Die Nationalmannschaft ist «wieder hungrig!»

Nationalcoach Petkovic sieht seine Mannschaft als Bär, der nach dem Winterschlaf neue Nahrung braucht: sprich drei Punkte gegen Lettland.

Bär, Ball, Bowling: Vladimir Petkovic hat sich ein Motto für die erste Partie der Schweizer im Jahr 2017 gebastelt.

Bär, Ball, Bowling: Vladimir Petkovic hat sich ein Motto für die erste Partie der Schweizer im Jahr 2017 gebastelt. Bild: Keystone

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Der Bär ist zurück. «Er hat genug geschlafen», sagt Vladimir Petkovic, «er ist aufgewacht, er ist sehr hungrig und braucht eine neue Mahlzeit.»

Das Bild vom Bär gefällt dem Nationalcoach. Er hat es im November erstmals verwendet, als seine Mannschaft mit einem 2:0 gegen die Färöer und dem vierten Sieg im vierten WM-Qualifikationsspiel in die Winterpause gegangen war. Jetzt holt er es wieder hervor: das Bild von einer gefrässigen Schweiz, die die Zähne fletscht und alle Gegner aus dem Weg räumt, als wären es nur Kegel.

«Wieder hungrig!», steht auf dem Plakat, das er zur Visualisierung seiner Worte gebastelt hat und im Lausanner Mannschaftsquartier in die Höhe hält. «Wichtig ist», sagt Petkovic, «dass wir die Mahlzeit gut vorbereiten.»

Die Mahlzeit ist das Spiel am Samstag in Genf gegen Lettland, den fünften Gegner in der Qualifikation für die WM 2018 in Russland. Für die Schweiz kann nur der Sieg infrage kommen, einer ohne Wenn und Aber, damit sie ihre gute Ausgangslage mit drei Punkten Vorsprung auf Portugal und fünf auf Ungarn nicht unnötig gefährdet.

Nur bis Samstag denken

Zwölf Punkte aus vier Spielen müssen ihr Ziel sein, bevor sie im Oktober innert vier Tagen daheim auf Ungarn und ­auswärts auf Portugal trifft. Denn nach Lettland heissen die Gegner Färöer, ­Andorra und nochmals Lettland. Petkovic kennt die Rechnung so gut wie die Erwartung, er hält dagegen: «Ich denke nur bis Samstag. Wir müssen realistisch bleiben.»

Ein erstes Training hat er gestern in Lausanne absolviert, und was er angetroffen hat, stimmt ihn zufrieden. Obwohl er das Team seit 130 Tagen nicht mehr gesehen hat, muss er die Arbeit nicht gleich wieder bei null oder eins beginnen, sondern kann auf Stufe drei starten. Er meldet vom Auftakt eine gute Stimmung und einen guten Rhythmus.

Von sich aus kommt er auf die Spieler zu sprechen, die mit Problemen in ihren Verein angereist sind: die viele Monate lange verletzt waren wie Josip Drmic, die Trainerwechsel hinter sich haben wie Admir Mehmedi, die nicht mehr spielen und am liebsten gewechselt hätten wie Fabian Schär. Und dann gibt es noch Xherdan Shaqiri, der bei Stoke City auch schon seit dem 21. Januar und dem Match gegen Manchester United nicht mehr im Einsatz gestanden ist.

Die Wade, sein alter Schwachpunkt seit Jahren schon, hat wieder einmal gezwickt. Eigentlich ist Shaqiri wieder fit, während zehn Tagen hat er wieder mit der Mannschaft trainiert, und am ­Samstag gegen Chelsea wäre er gerne auf den Platz zurückgekehrt. Für Mark Hughes, seinen Coach in Stoke, war das Risiko aber zu gross.

«Er ist positiv eingestellt», meldet Petkovic. Der Coach kann sich gut vorstellen, Shaqiri trotz fehlender Praxis am Samstag starten zu lassen. Da verlässt er sich auf seinen Eindruck, sein Gefühl und seine Erfahrungen, die er mit seinen Spielern gemacht hat. «Ich stelle sie nicht nach ein, zwei Schwierigkeiten ins Abseits», erklärt er, «sie haben mich trotz ihrer Probleme noch nie ­enttäuscht, wenn sie zur Nationalmannschaft gekommen sind.»

Popcorn oder Hackfleisch?

Das ist in Bezug auf Shaqiri grosszügig gedacht. Er hat an der EM von acht Halbzeiten nur eine gut gespielt, im Achtel­final gegen Polen. Und er hat in der Qualifikation bei seinen zwei Einsätzen enttäuscht. An seiner Beliebtheit bei der ­Jugend ändert das nichts. Keiner war bei der Ankunft in Lausanne gefragter als er, und Teamkollege Granit Xhaka adelt ihn unverdrossen als «Weltklasse».

Was bleibt, ist die Frage nach dem Grund von Shaqiris Sorgen. Trainiert er zu wenig gut? Lebt er zu wenig seriös? Fliegt er zu oft für Sponsorentermine in die Schweiz, wie es das aus England heisst? «Ich will keine Polemiken aufnehmen», sagt Petkovic, «keiner ist 24 Stunden mit ihm zusammen, keiner weiss, ob er um zwölf Uhr nachts Stretching macht, Popcorn oder Hackfleisch isst.»

Noch eine Frage an Petkovic. Aber was ist, wenn Shaqiri am Samstag spielt und enttäuscht? «Dann ist der Trainer Schuld», lacht er. Und sein Lachen ­verrät eines: Er hat richtig gute Laune.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2017, 06:37 Uhr

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