Thun/Interlaken

«Der Sitz ist dort, wo der Briefkasten steht»

Thun/InterlakenDie «Jungfrau Zeitung» residiert neu in der Konzepthalle 6 in Thun. Der Verlag will in Kürze einen «Anzeiger Berner Oberland» lancieren. Verleger Urs Gossweiler erklärt den Umzug und die Wachstumsstrategie der Zeitung.

Verleger Urs Gossweiler erklärt in der Konzepthalle den Umzug der «Jungfrau Zeitung» von Interlaken nach Thun.

Verleger Urs Gossweiler erklärt in der Konzepthalle den Umzug der «Jungfrau Zeitung» von Interlaken nach Thun. Bild: Markus Hubacher

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Wir treffen uns in der Konzepthalle 6 in Thun. Ist das der neue Sitz der «Jungfrau Zeitung»?
Urs Gossweiler: Die «Jungfrau Zeitung» ist ein virtuelles Produkt. Unsere Mitarbeiter können von überall aus arbeiten – von unterwegs, von zu Hause oder eben auch in der Konzepthalle. So gesehen verfügt die «Jungfrau Zeitung» über 25 Standorte im Berner Oberland. Es ist doch heutzutage nicht mehr wichtig, wo eine Zeitung ihren Sitz hat. Journalisten müssen ja sowieso dort unterwegs sein, wo etwas passiert. Und auch unsere Kundenberater gehen raus zum Kunden.

Und welche Rolle spielt die ­Konzepthalle?
Hier werden wir in Zukunft unsere Sitzungen abhalten und die physische Zeitung produzieren.

Weshalb hier?
Wir wurden von den Verantwortlichen der Konzepthalle angefragt. Auf der 3000 Quadratmeter grossen offenen Arbeitsfläche finden wir ideale Voraussetzungen vor. Es gibt Sitzungsmöglichkeiten, eine Gastroinfrastruktur und ein interessantes Netzwerk.

Das Büro in Interlaken ist schon geschlossen. Was passiert dort?
Wir haben noch einen Mietvertrag bis Ende Jahr.

Aber der Sitz gemäss Handels­register der «Jungfrau Zeitung» und der Gossweiler Media AG wird nach Thun verlegt?
Der Sitz ist dort, wo der Briefkasten steht, und das wird in Thun sein.

«Es ist nicht mehr wichtig, wo eine Zeitung ihren Sitz hat. Journalisten müssen sowieso dort unterwegs sein, wo etwas passiert.»

Befürchten Sie keine negativen Reaktionen im östlichen ­Oberland?
Es gibt 80 Gemeinden im Berner Oberland, und wir können nur in einer sein. Ich verstehe eine gewisse Verärgerung. Aber man muss sehen, dass wir ein Unternehmen mit grossem Investitionsvolumen, aber kleiner Gewinnspanne sind. Steuerlich fallen wir also für eine Gemeinde nicht sehr ins Gewicht. Wir gehen dorthin, wo wir die besten Voraussetzungen für unsere Arbeit finden, das könnte auch Spiez, Hasliberg oder meine Lieblingsortschaft Gadmen sein. Es ist nun aber Thun.

Über Jahre predigten Sie, die ideale Grösse für Ihre Zeitung sei der «Mikrokosmos Jungfrau», der Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli. Seit rund zwei Jahren bearbeitet die «Jungfrau Zeitung» nun das ganze Berner Oberland. Weshalb diese flächenmässige Verdoppelung, bei den Einwohnern gar Vervierfachung des Einzugsgebiets?
Sehen Sie, während dreier Generationen war für unser Unternehmen die Region Brienz das ideale Einzugsgebiet. Dann für ein paar Jahre die Region Brienz-Oberhasli, dann der Mikrokosmos Jungfrau und schliesslich das Berner Oberland. Veränderungen und Anpassungen sind nötig. Das Berner Oberland hat den Vorteil, dass es eine feste Grösse ist und nicht ein künstlicher Begriff wie «Mikrokosmos». Die Grenzen hat schon Napoleon gezogen.

Bedeutet die Abkehr vom «Mikrokosmos» auch die Abkehr vom Versuch, die «Jungfrau Zeitung» in Lizenz anderswo zu kopieren?
Ja, davon sind wir geheilt. Dadurch wurde die jetzige Expansion erst möglich.

Glauben Sie, die «Jungfrau Zeitung» wird in Thun ankommen?
Sonst hätten wir den Schritt nicht unternommen. Aber es ist ein schwieriger Weg und braucht seine Zeit. Wir haben entsprechende Erfahrungen gemacht, als wir 1992 mit der «Hasli-Zeitung» im Oberhasli und 2000 mit der «Jungfrau Zeitung» im Rest des Verwaltungskreises starteten. Es ist ein langer Prozess, vor dem wir grossen Respekt haben. Aber ich denke, wir sind gut aufgestellt. Mit der Jungfrau im Namen und Thun als Standort sind wir ein Medium für das gesamte Berner Oberland.

«Mit der Jungfrau im Namen und Thun als Standort sind wir ein Medium für das gesamte Berner Oberland.»

Viele im Stammland der «Jungfrau Zeitung» befürchten nun, vernachlässigt zu werden. Müssen zum Beispiel die tieferklassigen Fussballvereine aus dem östlichen Oberland hintenan­stehen?
Wir haben unsere Redaktion betreffend Grösse und Kompetenzen ausgebaut. Entsprechend grösser fällt der Output aus. Wir verdoppelten die täglich online publizierten Artikel von durchschnittlich 15 auf 30 und den Umfang der Zeitung von 20 bis 24 Seiten pro Ausgabe auf 28 bis 40. Das heisst, es erscheinen nicht weniger Artikel über Interlaken, aber halt auch solche über Heimberg, solange sie relevant fürs Berner Oberland sind.

Sie befürchten also nicht, bestehende Leser zu verärgern?
Wir stellen Verärgerungen im gesamten Berner Oberland fest. Das gibt mir ein gutes Gefühl: Wenn ­alle verärgert sind, weil sie glauben, ihre Region komme zu kurz, kann die Aufteilung so schlecht nicht sein.

Sie haben die Redaktion aus­gebaut, das braucht Geld. Woher kommt es?
Den Ausbau finanziert die Gossweiler Media AG zu 100 Prozent aus eigener Kraft.

Wie ist das möglich? Vor vier­einhalb Jahren stand das Unternehmen kurz vor dem finan­ziellen Aus.
Damals befanden wir uns in einer sehr schwierigen Situation. Wir mussten die getätigten Inves­titionen für die gescheiterte Schwesterzeitung ONZ in der ­Innerschweiz verkraften, gleichzeitig investierten wir in Vorarbeiten für mögliche Schwesterzeitungen in Zürich. Um das Überleben der Firma zu sichern, war ein massiver Schnitt nötig.

«Wenn ­alle verärgert sind, weil sie glauben, ihre Region komme zu kurz, kann die Aufteilung so schlecht nicht sein.»

Welcher?
Wir verkauften Liegenschaften, konzentrierten uns auf einen Standort und stellten Aktivitäten, die nichts mit dem Kerngeschäft – der Zeitung – zu tun hatten, ein. Es waren schmerzhafte Massnahmen dabei, wie etwa die Streichung des Giessbach-Meetings mit der Verleihung des Preises Herbert. Doch es zahlte sich aus, und ich glaube, wir konnten sie so umsetzen, dass der Leser nicht tangiert wurde.

Und heute ist die «Jungfrau Zeitung» finanziell gesund?
Die Zeitung selbst warf ja eigentlich immer Gewinn ab, nur ­wurden damit andere Projekte ­finanziert.

Unnötige Projekte?
Das kann man so nicht sagen. Viele zeugten Resultate, von denen die «Jungfrau Zeitung» heute profitieren kann – etwa unser eigenes Workflowsystem G-OS.

Zurück zur Ursprungsfrage: Ist die Gossweiler Media AG heute finanziell gesund?
Ja. Seit dem Schnitt vor viereinhalb Jahren steht das Unter­nehmen, erstmals seit ich vor 25 Jahren CEO wurde, ohne Schulden da.

Das verwundert. In den letzten Monaten zählte ich durchschnittlich rund vier Seiten Inserate pro Ausgabe. Früher waren es mehr.
Der Eindruck täuscht, einerseits, da die einzelne Ausgabe mehr Seiten hat. Andererseits, weil Werbung vermehrt in einer Textform erscheint und so weniger auffällt. Weiter verzeichneten wir eine starke Zunahme bei der Onlinewerbung, und der erhöhte Abopreis spielt auch eine Rolle.

Ist eine Paywall für die Onlinenutzung der «Jungfrau Zeitung» ein Thema?
Nein, das kommt nicht infrage. Wir verstehen das Angebot als Service public.

«Die Zeitung selbst warf ja eigentlich immer Gewinn ab, nur ­wurden damit andere Projekte finanziert.»

Stimmt es, dass Sie neben der «Jungfrau Zeitung» auch einen Anzeiger publizieren wollen?
Das ist richtig. Start für den «Anzeiger Berner Oberland» ist am 6. April.

Braucht es einen weiteren Anzeiger im Berner Oberland?
Am linken Thunerseeufer wohnen über 100'000 Menschen. Wenn ein Unternehmen diese beispielsweise mit einer Stellenanzeige erreichen will, muss es die Annonce in vier verschiedenen Amtsanzeigern publizieren. Und das in einem Gebiet, das man in 20 Minuten mit dem Auto durchfahren kann. Das kann es nicht sein. Unser Anzeiger im Tabloidformat mit rund 36 Seiten soll jeweils am Donnerstag erscheinen und in 70'000 Haushalte verteilt werden.

Wo?
Überall im Berner Oberland mit Frühzustellung.

Was wird der Inhalt sein?
Stellen-, Immobilien- und Veranstaltungsanzeigen, Todesanzeigen, der Veranstaltungskalender und auch redaktionelle Inhalte, aber nur prospektive, also Veranstaltungshinweise.

Und wer bezahlt diese ­Investition?
Ebenfalls wir selbst. Da wir kombinierte Inseratepakete anbieten, muss alles aus einer Hand kommen.

Also fliessen oder flossen zuletzt keine fremde Mittel in den geplanten Anzeiger oder die «Jungfrau Zeitung»?
Das ist so.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.01.2017, 06:03 Uhr

Von Brienz über Interlaken nach Thun

Die «Jungfrau Zeitung» erscheint jeweils am Dienstag und am Freitag. Sie wurde im Jahr 2000 von der Gossweiler Media AG, die auch «Der Brienzer» und «Der Oberhasler» herausgibt, lanciert. Inhaltlich sind die drei Titel identisch. Zum Verbund gehört auch das «Echo von Grindelwald», herausgegeben von der Sutter Druck AG. Mit Ausnahme von amtlichen Publikationen der Gemeinde Grindelwald übernimmt das «Echo» den Inhalt der «Jungfrau Zeitung».

Zurzeit arbeiten laut CEO Urs Gossweiler 30 Personen bei der Gossweiler Media AG. Die Auf­lage der «Jungfrau Zeitung» (inkl. «Der Brienzer» und «Der Oberhasler) beträgt 6494. ­Online weist sie durchschnittlich 34'729 Nutzer und 322'444 Seitenabrufe pro Woche auf. In den letzten Jahren hat das Verlagshaus die Niederlassung in Meiringen und den ehemaligen Hauptsitz in Brienz geschlossen. Und nun diese Woche den aktuellen Hauptsitz an der Aarmühlestrasse in Interlaken.

Neu residiert das Unternehmen in der Konzepthalle 6 in Thun. Damit verbleibt die Redaktion des «Berner Oberländers» in Interlaken als einzige Zeitungsredaktion im östlichen Oberland. Stefan Geissbühler, Chefredaktor «Berner Oberländer» und «Thuner Tagblatt», betont denn auch die Bedeutung dieses Standortes: «Von hier aus sorgen wir weiterhin täglich für eine umfassende Berichterstattung über das gesamte östliche Oberland.» sgg

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