Thun

Warum er der schärfste Thuner ist

ThunManfred Schoder führt die Messerschmiede in Thun in der vierten Generation. Er wohnt und arbeitet mit seiner 88-jährigen Mutter zusammen. Der Trailer zum Porträt.

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In der Werkstatt der Messerschmiede Schoder, die mit dem Jahrgang 1886 noch älter als der FC Thun ist, riecht es nach Stumpen. Der Rauch schwebt im Raum und gibt dem Reich von Manfred Schoder eine mystische Atmosphäre. «Schodi», wie in die Thuner nennen, ist gerade dabei, ­Küchenmesser zu schleifen. «Ich brauche etwa 15 Minuten für ein Messer», erklärt er.

«Der schärfste Thuner»

Man nenne ihn auch den schärfsten Thuner, erzählt er, seine Mundwickel zucken, und seine Augen funkeln schelmisch. «Mehrmals täglich bürste ich und ziehe ab», sagt er. Er ziehe aber erst am Schluss ab; damit meint er das Metall auf der Schneide, damit das Messer wieder ganz scharf ist. Gerne nimmt Schoder die Besucher mit auf die nostalgische Reise durch seine Werkstatt. Viele der antiken Maschinen hier drin hat schon sein Urgrossvater angeschafft, und sie sind bis heute stehen geblieben. Heuer ist es 131 Jahre her, seit seine Vorfahren das Haus gekauft haben.

Der 58-jährige Manfred Schoder, von seiner Mutter Mäni genannt, lebt und arbeitet noch immer hier. Unten an der Aare befindet sich die Werkstatt, weshalb auch viele Touristen ein Souvenirfoto machen. «Neuerdings kommen auch Firmen für Apéros und Führungen. Die Leute kennen einfach solche Berufe nicht mehr», erzählt er. Gelernt hat er in Zollbrück; 1991 übernahm er das Geschäft, nachdem sein Vater viel zu früh gestorben sei. «Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen, aber ein guter Lehrmeister hat mir geholfen.»

Immer mit «Tubak»

In seinem Mund hängt eine Villiger, die er beim Arbeiten immer pafft. «Ohne ‹Tubak› geht es nicht bei mir, dann bin ich nicht der Schodi», sagt Schoder. Das Handwerk gefalle ihm sehr. Nur selten habe er sich mit den wieder scharfen Messern in die Finger geschnitten. «Doch vorletzte Woche musste ich nach der Männerchorprobe doch noch einen Schnitt im Notfall zeigen», gibt Schoder zu. Der Arzt habe gleich ohne Betäubung genäht und auf eine Fingerschiene bestanden. Das hat Schoder natürlich nicht gepasst; Wie soll man da auch arbeiten?

Im Laden hat Mutter das Sagen

Letztes Jahr bekam er nach Medienberichten viel Arbeit, weshalb seine Woche nun sechs Tage dauert. «Einige reisen aus der Ostschweiz oder gar dem Tessin an und wollen sehen, ob meine Werkstatt noch so aussieht», sagt Schoder nicht ohne Stolz. In der Tat: Wer die Werkstatt betritt, begibt sich auf eine Zeitreise. Alles wird hier von Hand gemacht. Täglich ist Schoder bereits um 6 Uhr früh bei der Arbeit.

Der dazugehörende Laden befindet sich einen Stock über ihm, mit Eingang in der Oberen Hauptgasse. Hier ist das Reich seiner Mutter Hedi, einer charismatischen, rüstigen 88-jährigen Dame. «Ich verkaufe hier und berate die Kunden. Das war ja immer mein Ziel, eine Lehre zur Verkäuferin zu machen, aber meine Familie hatte nicht genug Geld, damit auch die Mädchen etwas lernen konnten. Ich musste ins Welschland», erinnert sie sich.

Hörnli zum Zmittag

Auch wenn sie kein Englisch spreche, versuche sie mit Touristen zu kommunizieren, die in den Laden kommen. «Grade Chinesen wollen Rabatt, den ich ihnen auch gebe. Aber wenn fertig ist, dann sage ich das auch und haue mit der Faust auf den Tisch, das verstehen sie», sagt sie und imitiert den Faustschlag.

Es ist kurz vor Mittag, Zeit, zu kochen. «Heute gibt es Hörnli und Reste, das gibt nicht so viel zu tun», sagt Hedi Schoder und macht sich auf in den zweiten Stock ihres historischen Hauses. Die 12 Stufen, die sie überwinden muss, hielten sie fit, auch wenn es wegen Arthrose nicht mehr so schnell gehe.

In der Küche hantiert sie mit der Salatschleuder, rüstet Zwiebeln, merkt, dass sie etwas im Verzug ist, flucht ein bisschen, lässt Hörnli in die Pfanne gleiten – und schon steht Mäni in der Küche und das Essen auf dem Tisch. Zwei Ostereier gibt es dazu, und natürlich wird getütscht. Dass Manfred Schoder bemuttert werde, dagegen wehrt er sich: «Ein bisschen Kochen kann ich also auch. Wenn meine Mutter Kunden hat, dann koche ich fertig», sagt er und lächelt.

Traum von der roten Brücke

Am Nachmittag geht es für ihn weiter mit Messerschleifen und für seine Mutter zurück in den Laden. Manchmal kämen Kunden, die von Fahrenden ihre Messer haben schleifen lassen. «Ich versuche zu retten, was zu retten ist», sagt Manfred, und greift ins Gestell, wo er ein verschliffenes Messer liegen hat.

Das Städtchen Thun sei für ihn Heimat. Immer wenn er von Ferien nach Hause komme und das Schloss Thun sehe, sei er einfach glücklich. Doch einen grossen Reisewunsch hat er dennoch: «Ich möchte einmal nach San Francisco, über die Golden-Gate-Brücke gehen und mit diesem berühmten Tram den Hügel hochfahren. Das ist mein Traum.» Claudia Salzmann

Das Onlineporträt «Manfred und die Messer» finden Sie hier. (cla)

Erstellt: 20.04.2017, 17:40 Uhr

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