Immer verletzt

Im Skisport kommt jeder Held aus einer Verletzung. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann sich ein Athlet verletzt. Eine grosse Leidensgeschichte.

Lädierter Rücken: Felix Neureuther verletzt sich im Teamwettkampf.

Lädierter Rücken: Felix Neureuther verletzt sich im Teamwettkampf. Bild: Keystone

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Walter O. Frey, der Chefarzt von Swiss-Ski, sagte einmal, der gefährlichste Schweizer Wintersport sei Schneeschaufeln. Er belegte das mit Untersuchungen in Washington D.C., aber im Prinzip war das mit dem Schneeschaufeln vor allem ein guter Spruch. Skifahren wiederum, sagte Frey im gleichen Interview, sei «nicht wirklich gesund». Das gefährlichste, was Spitzensportler im Winter machten, sei­en «Speeddisziplinen im Ski alpin».

Am Freitag trat Frey in St. Moritz auf – und wenn im Skisport die Ärzte auftreten, ist das selten ein gutes Zeichen. Frey sagte: «Man hat jetzt Zeit, verschiedene therapeutische Optionen zu prüfen. Und Lara Gut geht auch diese Sache sehr professionell an.» Am Mittag war sie beim Einfahren für den zweiten Kombinationslauf gestürzt. Frey verkündete nun einen Kreuzbandriss, einen Meniskusriss, das Ende der Saison.

Als Lara Gut an ihrem ersten Tag in St. Moritz über ihre Ziele sprechen wollte, gab es nur eine Frage: Sind Sie fit? Sie sagte: «Ich kann kaum gehen, kaum stehen, kaum sitzen. Aber eine Minute lang Ski fahren, das sollte funktionieren.» Der Oberschenkel tat ihr weh, sie war gestürzt im Januar, im Super-G von Cortina, eine Speeddisziplin im Ski alpin.

Die Frage ist: Wann?

An einer WM geht es um Medaillen, aber mindestens so präsent sind Verletzungen. Die Frage bei einem Skifahrer ist nicht, ob er sich verletzt, sondern wann.

Nicole Schmidhofer, die erste Weltmeisterin von St. Moritz? War erst in dieser Saison zurückgekommen nach einem Kreuzband- und einem Meniskusriss in der vergangenen. Erik Guay, der erste Weltmeister von St. Moritz? Ein geplagter Mann des Skisports. Als sein Sieg feststand, sagte ein Reporter zu ihm: «Es ist nicht immer leicht, die Übersicht über Ihre Verletzungen zu behalten. Können Sie mir helfen?» Guay zählte sechs Knieoperationen auf. Er lachte darüber. Im Ziel weinte einer seiner Trainer – er hatte Guay durch die Rehabilitationsphasen begleitet. Jetzt war ihm alles zu viel.

Beat Feuz bedankte sich schon im Ziel bei denen, die ihm in den letzten Jahren «immer wieder Hoffnung gemacht» hätten. In seinem Kopf lief ein Film: Als Junior schon riss er sich Kreuzband und Meniskus, er kehrte zurück. Am Ende der Saison 2012 schmerzte ihn das Knie wieder, die Ärzte operierten ihn in Bern, ein Knochenabriss. Der Schmerz kehrte aber zurück, immer wieder, und die Ungewissheit auch.

Schuss im Rücken

Am Abend vor dem Teamevent gab Felix Neureuther, der Star des deutschen Skisports, ein Interview. Er war gerade angekommen in St. Moritz, vor ihm lagen drei Rennen – auf ihm die Erwartungen eines ganzen Landes. Der Reporter stellte die wichtigste Frage zuerst: «Bist fit? Das Knie hat bisschen gezwickt in Garmisch?» – «Ja, ich bin wirklich fit», sagte Neureuther, und bei dem Wort «wirklich» konnte man leise Verwunderung heraushören. «War auch wichtig, dass ich nochmals regeneriert habe.»

Am Morgen danach fuhr Neureuther den ersten Lauf im Teamevent. Im Ziel angekommen, griff er sich an den Rücken, blieb gebückt stehen; Schmerzen im Gesicht. «Beim Sprung ist es mir in den Rücken geschossen, dann konnte ich kein Gas mehr geben», sagte er. Seine Interviews sind medizinische Updates. Ob er in St. Moritz weitere Rennen bestreiten kann, ist offen.

Der grosse Abwesende dieser WM ist Aksel Lund Svindal, der Ski fahrende Blockbuster aus Norwegen. Er stellte in der letzten Woche ein Bild von sich ins Internet, man sah ihn in Lower Manhattan, New York, wie er an Krücken über eine Strasse ging. Christof Innerhofer veröffentlichte bei Instagram ein Filmchen aus der Reha. Ted Ligety, ehemaliger Weltmeister im Riesenslalom, zeigte ein Bild seines operierten Rückens. Und in Schweizer Zeitungen berichtete Olympiasieger Sandro Viletta, gerade in der Reha in Basel, wie es hätte sein können, an der WM im eigenen Kanton.

Ein gesunder Mann

Die Liste der Verletzten ist natürlich nicht komplett und vielleicht schon heute wieder veraltet. Die latente Gefahr fährt immer mit bei einem Skirennen – sie zieht das Publikum an, schreibt die Geschichten, die aus einem Sportler einen Helden machen: Weltmeister nach Comeback!

Am Montag, in der Kombination, gewannen zwei Schweizer eine Medaille. Mauro Caviezel, der Gewinner der Bronzemedaille, erzählte die klassische Geschichte: Er dankte den Leuten, die ihn auf seinem «nicht immer leichten Weg» begleitet hätten. Noch im Herbst hatte er sich den Zeigefinger gebrochen und das linke Handgelenk verletzt, nachdem er sich im letzten Frühling das Wadenbein gebrochen hatte.

Dann erschien Luca Aerni in der Mixed Zone, der Weltmeister. Es gab ein paar Fragen an ihn, zu diesem grossen Tag und zu seinen Gefühlen – irgendwann fragte ein älterer Reporter, ob er seinen Bandscheibenvorfall von vor drei Jahren eigentlich noch spüre. «Nein, schon lange nicht mehr», sagte Aerni.

Der Reporter schaute ein bisschen ungläubig. Vor ihm stand ein gesunder junger Mann.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.02.2017, 10:35 Uhr

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