«Ich bin kein Lästerer»

Vor dem Spitzenkampf am Samstag gegen die ZSC Lions spricht SCB-Captain Martin Plüss (39) unter anderem über seine lang­wierigen Vertragsverhandlungen. Plüss sagt: «Bei Punkten, die für mich zentral sind, bleibe ich hartnäckig.»

Des Captains Blick in die Zukunft. Martin Plüss wird im April 40 Jahre alt. Ans Aufhören denkt der Angreifer des SC Bern aber nicht. «Altersparameter interessieren mich nicht», sagt Plüss.

Des Captains Blick in die Zukunft. Martin Plüss wird im April 40 Jahre alt. Ans Aufhören denkt der Angreifer des SC Bern aber nicht. «Altersparameter interessieren mich nicht», sagt Plüss. Bild: Andreas Blatter

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Sind Sie ein komplizierter Mensch?
Martin Plüss: Kompliziert? Ich bin nicht kompliziert. Aber ich kann sehr hartnäckig sein.

In welchen Bereichen?
Wenn ich finde, dass etwas falsch, unfair oder nicht im Sinn der Sache ist – und wenn es um Scheinheiligkeit geht. Bei solchen Dingen kann ich nicht wegschauen, sondern sehr mühsam werden. Ob privat oder im Sport.

Beim SCB suchen Sie oft das ­Gespräch mit Leuten aus der Unternehmensleitung ...
Ja, weil ich die Dinge gerne mit denjenigen Personen bespreche, die es betrifft. Und das kann je nach Sachlage auch jemand aus der Unternehmensleitung sein. Ich bin kein Lästerer, sondern ehrlich und direkt.

«Wer häufig spricht, der nutzt sich schneller ab.»

Und Sie sind offenbar ein komplizierter oder eben ein hart­näckiger Verhandlungspartner. Ihre Vertragsverlängerung mit dem SCB zieht sich hin.
Auch ich habe in meiner Karriere schon zügige Verhandlungen erlebt (schmunzelt). Aber wenn ­etwas Grundlegendes für mich nicht stimmt, dann stehe ich für meine Meinung ein. Ich würde mich als vernünftigen Verhandlungspartner bezeichnen. Bei Punkten, die für mich zentral sind, weiche ich aber nicht ab, sondern bleibe hartnäckig.

Demnach gibt es etwas Grundlegendes, das Sie noch davon abhält, mit dem SCB einen neuen Vertrag zu unterzeichnen?
Ich ziehe den Joker.

Die Ausgangslage scheint einfach: Bern möchte mit Ihnen um ein Jahr verlängern, Sie möchten eine weitere Saison bleiben.
Stimmt, die Ausgangslage ist einfach!

Und weshalb ziehen sich dann die Vertragsverhandlungen derart in die Länge?
Wir haben abgemacht, dass wir dazu nichts sagen.

Folgender Ansatz: Sie möchten, dass bei den Verhandlungen Ihre Leistung im Vordergrund steht und nicht das Alter respektive die Zukunftsperspektive.
Ja. Oder gibt es im Sport einen wichtigeren Gradmesser als die Leistung?

Geht es um einen Spieler, der bald 40 Jahre alt ist, dann können für den Klub auch andere Faktoren eine Rolle spielen.
Gilt das auch, wenn es sich um einen kurzfristigen Zeitrahmen handelt?

Eher nein.
Eben.

«Reden ist das eine, Machen das andre.»

Als einer der wenigen Profis verzichten Sie auf die Unterstützung eines Agenten. Weshalb?
Ich möchte direkt mit den Leuten sprechen, damit ich ein Gefühl für die Situation bekomme. Reden ist das eine, Machen das andre. Es kann immer Missverständnisse geben, wenn ein Agent als Zwischenstation geschaltet wird.

Aber ein Agent könnte zum Beispiel Konkurrenzofferten ein­holen und auf diese Weise ein höheres Salär aushandeln.
Betreffend Lohn definiere ich meinen Wert nicht über Offerten von anderen Klubs. Hausieren und Angebote sammeln, das mag ich nicht. In dieser Hinsicht ist für mich massgebend: Wie sieht beim betroffenen Klub die Lohnhierarchie aus? Und wo passe ich dort rein?

Ausser Frage steht aber, dass Sie Ihre Karriere fortsetzen wollen.
Spiele ich so weiter wie bisher, dann ist es das Ziel, noch mindestens eine Saison anzuhängen.

Ist es auch das Ziel, noch eine WM zu spielen? Nationaltrainer Patrick Fischer möchte Sie vom Comeback überzeugen.
Ich brauche den zweiten Joker.

Laut Fischer ist die Sache so: Können Sie Ihr Niveau bis Saisonende halten, dann ist die Chance gross, dass Sie an der WM dabei sein werden.
Das haben Sie gesagt.

Wie konkret waren oder sind die Gedanken an den Rücktritt?
Es gibt natürlich solche Gedanken. Aber mein Approach war und ist immer: Ich möchte in der Folgesaison mindestens auf demselben Niveau sein. Ich bin ambitioniert, trainiere im Sommer nicht, um meine Werte zu halten, sondern um sie zu verbessern. Stelle ich fest, dass ich meinen eigenen Ansprüchen nicht mehr genüge, muss ich handeln. Altersparameter interessieren mich nicht.

Trotzdem: Sie werden am 5. April 40 Jahre alt. Können Sie sich mit der vier am Rücken anfreunden?
Schwierig, schwierig. Ich fühle mich überhaupt nicht wie 40. Tagtäglich bin ich von Jüngeren umgeben, das hält mich jung.

Sie sind seit kurzem dreifacher Vater. Wie bringen Sie Sport und Familie unter einen Hut?
Ich bin ein Glückspilz. Ich habe eine Frau, die mich extrem gut unterstützt. Dass ich immer noch auf diesem Level spielen kann, ist auch ihr Verdienst. Aber es ist eine Gratwanderung. Klar hast du als Eishockeyprofi meist am Sonntag frei. Aber du bist dann oft ausgelaugt von den Spielen am Wochenende und für die Kinder nur beschränkt einsatzfähig (lacht).

«Am liebsten hätte ich Mathias Seger mit dem Lasso eingefangen und nach Bern gezogen.»

Hat sich Ihre Rolle als Captain in den letzten Jahren verändert?
Ich passe mich an. Grundsätzlich lautet mein Credo: Wer häufig spricht, der nutzt sich schneller ab. Natürlich gibt es in Extrem­situationen viele Gespräche, viel Arbeit. Aber ich habe gute Unterstützung; das Captainteam funktioniert bestens. Und dass die Mannschaft letzte Saison trotz Krise nicht auseinanderfiel, war das Verdienst jedes Einzelnen. In Bern gibt es viele sehr gute Spieler. Interesse und Druck sind gross. Da braucht es einiges, damit man als Team funktioniert.

Davos-Trainer Arno Del Curto bezeichnet Sie als letzten Mohikaner, gemeinsam mit Mathias Seger. Sie beide seien die letzten verbliebenen richtigen Leader.
Das ist ein schönes Kompliment.

Heutzutage sei es wegen der Social-Media-Entwicklung und der Individualisierung schwieriger, als Team etwas zu erreichen. Teilen Sie diese Ansicht?
Das Umfeld hat sich gewandelt. Es gibt andere Interessen, die gegenseitige Rücksichtnahme ist geringer geworden. Ein Team ist immer ein Abbild der Gesellschaft. Aber letztlich geht es um Personen, um Charakter. Ich kann nicht sagen, dass dieses SCB-Team weniger solidarisch ist als eines aus früheren Jahren – im Gegenteil. Wir haben viele starke Typen, auch weil bei der Zusammenstellung darauf Wert gelegt wurde.

«Solche guten Trainings habe ich in Bern zuvor nur unter Antti Törmänen erlebt.»

Mit ZSC-Captain Seger verbindet Sie eine Freundschaft. Auch er steht vor einem wegweisenden Zukunftsentscheid.
Ich kenne ihn, seit ich 12 Jahre alt bin. Wir sprechen oft zusammen, er ist ein Supertyp. Am liebsten hätte ich Mathias Seger mit dem Lasso eingefangen und nach Bern gezogen. Aber es ist mir nie gelungen (lacht).

Seger und die ZSC Lions treten am Samstag in Bern an. Ist der ZSC der ultimative Gradmesser?
Auf jeden Fall. Zürich stellt Jahr für Jahr ein Topteam, hat ein breites Kader. Ein Match gegen den ZSC ist für den SCB immer eine Standortbestimmung.

Hat die aktuelle SCB-Ausgabe Meisterpotenzial?
Das hat sie sicher. Nur: Im Januar haben wir nicht die gleiche Stärke gezeigt wie im November und Dezember. Es läuft nicht mehr ideal. Aber das beunruhigt mich nicht – im Gegenteil. Ich bin froh, harzt es. So wird jedem aufgedeckt, dass er bis Playoff-Beginn eine Steigerung herbeiführen muss.

Wie nehmen Sie das Trainerduo Kari Jalonen/Ville Peltonen wahr?
Beide verfügen über ein grosses Know-how und viel Erfahrung. Unser Konzept funktioniert national wie international. Und was für mich wichtig ist, aber oft unterschätzt wird: Die Trainingsqualität ist top. Solche guten Trainings habe ich in Bern zuvor nur unter Antti Törmänen erlebt.

Wird Martin Plüss dereinst auch Trainer sein?
Ich habe das immer ausgeschlossen. Aber heute schliesse ich es nicht mehr aus.

Liveticker zum Spitzenspiel SCB - ZSC Lions, am Samstag ab 19.45 Uhr auf unserer Webseite. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2017, 09:59 Uhr

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NLA

44. Runde

28.01.SC Bern - Lausanne HC6 : 3
28.01.HC Davos - Geneve-Servette HC0 : 3
28.01.Fribourg-Gottéron - HC Lugano2 : 5
28.01.EV Zug - EHC Kloten5 : 4
28.01.SCL Tigers - HC Ambri Piotta2 : 1
21.02.ZSC Lions - EHC Biel-Bienne3 : 0
Stand: 21.02.2017 21:39

Rangliste

NameSpSU+U-NG:EP
1.SC Bern4830549151:109104
2.ZSC Lions4825977161:111100
3.EV Zug48273612146:11393
4.Lausanne HC48235119151:13480
5.HC Davos48204420143:13172
6.Geneve-Servette HC481841016132:13472
7.EHC Biel-Bienne48212322141:13370
8.HC Lugano48185421137:15268
9.EHC Kloten481341021136:15957
10.SCL Tigers48154326116:14556
11.Fribourg-Gottéron48125229125:16748
12.HC Ambri Piotta4888428109:16044
Stand: 21.02.2017 21:53

45. Runde

04.02.EHC Kloten - SCL Tigers2 : 3
04.02.Fribourg-Gottéron - Lausanne HC1 : 3
04.02.EHC Biel-Bienne - Geneve-Servette HC1 : 3
04.02.SC Bern - ZSC Lions1 : 2
04.02.EV Zug - HC Davos3 : 5
04.02.HC Ambri Piotta - HC Lugano4 : 1
Stand: 04.02.2017 22:41

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