Frauen schwören, dass sie diese Leute niemals verraten.

Dabei werden den Frauen auch Brandwunden zugefügt. «Der Juju-Kult macht die Frauen zu Sklavinnen», sagt Ott.

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