Steffisburg

Solidarische Gemeinschaft wird 100-jährig

Steffisburg Mit dem Gwärbtag 2016 feiert der Handwerker- und Gewerbeverein Steffisburg am Freitag und Samstag sein 100-Jahr-Jubiläum. Der Verein, der sich im Ersten Weltkrieg zusammenschloss, zählt heute 200 Mitglieder mit geballter Wirtschaftskraft.

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«Es war einmal ein Zwerg, der war 1,89 Meter gross», heisst es im kürzesten Märchen der Welt des berühmten Schriftstellers und Kabarettisten Franz Hohler. Es könnte aber auch lauten «Es war einmal ein Dorf, das hatte fast 16 000 Einwohner.»

Die Rede ist von Steffisburg, der Gemeinde, die an der Bezeichnung «Dorf» eisern festhält, obschon sie die Grösse einer Stadt längst erreicht hat. Warum auch nicht ein Dorfbewusstsein? Es ist allemal besser, ein grosser Zwerg als ein kleiner Riese zu sein.

Am Freitag und Samstag feiert der Handwerker- und Gewerbeverein Steffisburg das 100-Jahr-Jubiläum und zeigt mit eindrucksvollen Präsentationen seine Wirtschaftskraft. Am Tag der offenen Tür am Samstag (vgl. Kasten) öffnen rund 50 Betriebe von 9 bis 16 Uhr ihre Pforten.

Mit etwa 6000 Arbeitsplätzen gehört Steffisburg nicht zu den Kleinwüchsigen. Vom Autohaus über Blumenläden, die Druckerei und einen Kernbohrungsspezialisten bis hin zur Veranstaltungstechnik reicht das gewerbliche Spektrum.

Zeit des Wandels

Der Handwerker- und Gewerbeverein Steffisburg fand im Jahr 1916 zusammen. Die Jahrtausendwende vom 19. zum 20. Jahr­hundert zeichnete sich durch ­rasante Neuerungen aus.

Das Pferdefuhrwerk wurde durch die Eisenbahn abgelöst und die Transportzeiten um ein Vielfaches verkürzt. Bergbahnen mit verwegenen Konstruktionen eroberten die Gipfel. Dampfmaschinen, Benzinmotoren und Benzinkutschen ermöglichten Massenfabrikation und Mobilität.

Auch im beschaulichen Steffisburg begann die Neuzeit. Am Mühlibach, einem der ältesten Industriegewässer in der Schweiz, das schon im 14. Jahrhundert als solches schriftlich erwähnt wurde, konnten sich Gewerbebetriebe an­siedeln, die von der Energie der zahlreichen Wasserräder profitierten.

In der Nachbarschaft in Thun entstanden neue Industrien wie die Selve-Metallwerke, die Hoffmann-Dosenfabrik und vor allem die verschiedenen eidgenössischen Betriebe auf dem Mi­litärareal.

In Steffisburg beschäftigten die Brunette-Zigaretten­fabrik, die Tuchfabrik Stucki, ­Berna Milk Co. und deren Nachfolgerin, die Astra Fett- und Oelwerke AG sowie die Maschinenfabrik Fritz Studer eine grosse Zahl Arbeiter und Angestellte.

Arbeiten und Wohnen

Sogar ein Elektrotram zuckelte von 1914 bis 1940 von Interlaken bis nach Steffisburg. Häuser wurden gebaut, die Bevölkerung wuchs, und fortschrittliche Gemeindeführung ermöglichte den Bau zweier Schulhäuser im Kirchbühl und an der Bernstrasse, die noch heute beste Dienste leisten.

«Steffisburg ist immer eigenständig gewesen», erzählt Druckereiunternehmer Armin Gerber nicht ohne Stolz. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Steuern noch am Arbeits- und nicht am Wohnort zu bezahlen waren, verarmten viele Dörfer. Steffisburg blieb verschont, weil die Bürger hier arbeiteten und wohnten.

Mitten in die blühende Konjunktur schlug der Erste Weltkrieg tiefe Wunden. Aus dem mit Begeisterung begonnenen Krieg wurde ein grausames Ringen mit Millionen von Toten, viel Not und Elend.

Die Steffisburger Handwerksbetriebe standen vor grossen Herausforderungen. Ein Teil der Angestellten leistete Militärdienst. Materialien wurden knapp, eine soziale Absicherung gab es weder für Arbeiter noch für Selbstständige, die Militärdienst leisteten. Für Lebensmittel mussten Rekordpreise bezahlt werden.

In der ganzen Schweiz schlossen sich Handwerk und Gewerbe zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen. 1916 gründeten 15 Steffisburger Unternehmer den Handwerker- und Gewerbeverein Steffisburg (HGV), der bald 86 Mitglieder zählte.

«Der Bierbrauer und der Gerber sollen zu den Gründungsmitgliedern gehört haben», weiss Armin Gerber. Allerdings seien die Protokolle von damals nicht auffindbar. «Ich werde mich aber auf die Suche machen. Bestimmt liegen die Unterlagen bei irgendjemandem im Estrich», hofft der Kenner der Dorfgeschichte.

Wende mit Umzug

Eine ernste Prüfung erlebten die Vereinsmitglieder mit der schweren Rezession der Dreissigerjahre. Einen Wendepunkt brachte die zweite Gewerbeausstellung im Jahr 1936 mit einem Gewerbe­umzug durch das Dorf.

Die Aufrüstung begann, die eidgenössischen Betriebe stellten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges viel Personal ein. In Steffisburg setzte wiederum eine rege Bau­tätigkeit ein. Am Bösbach und im Eichfeld wurden stattliche Häuser gebaut, im Aarefeld entstand eine neue Siedlung, und im Schwäbis wurden die ersten Wohnblöcke errichtet.

Mit Firmen wie Meyer und Burger AG, Hans Rychiger AG und Moser Fahrzeugbau entwickelten sich das Gewerbe und die Industrie ­zukunftsweisend. Vor allem im Dienstleistungssektor konnte der HGV neue Mitglieder begrüssen. Die gute Entwicklung ging weiter. Trotz einiger Schwankungen der Konjunktur und dem Verschwinden von altem Gewerbe und kleiner Läden gibt es heute viele in­novative Unternehmer im grossen Dorf.

Höhepunkte für das Steffisburger Gewerbe waren die gut besuchten Gewerbeausstellungen in den Jahren 1991, 1996, 2001 und 2006. Sicherlich wird auch der Gwärbtag 2016 mit der Jubiläumsfeier, die um 20.16 Uhr beginnt, ein voller Erfolg. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 27.05.2016, 11:00 Uhr

Programm Gwärbtag 2016

Freitag, 27. Mai 13.30 bis 18 Uhr: Berufsschnuppertag für Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klassen. Geführte Betriebsbesichtigungen. 18 bis 22 Uhr: Spaghettiplausch à discrétion in der Oberstufenschule Schönau. DJ Lemu in der Aula.

Samstag, 28. Mai 9 bis 16 Uhr: Tag der offenen Tür. Gewerbebetriebe ge­währen Blicke hinter die Ku­lissen, mit Wettbewerben und Aktionen. Es fährt ein Shuttlebus zwischen den rund 50 Betrieben. 20.16 Uhr: Jubiläumsfeier «100 Jahre HGV Steffisburg», Festbetrieb und Unterhaltung in der Aula der Oberstufenschule Schönau. Steelband Poco loco, Steffisburg, und DJ Peter. Eintritt frei.

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