Thun

In Bern verurteilt – in Thun verehrt

ThunAm 10. Mai 1824 starb Friedrich Koch. Wegen seiner angeblichen Beteiligung am Oberländeraufstand von 1814 bestrafte Bern Friedrich Koch mit Gefängnis. In Thun jedoch galt er zu Recht als «der eifrigste Bürger für das Gedeihen seiner Vaterstadt».

Ein Foto von Friedrich Koch existiert nicht, jedoch wurde der Verlauf der Verhandlung gegen die Thuner schriftlich festgehalten und zeit­genössisch ­gedruckt in der Publikation «Prozedur in Sachen der Herren Friedrich Koch, Rudolf Eggemann, Samuel Tschaggeni und Samuel Koch. Thun 1814». Im Bildausschnitt ist das Urteil (vgl. auch Kasten) zu lesen.

Ein Foto von Friedrich Koch existiert nicht, jedoch wurde der Verlauf der Verhandlung gegen die Thuner schriftlich festgehalten und zeit­genössisch ­gedruckt in der Publikation «Prozedur in Sachen der Herren Friedrich Koch, Rudolf Eggemann, Samuel Tschaggeni und Samuel Koch. Thun 1814». Im Bildausschnitt ist das Urteil (vgl. auch Kasten) zu lesen. Bild: zvg / Stadtarchiv

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Friedrich Koch absolvierte in seiner Jugend eine kaufmännische Ausbildung. 1796 heiratete er Elisabeth Stähli, die Ehe blieb kinderlos. Bei Ausbruch der Helvetischen Revolution 1798, als die Franzosen die Schweiz besetzten, war Koch Kaufmann für Leinwand und Käse in Thun.

Als Anhänger der neuen Ordnung übernahm er während der Helvetik (1798–1803) die undankbare Stelle eines «Obereinnehmers» (oberster Steuerbeamter) des Kantons Oberland sowie jene des Direktors der Katasterarbeiten.

Nach dem dritten helvetischen Staatsstreich vom Oktober 1801 demissionierte er aus politischen Gründen. Während der Mediationszeit (1803–1813), in der ­Napoleon der Schweiz wieder mehr Autonomie zugestand, übernahm er aber Regierungsverantwortung in der Stadt Thun: 1803 wurde er in den Grossen Rat und 1811 in den Kleinen Rat gewählt.

Sein Leben nahm 1814, als die Berner Patrizier wieder regierten, eine unerwartete Wende. Am 26. August wurde er zusammen mit weiteren Thuner Bürgern wegen Beteiligung am Oberländeraufstand verhaftet. Ihm wurde vorgeworfenen, seinen Vetter Samuel Koch ins Oberland geschickt zu haben, um den Aufständischen die Unterstützung der Thuner zuzusichern.

Die «Prozedur 1814»: Die Auftaktseite der Urteilsverkündung gegen ­Friedrich Koch und die anderen beteiligten Thuner. Bild: zvg/Stadtarchiv

Im Auge der bernischen Restaurationsregierung war dies ein Verbrechen, das streng geahndet werden sollte. Sein Bruder Karl Koch, damals Anwalt in Bern, verteidigte ihn zusammen mit dem bekannten Juristen Prof. Ludwig Samuel Schnell, doch sie konnten das harte Urteil nicht verhindern: Friedrich Koch wurde zu vier-jähriger Haft in der Spinnstube des Spitals in Bern verurteilt.

Ausserdem mussten die Thuner die Hälfte der durch den Aufstand für die Regierung angefallenen Kosten von 10 000 Pfund bezahlen. Davon wurden Koch 2500 Pfund in Rechnung gestellt. Zudem verlor er seinen Sitz im Kleinen Rat.

Nicht wählbar für Kleinen Rat

In Thun war man mit diesem Vorgehen der Berner Regierung gar nicht einverstanden. Als Venner Moser darauf drängte, die frei ­gewordene Ratsstelle wieder zu besetzen, wurde beschlossen, die Neubesetzung vorerst um drei Monate zu verschieben. Friedrich Koch stand in hohem Ansehen, und nachdem er 1815 nach Absitzen eines Teils seiner Strafe freikam, nahm er bereits 1816 wieder Einsitz im Grossen Rat.

Noch im gleichen Jahr wollten die Thuner ihn auch wieder in den Kleinen Rat wählen, doch ein Gutachten aus Bern verhinderte dies mit der formaljuristischen Begründung, dass er «wegen Nichtvollendung der Wartezeit von sechs Jahren» nach seiner Berufung in den Grossen Rat nicht wählbar sei.

Textilien aus Hanf und Flachs

Friedrich Koch setzte sich daraufhin auf andere Art für seine Stadt und für das Gemeinwohl ein. Er war Mitglied der kantonalen Naturforschenden und der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und präsidierte das Thuner Komitee der Oekonomischen Gesellschaft Bern. Er interessierte und engagierte sich für die Alpwirtschaft und die Textilproduktion.

1824 erschien posthum sein Werk «Ansichten über den Leinenhandel, die Stofferzeugung, und deren Beförderungsmittel in dem Kanton Bern», das zeitgenössisch auch unter dem Titel «Ansichten über das Pflanzen und Zubereiten von Hanf ‹Rysten› und Flachs» gedruckt wurde. Es wurde als Anleitung verbreitet und von der Landbevölkerung benutzt, die damals in der Regel noch selber die Textilfasern Hanf und Flachs produzierte und verarbeitete.

Pfarrer Fetscherin in Sumiswald schrieb 1827, die «vortreffliche Schrift des verewigten Koch von Thun, die hier ungemein beliebt und geschätzt» sei, habe viel bewirkt. Kochs vielseitiges Engagement für das Gemeinwohl war über Thun hinaus bekannt.

Die offizielle Rehabilitierung der verurteilten Thuner durch die Berner Regenerationsregierung im Jahr 1832 durfte Friedrich Koch jedoch nicht mehr erleben. Er verstarb 1824 unerwartet im Alter von nur 49 Jahren.

Die Autorin gehört zum sieben­köpfigen Historikerteam, welches im Auftrag des Vereins Thuner Stadtgeschichte die jüngere Stadtgeschichte aufarbeitet. Das Gesamtwerk erscheint voraussichtlich 2018. Diese Zeitung publiziert in loser Serie einzelne Themen aus dem Fundus an ­Recherchen. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 19.05.2017, 11:48 Uhr

Das Urteil

Die Verkündung des Urteils gegen Friedrich Koch und die anderen beteiligten Thuner ist in der «Prozedur 1814» nachzulesen – im Bild nach dem Wort «erkennt»:

• Die §§ 74 und 101 des peinlichen Gesetzbuchs, wie auch die Art. 3 und 4 der Verordnung vom 27. Juny 1803, nebst der Proklamation vom 20. Jenner 1814, finden hier ihre Anwendung.

In Milderung derselben:
• 1) Solle Herr Rathsherr Friedrich Koch seiner Magistratsstelle von Thun entsetzt, zu allen bürger­lichen Ehren und Aemtern auf immer unfähig erklärt, und auf seine Kosten zu vierjähriger Einsperrung in dem Spital von Bern, oder in einem andern der Regierung gefälligen Gefängnis verfällt seyn.

• 2) Herr Rudolf Eggemann seiner Magistratsstelle von Thun entsetzt, auf immer zu allen bürgerlichen Ehren und Aemtern unfähig seyn, und auf seine ­Kosten zwey Jahre lang in den Spital von Bern eingesperrt ­werden.

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