Die drei Ausrufezeichen

Der WM-Riesenslalom verläuft nach Papierform. Tessa Worley gewinnt zum zweiten Mal nach 2013 Gold, Mikaela Shiffrin wird Zweite. Sofia Goggia nutzt derweil ihre letzte Chance.

Den Erwartungen gerecht geworden: Weltmeisterin Tessa Worley (rechts) strahlt neben Silbermedaillengewinnerin Mikaela Shiffrin.

Den Erwartungen gerecht geworden: Weltmeisterin Tessa Worley (rechts) strahlt neben Silbermedaillengewinnerin Mikaela Shiffrin. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Tag war ohne Wolken und Wunder. Vom Podest winkte zuerst die Weltmeisterin Tessa Worley, die Erste im Riesenslalom-Weltcup, dann die Zweite, Mikaela Shiffrin, die zweite im Weltcup, und dann die Dritte, Sofia Goggia, die vierte im Weltcup. Im dritten Rang des Riesenslalomweltcups liegt Lara Gut – und so, wie das Rennen am Donnerstag lief, hätte sie Bronze gewinnen müssen, wäre sie nicht verletzt ausgefallen.

Das Podest folgte einer strengen Logik.Worley gewann in dieser Saison drei Riesenslaloms, Shiffrin gewann zwei, und Goggia stand dreimal auf dem Podest. Sie sind drei Frauen wie aus einer Telenovela – sie leben ihr eigenes Leben, aber am Ende des Tages laufen die Erzählungen immer irgendwie aufeinander zu, und sie stehen zusammen im Bild.

Floh und Wunderkind

Tessa Worley ist 1,58 Meter gross und wird in Frankreich deshalb «puce» genannt, Floh. Man sollte eigentlich keine Wortspiele mit Namen machen – auch wenn sie gut sind, das sollte gerade Beobachtern des Schweizer Skisports bekannt sein –, aber beim Spitznamen gilt die Ausnahme: Eine Zeitung in Frankreich überschrieb ein Porträt von Worley einmal mit «Puce que parfait». Der Titel hat eine neue Bedeutung erlangt.

Worley hat eine französische Mutter und einen australischen Vater. Als Kind lebte sie in beiden Ländern, immer da, wo Winter war. Sie ist 27 Jahre alt und hat den klassischen Karriereknick einer Skifahrerin bereits hinter sich: Kreuzbandriss, Meniskusriss. Vor der Verletzung hatte sie an Weltmeisterschaften einmal Gold im Teamevent gewonnen und einmal im Riesenslalom. Und nun in St. Moritz, nach der Verletzung, bestätigte Worley beide Titel. Sie sagte: «Alle hatten das von mir erwartet, ich ja auch. Und ich habs tatsächlich geschafft!» Sie ist das erste Ausrufezeichen.

Bereits 28 Weltcuprennen gewonnen

Mikaela Shiffrin ist 21 Jahre alt und hat, wenn man sich ihr Palmarès anschaut, schon ein ganzes Skifahrerinnenleben hinter sich. Sie ist Gewinnerin von 28 Weltcuprennen, Olympiasiegerin und Doppelweltmeisterin im Slalom. Man nennt sie «Wunderkind». Zum Beginn dieser Meisterschaften in St. Moritz hatte Shiffrin ihre eigene Pressekonferenz. Sie sass vorne auf der Bühne, und wenn sie sich durch die Haare fuhr, klickten die Fotografen.

Auf den Tischen im Saal lag ein Hochglanzmagazin ihres Sponsors Longines, in dem stand, Shiffrin sei so perfekt wie eine Longines-Uhr. Auf der Bühne erzählte sie von ihrer «unglaublichen Saison». Nach dem Rennen von Donnerstag sagte sie: «Es ist unglaublich!» Das zweite Ausrufezeichen: Mikaela Shiffrin.

Sofia Goggia fährt sehr schnell Ski, aber was von ihr einmal bleiben könnte, sind die Interviews. An der Pressekonferenz sagte sie: «Als ich ins Ziel fuhr, sah ich auf die Anzeigetafel. Und ich dachte: ‹Jesus, ich hab eine Medaille gewonnen!›» Und: «Ich weinte fast, also nein: Ich weinte wirklich.» Und: «Heute Nacht werde ich feiern, mit Champagner. Mir egal, dass ich eigentlich eine Athletin bin.» Sofia Goggia ist 24 Jahre alt – nach einem Kreuzbandriss fährt sie ­ihre erste grosse Saison. Am 26. November 2016 holte sie in Killington ihren ersten Podestplatz – weitere folgten sofort. Sie ist das dritte Ausrufezeichen.

Die Weltmeisterschaften hatten mit dem Super-G der Frauen und der Überraschungssiegerin Nicole Schmidhofer begonnen. Im Super-G der Männer gewann Erik Guay, mit dem nur wenige gerechnet hatten. Sofia Goggia, die auch im Super-G und in der Abfahrt zu den Favoritinnen gehört hatte, fuhr zweimal neben das Podest.

In den Speeddisziplinen, Super-G und Abfahrt, ist die Zahl der Überraschungen traditionell höher, weil die Athleten nur einen Lauf fahren und ein kleiner Fehler das Ende bedeutet, und weil der Charakter des Bergs das Rennen bestimmt. Es gibt Abfahrten mit langen Gleitpassagen – wer kein guter Gleiter ist, kann sich schon am Start abmelden.

Der Charakter eines Bergs

In den technischen Disziplinen, Slalom und Riesenslalom, ist die Zahl der Überraschungen kleiner, weil die Athleten zwei Läufe fahren – und ein Fehler im ersten Lauf im zweiten ausgeglichen werden kann. Zudem zählt der Charakter des Bergs in diesen Disziplinen weniger, weil die Strecken kürzer sind. Slalom­hänge gleichen sich eher als Abfahrtsstrecken.

In St. Moritz bricht die Zeit der Favoritinnen und Favoriten an. Heute im Riesenslalom der Männer fragen sich alle: Hirscher oder Pinturault? Im Männerslalom, leicht abgeändert: Hirscher oder Kristoffersen? Im Slalom der Frauen gibt es nur eine Favoritin: Mikaela Shiffrin. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 22:21 Uhr

Artikel zum Thema

Immer verletzt

Im Skisport kommt jeder Held aus einer Verletzung. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann sich ein Athlet verletzt. Eine grosse Leidensgeschichte. Mehr...

Schlüsselfiguren Flatscher und Gut

Sportredaktor Micha Jegge über den Erfolg der Schweizerinnen. Mehr...

Beat Feuz holt Gold

Der Emmentaler Beat Feuz gewinnt in St. Moritz die WM-Abfahrt. Patrick Küng verpasst Bronze um zwei Hundertstel. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mord statt Frohsinn

Bern & so Potz Blitz

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Die Welt in Bildern

Hereinspaziert: Ein chinesischer Ehrengardist öffnet den Vorhang für den französischen Premier Bernard Cazeneuve, der in der Grossen Halle des Volkes in Peking mit einer Willkommenszeremonie empfangen wird. (21. Februar 2017)
(Bild: Mark Schiefelbein/AP) Mehr...