Die Kombi-Nation

Gold für den Berner Luca Aerni, Bronze für Mauro Caviezel: Die Swiss-Ski-Athleten holen sich die Medaillen fünf und sechs – die Schweiz feiert in St. Moritz.

Aussenseiter, vereint im Glück: Bronzegewinner Mauro Caviezel (links) herzt den neuen Weltmeister Luca Aerni.

Aussenseiter, vereint im Glück: Bronzegewinner Mauro Caviezel (links) herzt den neuen Weltmeister Luca Aerni. Bild: Getty Images

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In den Minuten nach der Siegerehrung wurden die Medaillen von Luca Aerni und Mauro Caviezel in einen grösseren Zusammenhang gestellt. Im Ziel trafen immer mehr Leute von Swiss-Ski ein, sie trugen die beiden Gewinner dieses Tages auf Schultern, dann schauten sie alle zusammen in die Kameras. Ein Gruppenbild: Weltmeisterschaftsklasse Winter 2017.

Luca Aerni, 23, der Mann aus Grosshöchstetten, war erst am Abend davor nominiert worden für diese Kombination. Nun hatte er an der Siegerehrung zuoberst auf dem Podest gestanden und geschlottert. Ein Weltmeister ­ohne Ankündigung.

Mauro Caviezel, 28, ist einer jener Skifahrer, die im Erfolg an ihren «nicht immer ganz einfachen Weg» denken, an Pech und Verletzungen. Er kommt aus Lenzerheide – seine Reise nach St. Mo­­ritz war eine mit Umwegen. Eine Bronzemedaille mit Verspätung.

Auf dem Gruppenbild wird man sehen, wie sie die Arme in die Höhe strecken und in den Himmel blicken.

Auf den Tribünen klatschte das Publikum. Die Zuschauer wirkten etwa so ungläubig erfreut wie die Fahrer. Zwei neue Namen in dieser Gut-Gisin-Holdener-Feuz-Galerie. Ein weiterer Schweizer Feiertag in St. Moritz. Aber war das gerade wirklich geschehen?

Zur gleichen Zeit ging der zweitplatzierte Marcel Hirscher, einer der Favoriten, über diese Art Fernsehstrasse, die hinter dem Ziel liegt – er war noch immer mit der Hundertstelsekunde zu viel unterwegs, die ihn den Weltmeistertitel gekostet hatte. Österreich erklärte, die Schweiz feierte.

«YES! Mister #zungedusse aka Luca Aerni mit einem super Lauf immer noch in Führung!!!!!»Michelle Gisin via Twitter

Gegner: Tahiri und Hirscher

Der Tag in St. Moritz hatte ohne Euphorie begonnen. Der Slalomfahrer Aerni verlor in der Abfahrt mehr als zweieinhalb Sekunden und mit der Zeit immer mehr Plätze. Als Joan Verdu im Ziel ankam – der 53. der Startliste, irgendein Abfahrer aus Andorra –, da verdrängte er Aerni auf den 30. Platz.

Es folgten noch sechs Fahrer, sie sollten über diesen Schweizer Skitag entscheiden: Als 30. würde Aerni mit der Nummer 1 in den Slalom starten, in einer guten Ausgangslage. Als 31. würde er mit der Nummer 31 starten, ohne Chance. Seine Gegner in dem Moment waren Albin Tahiri aus dem Kosovo und Ioan Valeriu Achiriloaie aus Rumänien – aber er blieb vor ihnen.

Im Slalom gelang Aerni ein guter Lauf, aber als er im Ziel ankam, wusste er nicht, was seine Zeit wert war. Er wartete in der Leaderbox und sah, wie sich die St. Moritzer Sonne in die Piste frass. Die Zeit arbeitete für ihn. Seine Gegner hiessen jetzt Alexis Pinturault und Hirscher – aber er blieb vor ihnen.

Hirscher kam ihm am nächsten, nur ein Hundertstel fehlte, aber am Ende spielte das keine Rolle. Aerni hatte sich inzwischen hingesetzt, er wartete in Ungläubigkeit. Die Kameras im Ziel zeigten Hirscher, es wirkte wie ein Versehen.

Spätestens, als Mauro Caviezel auf den dritten Zwischenrang fuhr, breitete sich im Publikum die Frage aus, ob Erfolge reproduzierbar sind. Am Freitag hatte die Medaillencombo Holdener/Gisin das Land in eine Kombi-Nation verwandelt, am Sonntag hatte Beat Feuz aus der St. Moritzer WM eine Schweizer WM gemacht.

«Dieser Rückenpanzer hat am Ende wahrscheinlich genau dieses Hundertstel ausgemacht, das ich auf Hirscher herausgeholt habe.»Luca Aerni

Auf Twitter schaltete sich Michelle Gisin ein, die Silbermedaillengewinnerin der Frauenkombination. Sie schrieb: «YES! Mister #zungedusse aka Luca Aerni mit einem super Lauf immer noch in Führung!!!!!» Und dann: «Was ist denn da los?!! Auch Mauro und Justin zeigen sensationelle Slalomläufe!!!!!!» Die Anzahl ihrer Nachrichten nahm, wie die Zahl der Ausrufezeichen, zu – ein Liveticker der Euphorie.

Der Rückenpanzer

Nach dem Rennen schrieb Michelle Gisin, ihr Rückenpanzer müsse nun ins Museum, «heute war Luca Aerni damit unterwegs, er wollte ein bisschen Extraspeed. Hat funktioniert». Aerni hatte sie am Morgen danach gefragt, weil der Rückenpanzer, den er im Slalom trägt, zu kurz war für die Kombinationsabfahrt.

Nun stand Aerni im Zielraum und sagte: «Dieser Rückenpanzer hat am Ende wahrscheinlich das Hundertstel ausgemacht, das ich auf Hirscher herausgeholt habe.» Er lachte und bedankte sich bei Gisin. Klassengeist auf Salas­trains. Der Rückenpanzer verband den Erfolg von Aerni mit dem von Gisin. Man sollte einen Rückenpanzer nicht allzu sehr überladen mit Symbolik, aber er zeigte an diesem Montag, wie ein Team sich finden kann in der Euphorie. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.02.2017, 22:27 Uhr

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