Wenn sich Heinzelmännchen über Funk kontaktieren

Zum 18. Mal fungiert Thun mit der Schweizer Künstlerbörse als Hauptstadt der Kleinkunst. Applaus ernten die 73 Künstler. Die ausgetüftelte Schwerarbeit der insgesamt über hundert Fleissigenhinter den Kulissen wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Ein Besuch bei den Aufbauarbeiten.

Ohne Technik geht nichts, sei es bei den Vorbereitungen, sei es an der Künstlerbörse.

Ohne Technik geht nichts, sei es bei den Vorbereitungen, sei es an der Künstlerbörse. Bild: Patric Spahni

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Ein Feuerwehrauto lässt den Verkehr auf der Seestrasse etwas erlahmen, denn gerade werden von schwindelfreien Mitarbeitern auf der ausgefahrenen Leiter die türkisfarbenen Riesenbanner am KKThun befestigt. Im Foyer balancieren Innenausstatterinnen auf einem Gerüst, um die typischen Hängelampen mit Konterfeis von Kleinkünstlern zu installieren.

Produktionsleiter Laurent Sandoz scheint einen Zentimeter über dem Boden zu schweben, während er sich dynamisch fortbewegt. Diagnose: Adrenalin bis in die Haarspitzen. In knappen Sätzen teilt er seinem Stellvertreter über Funk mit, er möge zum Pressegespräch kommen.

«Lucas Hallauer ist meine rechte Hand und kann viel besser Deutsch als ich», spricht er und ist – wusch – wieder weg. Im Vorraum zur Zentrale, im Backoffice und im KTV-Büro im ersten Stock zeigt der gelernte Veranstaltungsfachmann EFZ grinsend auf den Kaffeevollautomaten: «Das ist unser wichtigstes Gerät!» Gut gelaunt taucht die Geschäftsführerin der Vereinigung KünstlerInnen – Theater – VeranstalterInnen, (KTV ATP), Anne Jäggi, kurz auf.

«In unserer Branche gibt es kein ‹Das machen wir morgen›.»Lucas Hallauer

Die Zentrale wird zuallererst eingerichtet. Mehrere Computerarbeitsplätze, zwei grosse Bildschirme mit Bild von den Hotspots der Künstlerbörse, Stellwände mit Plänen für Technik, Arbeitsplätze oder Überwachungskameras geben den Profis den Überblick, der den Laien Fragezeichen ins Gesicht malt.

Normalerweise würden sie schon am Sonntag vor dem Startschuss anfangen aufzubauen, erzählt Hallauer. Weil Ostern in die Quere kam, gestaltete dies die Organisation etwas speziell. Das Know-how der Eclipse AG und der über vierzig freiwilligen Helfer, die seit Anbeginn der Künstlerbörse in Thun die Treue halten, lässt manchen Handgriff wie automatisch erscheinen.

«In unserer Branche gibt es kein ‹Das machen wir morgen›», weiss Lucas Hallauer. Eigentlich ginge die Planung schon kurz nach der Künstlerbörse los, die heisse Phase beginne dann drei Monate vorher.

«Ich bin aber auch schuld, wenn alles läuft.»Toby Müller

Im Lachensaal wuchten behelmte Männer des Zivilschutzes Thun die Elemente der Tribüne hoch und fügen sie im Baukastensystem ineinander. Später wird der Saal zu zwei Dritteln abgetrennt, im letzten Drittel entsteht die Nightbar, die nach den Vorstellungen zum Absacken einlädt.

Links von der Schadau­saalbühne residiert der Stage­manager Toby Müller, der mit Intercom, einem technischen Kommunikationssystem, den reibungslosen Austausch zwischen Regie und Technik koordiniert. Eine Batterie von Headsets für die Künstler hat Müller schon auf einem Tisch drapiert. «Toby ist immer schuld, wenn was schiefläuft», feixt Lucas Hallauer. «Ich bin aber auch schuld, wenn alles läuft», kontert der Stage­manager lächelnd.

Produktionsleiter Laurent Sandoz taucht wie aus dem Boden gewachsen auf der Schadau­saalbühne wieder auf. Sein Telefon klingelt im Minutentakt. «Der Strom für die Expo muss noch gelegt werden», erklärt Sandoz. Gemeint ist die Tiefgarage des KKThun, in der gerade ein grasgrüner Teppich gelegt wird. Hier präsentieren an die hundert Stände von Künstlern und Veranstaltern ihre Angebote.

Aufbauarbeiten für die Künstlerbörse im KKThun: Lucas Hallauer zeigt den zur Garderobe umfunktionierten Luftschutzkeller. Bild: Patric Spahni

In einer Ecke der Garage ist das Schweizer Radio mit einer kleinen Bühne vertreten, das live vom Ort des Geschehens berichtet. Das Netzwerkkabel fürs Radio habe er soeben verlegt, lässt ein Techniker wissen. Wer mit dem Auto kommt, muss während der Künstlerbörse auf die Lachenwiese ausweichen.

Der sogenannte Patch samt Assistent hat alle Mikros im Griff, eine Crew von fünf Mitarbeitern ist für die Bühne zuständig, und zwei Techniker sind für Ton und Licht verantwortlich. Dazu laufen im Schadausaal zwei Kameras für die Liveübertragung im Haus und ins Internet. Die Hälfte der Gästegarderobe im Foyer muss dem Videoschnittstudio und der Tontechnik weichen.

In den Katakomben des KKThun befinden sich fünf gemütliche Künstlergarderoben und eine Cateringküche, in der die freiwilligen Helfer für das leibliche Wohl der Kleinkünstlerinnen und Kleinkünstler sorgen. Zusätzlich wird auf den Luftschutzraum zurückgegriffen, der sich zur grossen, geschmackvoll eingerichteten Garderobe gemausert hat. Denn vom 20. bis 23. April treten täglich rund zwanzig verschiedene Akteure im 20-Minuten-Takt auf.

«Wir sind die Heinzelmännchen. Wenn kein negatives Feedback kommt, waren wir gut!»Lucas Hallauer

Bis zur öffentlichen Generalprobe am Mittwoch um 20 Uhr werden alle Zahnrädchen ineinandergreifen zur 58. Schweizer Künstlerbörse. «Wir sind die Heinzelmännchen. Wenn kein negatives Feedback kommt, waren wir gut!», sagt der Veranstaltungsprofi Lucas Hallauer fröhlich. Eine spezielle Vorliebe für einen der vielen Kleinkünstler habe er nicht, verrät er, vielmehr freue er sich, von einem Auftritt überrascht zu werden, dann schaue er gern mal zwei Minuten rein. Mehr Zeit bleibt nicht.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 19.04.2017, 13:34 Uhr

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