Thun

Schweizer Kultur muss gelernt sein

ThunWas bedeutet in der Schweiz Pünktlichkeit? Wie geht man mit dem anderen Geschlecht um? Wie sucht man eine Wohnung? Solche Fragen werden in den Kursen der Thuner Kulturschule für Asylsuchende beantwortet.

Kamil Girgis (Mitte) spricht an der Kulturschule über den korrekten Umgang mit dem anderen Geschlecht.

Kamil Girgis (Mitte) spricht an der Kulturschule über den korrekten Umgang mit dem anderen Geschlecht. Bild: Irina Eftimie

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Rund 66 700 Personen befinden sich in der Schweiz momentan im Asylprozess – davon allein ungefähr 10 000 im Kanton Bern. Während des langwierigen Prozesses kann die Beschäftigung einer solch hohen Anzahl an Personen schnell schwierig werden. Daher sind Projekte von Freiwilligen bei den Durchgangszentren und Behörden, die immer mehr sparen müssen, sehr gern gesehen. Ein solches Projekt rief Lukas Etter mit der Kulturschule ins Leben.

Eine Lücke füllen

Nach Gesprächen mit Verantwortlichen von Durchgangs­zentren, Behörden und Asylsuchenden setzte sich Etter mit Freunden und Interessierten zusammen, um sich den Herausforderungen bezüglich der Beschäftigung und Integration von Asylsuchenden zu stellen und eine Lösung zu finden.

«Wir haben einfach gemerkt, dass grundsätzlich die kulturellen Aspekte bei der Integration der Asylsuchenden fehlten», sagt Kathrin Anliker aus dem Leitungsteam der Kulturschule.

Nach und nach entwickelte sich die Idee der Kulturschule, und Ende 2014 erstellte das Team einen Plan für eine Pilotphase. «Im Jahr 2015 führten wir die ersten Kurse durch. Wir gingen in die Asylzentren in Riggisberg, Konolfingen und Aarwangen, merkten aber bald, dass wir einen Standort definieren müssen», sagt Anliker.

Da einige der Teamleitung der Freikirche Generation Postmodern Church angehörten, einigte man sich bald darauf, den Hauptstandort in die Räumlichkeiten der Freikirche in Thun zu verlegen. «Das Projekt an sich hat aber keine religiösen Inhalte und Hintergründe», sagt Kathrin Anliker.

Das Ziel sei es lediglich, kulturelle Informationen weiterzugeben. «Natürlich fragen wir, wenn es um die Feiertage geht, ob jemand weiss, was Weihnachten ist. Es geht dabei aber nicht darum, die Leute zu konvertieren, sondern einfach darum, zu zeigen, dass die Schweiz ein christliches Land ist und dementsprechend auch christliche Feiertage feiert», sagt sie. Jährlich 300 Flüchtlinge aus der Region Thun hätten seit 2016 die Kurse ab­solviert.

Niederschwellige Integration

In den Kursen der Kulturschule werden den Kursteilnehmern allgemeine Abläufe, Verhaltensweisen und Systeme in der Schweiz erklärt. «Ich wusste vor dem Kurs nicht, wie man in der Schweiz eine Wohnung sucht», sagt Habibollah Saddat aus Afghanistan. Und er fügt an: «Ich habe schon viel gelernt. Es ist eine super Schule, und deshalb gefällt es mir sehr!»

«Ich wusste vor dem Kurs nicht,  wie man in der Schweiz eine Wohnung sucht. Ich habe schon viel gelernt.»Habibollah Saddat aus Afghanistan

Kurse zu den drei Themen Leben, Wohnen und Arbeiten in der Schweiz finden an je drei Abenden statt. Wer alle drei Abende eines Kurses besucht hat, erhält eine Kursbestätigung. «Ein Kursteilnehmer hat das Diplom an seine Wohnungsbewerbung angehängt, und er hat die Wohnung bekommen. Natürlich weiss ich nicht, ob es das Diplom war, das ausschlaggebend war – aber das sind Rückmeldungen, die uns sehr freuen», sagt Kathrin Anliker.

Einige Kursteilnehmer seien nach den Kursen sogar dem Team beigetreten. Da die Kursinhalte in Sprachen wie Tigrinya, Farsi und Arabisch übersetzt werden, seien diese Leute Gold wert.

«Die Kulturschule ist eine sehr sinnvolle Möglichkeit für niederschwellige Integration», sagt Kamil Girsig, der seit knapp sechs Jahren in der Schweiz lebt und für die Asylkoordination Thun arbeitet. «Wir sind zwar schon gewachsen, aber ich hoffe natürlich, dass die Kurse der Kulturschule an noch mehr Standorten durchgeführt werden können.»

Da die Kulturschule auf die Hilfe von Freiwilligen und Spenden angewiesen sei, sei jeder willkommen. «Man kann sich einfach bei uns melden. Das Material und die Vorgaben bereiten wir in Thun vor, deshalb ist es auch vom Zeitaufwand her machbar», sagt Kathrin Anliker.

Informationen zu Spenden, Mithilfe, Standorten und Kursdaten unter www.kultur-schule.ch oder per Telefon 079 576 24 21. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 18.05.2017, 16:31 Uhr

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