Thun

Stadt konnte die Eltern nicht besänftigen

ThunDie Thuner Schule Seefeld ist in miserablem Zustand. Um aufgebrachte Eltern zu beschwichtigen, organisierte die Stadt am Mittwochabend einen Infoanlass. Dieser Plan ging nicht auf

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«Ich fühle mich völlig unverstanden und nicht ernst genommen», sagt eine Mutter, die nicht namentlich genannt werden will, gegenüber dieser Zeitung. «Der Informationsanlass der Stadt vom Mittwochabend war eine grosse Enttäuschung.»

An jenem Anlass sollten Eltern, deren Kinder die Primarschule Seefeld besuchen, darüber informiert werden, wie es mit der Schule in Zukunft weitergeht. Untergebracht ist diese seit über 20 Jahren in einer mittlerweile baufälligen Baracke an der Äusseren Ringstrasse.

Keine Entschuldigung

Nebst zahlreichen Missständen am Gebäude – so hat es etwa ein undichtes Dach im Kindergarten, die Isolation ist schlecht und die Fassade blättert ab – führte auch die Kündigung zweier Lehrkräfte dazu, dass aufgebrachte Eltern bei der Stadt vorstellig wurden. Dort habe man bereits länger einen Informationsanlass geplant gehabt, sagte Gemeinderat Roman Gimmel (SVP), Vorsteher der Direktion Bildung, Sport und Kultur, gegenüber dieser Zeitung. Im Vorfeld des Anlasses hatten betroffene Eltern einen Fragenkatalog ausgearbeitet und diesen dem Gemeinderat zukommen lassen.

«Auf unsere Fragen sind die Vertreter der Stadt überhaupt nicht eingegangen», ärgert sich die eingangs erwähnte Mutter weiter. Stattdessen hätten die Redner, namentlich Roman Gimmel, Frank Heinzmann, Chef des Amts für Bildung und Sport, sowie Thomas Zumthurm, Leiter des Amtes für Stadtliegenschaften, mehrheitlich die Schulraumplanung der vergangenen Jahren rekapituliert, die auch die Schule Seefeld umfasst. Besonders erschreckend für jene Mutter sowie einen anwesenden Vater war, dass die Stadt bezüglich möglicher gesundheitsgefährdender Substanzen im Gebäude den Ball an die ­Eltern zurückgespielt habe: «Man wies uns darauf hin, dass wir als Eltern den Behörden ja nicht mitgeteilt hätten, dass möglicherweise Asbest oder Schimmel in der Gebäudesubstanz zu finden sei», so der betroffene Vater. Erst auf massiven Druck der Eltern und unter Androhung einer Arbeitsplatzinspektion durch das Beco Berner Wirtschaft habe die Stadt sich bereit erklärt, ein Gutachten erstellen zu lassen, das zeigen soll, ob der Zustand des Gebäudes gesundheitsschädigend sei. Ein weiteres Zugeständnis der Stadt sei, dass man den Fragenkatalog der Eltern schriftlich beantworten werde. «Das ist positiv», sagt die betroffene Mutter. «Ich hätte mir aber gewünscht, dass die Verantwortlichen sich entschuldigen und eingestehen, dass Fehler passiert sind.» Ein Vater habe am Infoanlass eine direkte Entschuldigung gefordert, darauf sei nicht eingegangen worden.

Umzug in Gymer-Räume?

Wenige Tage vor dem Infoanlass war in der Baracke ein Teppich ausgewechselt worden (wir berichteten). Auf die Frage, was als Nächstes im Schulhaus renoviert werden solle, kam vonseiten der Stadt keine konkrete Antwort. Immerhin hätten die Verantwortlichen versprochen, in Zukunft klar über weitere geplante Massnahmen im Schulhaus zu kommunizieren, sagt ein weiterer betroffener Vater. Das bestätigte auch Roman Gimmel. «Wir haben von einigen Eltern unmissverständlich mitgeteilt bekommen, dass das Fass nicht nur voll ist, sondern am Überlaufen. Es gab viele Fragen mit Ausrufezeichen und auch astreine Vorwürfe», sagte der Gemeinderat auf Anfrage. «Viel Frust und Aggressionen waren zu spüren.» Ihm sei klar, dass man die aufgestauten Emotionen nicht während eines Anlasses wie jenem vom Mittwochabend abbauen könne. «Wir konnten aufzeigen, wie lange wir uns bereits mit dem Schulhaus Seefeld beschäftigen, doch jetzt müssen Taten folgen.» Was konkret gemacht wird, konnte Gimmel noch nicht sagen. «Wir haben diesen Abend organisiert, um die Eltern darüber zu informieren, was bisher bereits alles geschah, wo wir heute stehen und welche Szenarien, Varianten und Massnahmen kurz- und langfristig denkbar sind, und nicht um fertige Lösungen zu präsentieren.»

Die Stadt ist sich des miserablen Zustandes des Gebäudes jedoch bewusst und liess gestern per Medienmitteilung verlauten, dass die Baracke «am Ende ihrer Nutzungsdauer und demzufolge in einem mangelhaften Zustand» sei. Man erledige nur noch dringende Unterhaltsarbeiten, da das Gebäude als Liquidationsobjekt klassifiziert sei und abgebrochen werden soll. Auf Anfang 2018 wird ein Entscheid des Kantons darüber erwartet, ob das Gymnasium Thun künftig am Standort Schadau zusammengelegt werden wird. Ist dies der Fall, wäre das eine Möglichkeit für die Schule Seefeld, in die Räume des heutigen Gymnasiums im Seefeld-Quartier einzuziehen. Dies würde aber erst im Jahr 2025 geschehen.

Am Infoanlass wurden den Eltern zwei Versionen von Übergangslösungen präsentiert. Die erste sieht ab Herbst 2017 eine Verlegung des Kindergartens an die Schubertstrasse 10 vor. Dort befindet sich – auch in einem ­Pavillon, der nun ebenfalls auf ­gesundheitsschädigende Stoffe untersucht wird – eine weitere Kindergartenklasse. Die zweite Variante beschreibt den Umzug des Kindergartens und der Primarschule an die Schubertstrasse 10, aber dies wäre frühestens in einem Jahr möglich. Am Infoanlass war auch Hans-Ueli Ruchti, Rektor des Gymnasiums Thun, anwesend. Von Elternseite kam die Frage auf, ob nicht bereits so schnell wie möglich die beiden Primarschulklassen des Seefeld-Schulhauses in den Räumen des Gymnasiums unterkommen könnten, falls der Kindergarten im Herbst an die Schubertstrasse verlegt werden würde. «Hans-Ueli Ruchti wird dies abklären», sagte Roman Gimmel gestern.

«Ernüchternder Anlass»

«Es war schön, zu sehen, wie viel Solidarität unter den Eltern herrscht», sagt der betroffene ­Vater. «Ansonsten war der Anlass ernüchternd. Man gab uns das Gefühl, selber schuld daran zu sein, dass bisher nie etwas geschehen ist. Der Abend ist bei den meisten Anwesenden sehr schlecht angekommen.»

Die Stadt «bedauert die Entwicklung der Situation im Seefeld, nimmt die Anliegen der Eltern ernst und behandelt diese unmittelbar», schreibt sie im Communiqué. Als nächster Schritt werden die betroffenen Eltern am 19. Juni zu einem Orientierungsanlass zur Führung und Personalsituation in der Schule Seefeld durch die Schulkommission und die Schulleitung eingeladen. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 01.06.2017, 21:09 Uhr

Die Baracke ist über vierzig Jahre alt

Die Baracke, in welcher die heutige Primarschule und der Kindergarten Seefeld eingerichtet sind, ist bereits 42-jährig. Sie wurde 1975 ursprünglich als Malerwerkstätte für die Ausbildung der Malerlehrlinge errichtet. Im Jahr 1983 erfolgte gemäss den Angaben der Stadt eine Gesamtsanierung beziehungsweise ein Umbau durch die Frutiger AG als Generalunternehmerin für das Werkjahr Thun.

1994 schliesslich zog dieses 10. Schuljahr in die Schlossbergschule (später nach Spiez), und die Räumlichkeiten wurden frei für die damalige Übungsschule, die bis zu diesem Zeitpunkt in den Räumlichkeiten des Seminars, des heutigen Gymnasiums, angesiedelt war.

Gründe für diesen Umzug der Schule, die von Kindern aus dem Seefeldquartier besucht wurde, waren die Umstellung auf das Schulmodell 6/3 sowie die Umgestaltung des Seminars in ein musisches Gymnasium, das nun selber mehr Platz brauchte. So entstand in der damals beinahe 20-jährigen Baracke die Primarschule Seefeld mit zwei Mischklassen (1. bis 3. Schuljahr sowie 4. bis 6. Schuljahr) und einem Kindergarten. pd/don

Schulkommission reicht Anzeige ein

Die Mittelstufenlehrerin Sandra Luginbühl hat in ihrem Schreiben an die Eltern neben den baulichen Zuständen der Schule (siehe Haupttext) auch pädagogisch-didaktische Gründe für ihre Kündigung ins Feld geführt.

«Wir behandeln die Vorwürfe, die im Zusammenhang mit der Kündigung an uns gerichtet wurden, mittels einer aufsichtsrechtlichen Anzeige gegen die gemeinsame Schulleitung der Schulen Pestalozzi, Göttibach und Seefeld», erklärte der Präsident der Thuner Schulkommission, Mark van Wijk, auf Anfrage.

«Wir werden die Aussage, dass pädagogisch-didaktische Anliegen im Schulkreis zu wenig in den Blick genommen werden, genauer untersuchen, mit den einzelnen involvierten Personen sprechen und die ­Resultate anlässlich eines separaten Informationsanlasses am 19. Juni den Eltern vorstellen», umriss Mark van Wijk das weitere Vorgehen.

Für die pädagogischen Anliegen sei allein die Schulkommission verantwortlich. Dies sei auch der Grund, weshalb die Stadt am Informationsanlass vom Mittwoch nur auf die baulichen Aspekte eingehen werde. don

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