Bickel: «Es ist derzeit nicht angenehm als Rapidler»

Rapid Wien steckt in der Krise. Der frühere YB-Sportchef Fredy Bickel spricht über seine schwierige Aufgabe beim österreichischen Rekordmeister, über eine Alpenliga und die Young Boys.

Auch bei Rapid Wien in einer unangenehmen Situation: Nach seinem Rauswurf bei YB im letzten Herbst erlebt Fredy                                     Bickel auch beim neuen Arbeitgeber Rapid Wien schwierige Zeiten.

Auch bei Rapid Wien in einer unangenehmen Situation: Nach seinem Rauswurf bei YB im letzten Herbst erlebt Fredy Bickel auch beim neuen Arbeitgeber Rapid Wien schwierige Zeiten. Bild: Imago

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Welchen Platz würde YB in der österreichischen Liga belegen?
Fredy Bickel: YB würde um den Titel kämpfen. Mindestens Rang 2 hinter Red Bull Salzburg.

Also wie in der Schweiz. Und wo würde Ihr Verein Rapid Wien in der Super League landen?
Normalerweise auf Rang 3 bis 5, auf Augenhöhe mit Sion und Luzern. Aber so, wie wir zuletzt spielten, wohl weiter hinten.

Rapid Wien, Rekordmeister mit 32 Titeln, liegt nur auf Rang 6 und verlor dreimal in Serie ...
... die Situation ist unschön. Es ist eine sehr unruhige Saison, ich bin der zweite Sportchef seit dem letzten Sommer, das Team hat den dritten Trainer seither, es ist verunsichert, in der Vorrunde wurden nach Europa-League-Ein­sätzen Punkte bitter abgegeben, es gab viele Verletzte. In so einer Krise führt immer das eine zum anderen. Und nun stecken wir tief im Schlamassel drin.

Wie unterscheidet sich eine ­Rapid-Krise von einer YB-Krise?
Das ist relativ ähnlich, zumal sich die Vereine ja vom Profil her wenig unterscheiden. Es sind grosse Klubs mit einer langen Tradition, die im Schatten eines überragenden Vereins stehen. Auch Rapid kann Salzburg kaum angreifen, so wie das YB bei Basel erlebt. Aber wir müssen und wollen genau wie die Young Boys bereit sein, falls der Favorit schwächelt.

Wien ist eine deutlich grössere Stadt als Bern. Spüren Sie das?
Der Druck ist noch einmal grösser, es leben deutlich mehr Menschen in Wien, Rapid interessiert fast die ganze Stadt. Die Medien berichten jeden Tag über uns, die Spieler und der Klub werden hart attackiert, teilweise sicher berechtigt, es lief vieles schief. Der mediale Fokus ist gewaltig. Und es ist unter diesen Umständen schwierig, die Verunsicherung abzulegen. Der Zusammenhalt im Team aber ist bemerkenswert, da ist viel Charakter vorhanden. Die Jungs und die Trainer kassieren von Medien und Öffentlichkeit viel Schelte. Sie stehen trotzdem immer wieder auf, versuchen alles, um das Schiff zu wenden.

Wann kommt der vierte Trainer in dieser Saison?
An diesen Gedanken verschwende ich keine Zeit. Trainer Damir Canadi geniesst das Vertrauen, er war der Wunschkandidat der Vereinsführung und erhält Zeit, etwas aufzubauen. Es ist kompliziert, weil bis zu dieser Saison inklusive Vorbereitung drei Jahre ein anderer, beliebter Trainer hier war. Dann kam Mike Büskens mit neuen Ideen und Spielerwünschen, seit November ist nun Canadi da. Wieder mit anderen Vorstellungen.

Man weiss, dass Sie nicht gerne Trainer entlassen. Aber bleibt Rapid die nächsten zwei, drei Wochen sieglos, werden Sie handeln müssen.
Nochmals, daran denke ich nicht. Auch wenn ich weiss, wie es im Fussball läuft. Zudem gehen wir ja nicht davon aus, weitere zwei, drei Wochen sieglos zu bleiben.

«Die Leute kommen ans Training, sie sprechen uns überall an, leiden mit, das ist eine Verpflichtung.»

Sie haben wie zuletzt bei YB ein sehr grosses Kader mit 31 Spielern und müssen vorerst Akteure verkaufen. Das muss für einen Sportchef frustrierend sein.
Nein, wir konnten im Winter zwei Spieler ohne Kostenfolge ausleihen und einen verkaufen. Zudem hat man mir in den Gesprächen vor der Anstellung klar gesagt, wie die Spielregeln aussehen und was mich erwartet. Es ist eine gewal­tige Herausforderung, hier zu arbeiten, Rapid ist ein grosser Klub, wir haben über 20'000 Zuschauer im Schnitt, obwohl es sportlich überhaupt nicht läuft. Die Leute kommen ans Training, sie sprechen uns überall an, leiden mit, das ist eine Verpflichtung.

Wie ist Rapid Wien aufgestellt im Vergleich zu YB?
Als ich in Zürich beim FCZ war, schimpfte ich über die Trainingsbedingungen. Dann kam ich nach Bern und dachte, es könne nicht schlimmer sein! Es war schlimmer. Viel schlimmer! Nun bin ich bei Rapid – und es ist noch einmal eine Kategorie schlechter. Im Prater stehen elf Trainingsplätze, die Nationalmannschaft trainiert auf einem, die fünf besten gehören dem Wiener Verband, Rapid hat die fünf anderen. Das ist viel zu wenig für 17 Teams. Auch der Schweizer Marcel Koller, Coach der Nationalmannschaft, ist nicht zufrieden mit den Trainingsmöglichkeiten. Und bei Rapid befinden sich zudem die Büroräumlichkeiten der sportlichen Abteilung in einem anderen Teil der Stadt als jene der Administration, da fährt man locker einmal eine Stunde. Immerhin: Das im Sommer eröffnete Al­lianz-Stadion ist toll, modern, die Zuschauer sind treu, lieben es.

Hatten Sie sich die Aufgabe in Wien leichter vorgestellt?
Nicht unbedingt. Hätte es keine Schwierigkeiten gegeben, hätte man ja im Dezember auch nicht einen neuen Sportchef gesucht. Die Leute sind sehr hilfsbereit, sehr freundlich, sehr positiv, sie helfen mir, wo sie können. Doch es wird einige Zeit benötigen, bis wir voll auf Kurs sein werden. Rapid Wien ist ein grosser Klub, da reden viele Leute mit. Politik und Tradition sind wichtig. Deshalb kann es dauern, bis man etwas verändern kann. Das ist manchmal ermüdend, aber es ist vor allem äusserst interessant.

Wie viele Rapid-Spieler hätten denn einen Stammplatz bei YB?
(überlegt lange) Das kann ich so nicht sagen. Lassen Sie es mich so formulieren: Bei einem Duell mit YB würde ich einem Freund im Moment nicht empfehlen, auf Rapid Wien zu setzen.

Und welcher Verein hat die ­höhere Lohnsumme?
Wie in der Wirtschaft sind in Österreich die Löhne auch im Sport tiefer. Wobei: Welten liegen nicht zwischen den Vereinen.

Wenn man Ihnen zuhört, muss man davon ausgehen, dass die Super League die bessere Liga ist.
Das ist so. Sportlich sind die ­Vereine in der Schweiz besser ­geführt, es wird mehr Gewicht in den Fussball, das Umfeld, die Trainingsbedingungen gelegt. Aber hier in Österreich sind dafür die Vermarktung, die PR, das Sponsoring, auch das ganze Drumherum bei einem Spiel viel professioneller. Die Betreuung und Pflege dieser Gruppierungen, aber auch der anderen Spielbesucher ist ausgezeichnet, da wird ein Riesenaufwand be­trieben. Unter dem Strich wäre eine Mischung aus beiden Ligen ideal.

Und wie beurteilen Sie die Ligen im wirtschaftlichen Vergleich?
Da liegt Österreich klar vorne. Hier hat letzte Saison nur ein ­Verein Verluste gemacht, in der Schweiz schreibt ja nur der FCB regelmässig Gewinne. Rapids Budget ist demjenigen von YB gleichzusetzen, der Profit letzte Saison betrug hier jedoch rund elf Millionen Franken ...

... so viel verlor YB in den letzten Jahren fast pro Saison ...
... in der Super League ist man viel stärker vom Sport abhängig. Man generiert weniger Einnahmen ausserhalb des Fussballs. Vielleicht liegt es daran, dass in vielen Klubs Investoren sind, man somit vielleicht einen geringeren finanziellen Druck hat. Hier in Österreich hat wohl einzig Salzburg mit Red-Bull-Besitzer Didi Mateschitz einen Geldgeber. Alle anderen Vereine müssen ihr Budget selber erwirtschaften und somit in der Vermarktung sehr innovativ und kreativ sein.

Dann bleibt noch die Frage nach der höheren Lebensqualität.
Ich hing und hänge sehr an Bern, es ist eine traumhafte Stadt, die ich vermisse. Aber Wien ist selbstverständlich auch fantastisch, es ist ein Privileg, hier leben zu dürfen. Die kulturellen Möglichkeiten sind herausragend, es ist eine Weltstadt, in der es nie langweilig ist. Zuletzt ging ich allerdings nicht gross raus, man wird überall erkannt. Es ist derzeit nicht angenehm als Rapidler, weil die Menschen mitfiebern und einen sofort ansprechen.

«Hier wird unfassbar deftig gekocht. Ich frage mich, wieso nicht jeder Österreicher 150 Kilo schwer ist.»

Aber die kulinarischen Optionen in Wien dürften Ihnen gefallen.
(lacht) In der Tat, da gibt es nichts zu meckern. Ausser vielleicht, dass man sich als Schweizer extrem umstellen muss. Hier wird unfassbar deftig gekocht. Ich frage mich, wieso nicht jeder Österreicher 150 Kilogramm schwer ist. Manchmal habe ich bereits nach der Hälfte der Vorspeise genug für den ganzen Abend gegessen, weil zum Beispiel die Knoblauchsuppe derart schwer ist, dass der Löffel fast stecken bleibt.

Haben Sie zugenommen?
Nein, ich versuchte von Anfang an, sehr diszipliniert zu sein beim Essen. Bisher ist mir das einigermassen gelungen. Doch das ist nicht immer einfach, weil die Speisen sehr lecker und die Lokale sehr gemütlich sind.

Und wie steht es um Ihren ­Kontakt zu YB?
Der ist immer noch da, das wird hoffentlich so bleiben. Ob mit Trainern, einzelnen Spielern, Funktionären, Angestellten, Fans oder Sponsoren. Ich möchte diese Saison auch unbedingt noch ein YB-Heimspiel besuchen, ich habe es diesen Leuten versprochen. Zudem verfolge ich die Spiele auf Radio Gelb-Schwarz, wenn sie nicht im Schweizer Fernsehen kommen. Ich leide noch immer mit, wenn es nicht läuft. Als die Young Boys im Cup gegen Winterthur ausschieden, hätte ich am liebsten meine Wohnung kurz und klein geschlagen. Ich hänge nach wie vor an YB, habe überhaupt nichts gegen diesen Verein. Höchstens zwei, drei Personen möchte ich nicht mehr unbedingt begegnen.

Was würden Sie bei YB im Rückblick anders machen?
Das ist eine schwierige Frage. Ich will nicht nachträglich schlecht reden und Öl ins Feuer giessen, das ist nicht meine Art. Aber ich war zu naiv, zu gutgläubig. Ich bin ein Mensch, der Menschen Vertrauen schenkt. Leider wurde das missbraucht. Ich wurde angelogen, hintergangen, benutzt. Ich liess es aber mit mir geschehen, also ist es auch meine Schuld. Nicht auf mich nehme ich jedoch Geschichten, die wenige Personen über mich erzählen und so nicht stimmen.

Denken Sie an die Storys, die bei YB erzählt werden, wonach Sie viel zu viel Geld für Verträge und Ablösesummen ausgaben?
Ich weiss, was über mich erzählt wird. Dabei geht es diesen Herren nur darum, die völlig falsche Berufung von Urs Siegenthaler, der mich vom ersten Tag an ersetzen wollte, in den Verwaltungsrat zu vertuschen. Nun, dies wurde ja danach schnell korrigiert, mit Ernst Graf ein wunderbarer Mensch in den Verwaltungsrat geholt und mit Wuschu Spycher der beste Mann, mein absoluter Wunschnachfolger, als Sportchef installiert.

Es scheint, als ob Sie sich noch nicht von YB lösen können.
Es war eine wunderschöne Zeit mit vielen unglaublich tollen Erinnerungen. Ich bin froh, sind immer noch viele Leute mit grossen Qualitäten dabei, die ich mag und gut kenne. Und die ich zum Teil auch angestellt habe. Ich arbeite aber nun für Rapid Wien, es gefällt mir hier. Doch YB hat immer einen Platz in meinem Herzen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 18.03.2017, 11:25 Uhr

Bickel und Bozzetti, Rapid Wien und YB

Fredy Bickel hat erst am späten Abend, kurz vor Mitternacht, Zeit für ein Telefongespräch. Die Arbeitstage bei seinem neuen Verein Rapid Wien sind lang, der Traditionsklub und Rekordmeister (32 Titel) steckt nach drei Niederlagen in Serie weiter in einer tiefen Krise – und liegt nur auf Rang 6, 2 Punkte vor dem Achten, aber 24 hinter Red Bull Salzburg. Und das, obwohl der Klub zuletzt dreimal Zweiter wurde. Allerdings haben die Wechsel auf dem Trainerposten die Fussballer zusätzlich verunsichert, das Kader ist aufgebläht, Bickel muss Spieler loswerden. Seine Arbeit ist also fast wie zuletzt in Bern. Es gilt einen ruhmreichen Klub zu alter Grösse zu führen. Seit 1988 wurde Rapid nur dreimal Meister, zuletzt 2008.

Die Perspektiven des Vereins jedoch sind prächtig, die im letzten Sommer eröffnete Allianz-Arena mit rund 28'000 Plätzen ist gut gefüllt, der Zuschauerschnitt beträgt über 21'000, die VIP- Logen sind ausgebucht, Rapid boomt, letzte Saison erwirtschaftete der Verein rund elf Millionen Franken Gewinn. Bickel ist optimistisch, den sport­lichen Turnaround zu schaffen, weil er spürt, über welchen starken Rückhalt der Wiener Vorzeigeklub in der Öffentlichkeit und beim Publikum verfügt.

In seiner neuen Organisation fühlt sich der Sportchef an die Young Boys und die «YB-Viertelstunde» erinnert. Bei jedem ­Rapid-Spiel wird zu Beginn der letzten 15 Minuten von den Fans die legendäre Rapid-Viertelstunde mit Klatschen angekündigt. Nach Überlieferungen sollen die Anhänger dieses Ritual seit über 100 Jahren praktizieren.

Man spürt im Gespräch, wie stark Fredy Bickel noch an YB, wo er zweimal mehrere Jahre tätig war, denkt. Der 51-Jährige redet ausführlich über die Geschehnisse in Bern, seinen Rauswurf im letzten Herbst und über Menschen, die ihn «angelogen und enttäuscht» hätten. Aber weil er mit den allermeisten Personen im YB-Umfeld einen guten Umgang pflegte und pflegt, möchte er darüber nicht im Detail sprechen. Und zur endgültigen Verurteilung Peter Bozzettis, der Bickel 2013 zu erpressen versuchte, in dieser Woche meint Bickel, das sei ja keine Überraschung. Der Spielervermittler hatte die Straftat anerkannt, mit seinem Rekurs jedoch gehofft, weniger lang ins Gefängnis gehen zu müssen. Das Zürcher Obergericht hat Bozzetti am Dienstag erneut für schuldig befunden. Gegen das erste Urteil hatte Bozzetti vor Bundesgericht Beschwerde erhoben und recht erhalten. Nun wurde Bozzetti wegen versuchter Erpressung und Nötigung zu vierzehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Sechs Monate muss er absitzen, acht Monate werden aufgeschoben.

Die Sache mit Bozzetti und der jahrelange Streit mit dem «Blick» sind für Bickel weit weg. Seine Konzentration gilt Rapid Wien, wo er seit drei Monaten arbeitet, als Hoffnungsträger für bessere Zeiten gilt und vor einer grossen Herausforderung steht. fdr

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