Jeder fünfte Chefposten in der Armee ist verwaist

Der Armee fehlen Offiziere und Soldaten. Nun gibt sie Gegensteuer. Der Präsident der Offiziersgesellschaft, Stefan Holenstein, bezweifelt, dass dies reicht. Die Alternativen zum Militärdienst müssten un­attraktiver werden.

Die Armee hat Nachwuchssorgen: Sowohl bei den Majoren und Hauptleuten als auch bei den Soldaten tun sich Lücken auf.

Die Armee hat Nachwuchssorgen: Sowohl bei den Majoren und Hauptleuten als auch bei den Soldaten tun sich Lücken auf. Bild: Keystone

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Fast jeder fünfte Chef- und Managerposten der Armee ist vakant. Es fehlen Majore und Hauptleute und seit drei Jahren auch zunehmend das Fussvolk, also die Soldaten. Bei Letzteren betrifft dies jeden zehnten Posten. Statt 182 338 zählt die Armee 166 519 Personen. Dies zeigt eine Auswertung des Verteidigungsdepartements (VBS) mit Stichtag 1. März 2016.

Die Gründe haben die Autoren der Auswertung schnell gefunden: Während der Rekrutierung, der Rekrutenschule und in den Jahren danach gibt es zu viele Abgänge. Sogar Kader quittieren den Dienst vor ihrer Ausmusterung. Das VBS weiss nicht, warum Armee­angehörige ihre Uniform vorzeitig an den Nagel hängen. Entsprechende Erhebungen seien seit der Abschaffung der Gewissensprüfung im Jahr 2009 unzulässig, schreibt es.

Gegenwert kam abhanden

Die Politik hat das Problem erkannt. Politische Vorstösse, zwei davon behandelt morgen der ­Nationalrat, verlangen Auskunft vom Bundesrat und machen Vorschläge. Die Regierung lehnt die Postulate ab, da man bereits ­Lösungen aufgegleist habe und jetzt zuerst schauen müsse, wie sie wirkten. Sie will den Wehrdienst – insbesondere die militärische Kaderausbildung – attraktiver machen.

Doch einfach wird das nicht. Beim Kader gibt es gute Gründe, warum ein Leutnant sich nicht auch noch zum höheren Offizier ausbilden lässt. Nach der Offiziersschule wollen viele die Mehrfachbelastung Familie, Beruf und Armee nicht noch akzentuieren. Zumal sie sich gar nicht auszahlt.

Gemäss einer Studie der ETH schmolzen die positiven Effekte einer militärischen Karriere für das Vorankommen im Beruf zusammen und verkehrten sich oft genug ins Gegenteil: Für die Unternehmen wiegen heute die häufigen Abwesenheiten eines höheren Milizoffiziers ­vielfach schwerer als dessen im Militärdienst erworbene Führungskompetenz.

Der Offiziersmangel beschränkt sich aber längst nicht bloss auf die «Teilzeitarmee». Selbst bei den Berufsoffizieren herrscht Knappheit. Hier fand die ETH heraus, dass viele der Probleme hausgemacht sind: Die Armee beziehe die Wünsche ihrer Angestellten zu wenig mit ein, kritisierte sie in einem Bericht.

Schrauben wieder anziehen

Am unteren Ende der militärischen Hierarchie, bei den Soldaten, ist die Ausgangslage etwas anders: Seit die Bereitschaft reicht, anderthalbmal so lange in eigenen Kleidern Zivildienst zu tun, um sich dem militärischen Drill im Kampfanzug zu ent­ziehen, wählen deutlich mehr junge Männer diesen Weg (siehe Grafik).

Angesichts dessen bezweifelt Stefan Holenstein, Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft (SOG) und ausgesprochener Verfechter der Milizarmee, dass die Rekrutierungsprobleme der Armee mit einem attraktiveren Dienst gelöst werden können. Stattdessen will er die Alterna­tiven unattraktiver machen: «Die Hürde, um von der Rekrutenschule oder aus dem Dienst in den Zivildienst wechseln zu können, muss wieder erhöht werden», fordert er.

Aber nicht nur hier müssten die Schrauben angezogen werden: Wer bei der Musterung als untauglich qualifiziert werde, solle eine höhere Ersatzabgabe als heute zahlen müssen. Heute sind es mindestens 400 Franken pro Jahr. Holenstein hat eine spezifische Gruppe im Auge, die überdurchschnittlich oft durch die Maschen schlüpft: «Wir verlieren heute zu viele Maturanden», klagt er. Damit fehlten der Armee etliche gute Köpfe.

Ab 2018 wirds attraktiver

Solche Massnahmen mögen bei den Soldaten fruchten, beim Kader wird mehr Druck nichts nützen. Der Bundesrat will darum geeigneten Anwärtern die militärische Ausbildung mit Anreizen schmackhafter machen. Erste Schritte sind bereits getan: Einige Hochschulen rechnen einen Teil der militärischen Ausbildung an zivile Ausbildungsgänge an, je nach Institution und Bildungsgang reicht dies von wenigen Prozenten bis fast zur Hälfte des Aufwands, der bis zur Abschlussprüfung zu leisten ist.

84 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer halten die Armee für notwendig.

ETH-Sicherheitsbericht 2016

Weiter werden militärische Kaderausbildungen künftig mit finanziellen Gutschriften belohnt, die dann für private Aus­bildungen verwendet werden können. Sie betragen je nach ­militärischer Ausbildung zwischen 4200 und 14 400 Franken. Der Bundesrat will die entsprechenden rechtlichen Grundlagen noch dieses Jahr beschliessen. Gelten sollen sie bereits 2018. Beantragt werden können die Ausbildungsgutschriften aber schon ab diesem Sommer.

Als weitere Massnahme, die zu mehr Personal führen soll, will der Bundesrat ab 2018 auch ­Personen mit körperlichen Einschränkungen für den Militärdienst zulassen. Aktuell wird jede dritte Person an der Aushebung für untauglich erklärt. Doch viele, deren körperliche Belastbarkeit eingeschränkt sei, könnten durchaus angepasste Funktionen übernehmen, schreibt das VBS. Besonders knapp sind zum Beispiel IT-Spezialisten, Militär­ärzte oder Armeeseelsorger.

Frauen besser abholen

Vertiefter analysiert hat das Thema Dienstpflicht ein Bericht des Bundesrats, den die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrats gegenwärtig prüft. Auch darin wird die Vergrösserung des Rekrutierungsreservoirs erwogen. Die Überlegungen reichen von einer stärkeren Öffnung gegenüber Frauen bis hin zu einer allgemeinen Dienstpflicht. Heute sind nur 1117 Frauen in der Armee, was 0,7 Prozent aller Armeeangehörigen entspricht. Interessanterweise übernehmen sie – im Gegensatz zur Wirtschaft – überproportional häufig Führungsverantwortung (siehe Box oben rechts).

Stefan Holenstein von der SOG würde eine stärkere Einbindung der Frauen begrüssen, allerdings hält er eine Dienstpflicht für alle Frauen für unrealistisch. Ohne Volksabstimmung, da die Verfassung angepasst werden müsste, wäre die Einführung sowieso nicht möglich. Für machbar und auch erstrebenswert hält Holen­stein aber eine obligatorische Teilnahme aller 18-jährigen Frauen an den Orientierungs­tagen. Dort erhalten die stellungspflichtigen Männer jeweils das Dienstbüchlein. Momentan prüfen die Kantone als Veranstalter dieser Anlässe, wie sich dies umsetzen liesse.

Wehrhaft ja, aber ohne mich

Die personellen Probleme der ­Armee stehen in krassem Widerspruch zu deren aktuellen Popularitätswerten, die seit Jahren auf hohem Niveau verharren. Gemäss dem jährlichen Sicherheitsbericht der ETH hielten 2016 84 Prozent die Armee für notwendig, 4 Prozent mehr als 2015. Allerdings fällt die Akzeptanz bei den jüngeren Schweizerinnen und Schweizern mit 76 Prozent weiterhin ab.

Holenstein hat eine Erklärung für diesen Widerspruch: Schuld daran sei der grassierende Indi­vidualismus. Das eigene Vorankommen sei dem Einzelnen schlicht wichtiger als der Dienst an der Gesellschaft. So schnell dürfte dieses gesellschaftliche Phänomen auch nicht abklingen, da macht sich Holenstein nichts vor. Doch seine Absicht, den Mi­litärdienst wieder stärker zur Pflicht zu machen und dem Ausstieg durch die Hintertür den Riegel zu schieben, stösst auf Widerstand. Er stammt vor allem aus dem linken politischen Spek­trum, dezidiert in diese Richtung äusserte sich beispielsweise die Zürcher SP-Nationalrätin und ­Sicherheitspolitikerin Chantal Galladé.

Bei der Erhöhung der Ersatzabgabe könnte sie zumindest mitreden. Da dazu das Gesetz abgeändert werden muss, ist das Parlament dafür zuständig. Ob der Zugang zum Zivildienst wieder strenger gehandhabt werden soll, muss ebenfalls auf Gesetzesebene entschieden werden.

Den einfachsten Lösungsansatz dazu, das Problem zu entschärfen, hat für einmal das Verteidigungsdepartement selber: Mit der beschlossenen Reduktion des Sollbestands der Armee auf noch 100 000 würden sich die Personalprobleme wenigstens bei den Offizieren ein Stück weit von allein lösen, schreibt es. Gemäss dem bundesrätlichen Bericht zur Dienstpflicht müssen aber auch für die verkleinerte Armee rund 18 000 Rekruten pro Jahr ausgebildet werden. 2015 und 2016 wurde diese Zahl jedoch unterschritten.

Die Armee wird kleiner (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.03.2017, 07:47 Uhr

Die Hälfte der Frauen wird Unteroffizier oder Offizier

Im März 2016 waren 1117 Frauen in die Schweizer Armee eingeteilt. Sie machten damit nur 0,7 Prozent des Bestands aus. Aber über die Hälfte der weiblichen Armeeangehörigen übernehmen Führungsverantwortung.

Der Unterschied zu anderen Bereichen der Arbeitswelt könnte eklatanter nicht sein: In der Wirtschaft beispielsweise bleibt der Anteil der Managerinnen weiterhin klein. Nicht immer ist daran die fehlende Berücksichtigung beim Besetzen eines Postens schuld, einige Unternehmen versuchen Frauen sogar mit speziellen Förderprogrammen für Führungsfunktionen zu gewinnen.

In der Armee ist das offenbar überflüssig. Frauen begnügen sich auch nicht mit der ersten Stufe des Gruppenführers oder andern Unteroffiziersgraden. Rund 27 Prozent aller Frauen in der Armee absolvieren danach zusätzlich die Offiziersschule. Zusammengenommen machen die weiblichen Offiziere und Unteroffiziere 53 Prozent aller weiblichen Armeeangehörigen aus. Bei den Männern beläuft sich der Anteil auf 29 Prozent (11 Prozent Offiziere, 18 Prozent Unteroffiziere).

Die Armee kann nur mutmassen, worauf die hohe Leistungsbereitschaft von Frauen gründet. Mitspielen könnte, antwortet deren Medienstelle auf eine entsprechende Anfrage, dass sämtliche Frauen freiwillig Dienst leisteten und darum auch «ausnahmslos positiv eingestellt» seien gegenüber der Armee.

Seit 2005 stehen Frauen sämtliche Funktionen offen, auch ­solche mit Kampfauftrag. Laut Armee leisten 60 Prozent der Frauen ihren Dienst in den Bereichen Führungsunterstützung, Logistik und Sanität. In die Kampfverbände, zu denen die Infanterie oder die Panzertruppen zählen, sind rund 17 Prozent eingeteilt, in die Luftwaffe und die restlichen Truppengattungen 23 Prozent.

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