«Dann haut es dich fast um»

Hans Flatscher, als Frauen-Cheftrainer einer der Väter des Schweizer Erfolgs, spricht unter anderem über seine ambivalenten Gefühle während der WM-Kombination.

Über dem Nebel: Unter der Obhut von Steuermann Hans Flatscher ist das Schweizer Frauenteam ans Sonnenlicht zurückgekehrt.

Über dem Nebel: Unter der Obhut von Steuermann Hans Flatscher ist das Schweizer Frauenteam ans Sonnenlicht zurückgekehrt. Bild: Keystone

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Die Speedrennen sind absolviert, Slalom und Riesenslalom stehen noch bevor – wie fällt ­Ihre Zwischenbilanz aus?
Hans Flatscher: Grundsätzlich positiv. Im Super-G ist Lara Gut normalerweise eine Bank. Nach dem Sturz in Cortina aber war es super, dass sie überhaupt eine Medaille gewann. In der Abfahrt hätten ich und ganz viele andere Leute Fabienne Suter einen ­Medaillengewinn gewünscht. Irgendwie hat es wieder nicht funktioniert, obwohl die Ampel nach den Trainings auf Grün gestanden war.

Warum nicht?
Wenn wir das wüssten, könnten wir das Problem vielleicht lösen. Sie probiert es, verkrampft sich. Zudem – ich will damit nichts schön reden – stiess nach Startnummer 10 und der Werbepause keine Fahrerin mehr nach vorne. Fabienne trug die 11, war im Ziel Siebte, war auch am Ende Siebte. Bei der Nummernwahl ist es manchmal wie beim Lotto.

War es nicht primär Kopfsache?
Das ist ein wichtiger Faktor, skifahrerisch wäre sie bereit gewesen. Aber Fabienne ist eine Fahrerin, die Vertrauen braucht, die realisieren muss, dass sie bereit ist. Und das geht bei ihr nur über gute Ergebnisse. Im letzten Winter wäre die Chance dank der vielen Podestplätze um ein Vielfaches besser gewesen. Nun kam sie von einer Verletzung zurück und stand bei der Anreise bei weitem nicht dort, wo wir erhofft hatten.

Michelle Gisin fuhr mit Nummer 28 auf Rang 8...
... das war eine Superleistung, und sie hatte sogar noch einen «Parkierer» drin. Auch Jasmine Flury (Rang 12; die Red.) hat an ihrer ersten WM gezeigt, dass künftig mit ihr zu rechnen ist. Die Einzige, die ein bisschen gezaudert hat, ist Corinne Suter.

Wo liegt das Problem?
Sie kommt mit dem Druck nicht klar. Im Training fährt sie in sieben von zehn Läufen Bestzeit, in Rennen kriegt sie es nicht auf die Reihe. Ich bin aber felsenfest überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir sie vorne sehen werden. Das zweite Jahr im Weltcup ist nicht einfach, es handelt sich um einen natürlichen Reifeprozess.

Bleibt die Kombination...
... in der ist es in Anbetracht der schwierigen Umstände sensationell herausgekommen.

Was hat Sie am meisten ­überrascht?
Nach der Abfahrt war ich innerlich glücklich, weil sich gezeigt hatte, dass wir uns mit der sanften Öffnung Richtung schnelle Disziplinen auf dem richtigen Weg befinden. Erstaunlich war, wie die Frauen mit dem Druck umgegangen sind. Klar, Wendy Holdener ist seit ein paar Jahren vorne dabei. Aber in einer solchen Ausgangslage war sie noch nie gewesen. Eigentlich waren beide Grünschnäbel. Chapeau, wie sie das hingekriegt haben.

Sie befanden sich vor dem Slalom am Hang, hatten zwei Siegesanwärterinnen oben. Gleichzeitig wurde Teamleaderin Lara Gut mit dem Helikopter abtransportiert. Was ging Ihnen in diesen Momenten durch den Kopf?
Es reisst dich hin und her. Sind die Gedanken beim Rennen, ist alles super. Bist du per Funk mit den Betreuern auf der andern Seite verbunden, dann haut es dich fast um. Letztlich musste ich, und das hätte auch Lara so gewollt, die ganze Kraft für jene einsetzen, die am Start standen.

Holdener sagte, sie sei «durch den Wind» gewesen, als sie von Guts Verletzung erfahren habe.
Logisch, so etwas haut dich total raus. In diesem Moment profitierten wir davon, dass unsere Crew schon lange beisammen ist, das Umfeld den Athletinnen vertraut ist. Auf der Besichtigung lief alles so ab wie immer, und da fanden sie den Rank wieder.

Wie kamen Sie mit dem erwähnten Hin und Her zurecht?
Das gehört, so blöd es klingen mag, zum Geschäft, mit dem musst du umgehen können. Aber klar, in ruhigen Momenten, wenn gerade niemand jauchzte oder ­jubelte, tauchten die Emotionen vorübergehend in den Keller. Als die Diagnose feststand, war es einfacher. Da wusste ich, dass es zwar eine traurige Sache ist, aber wieder gut kommen wird.

Wie haben Sie Lara Gut am ­Telefon erlebt?
So, wie ich sie kenne. Klar war sie geknickt, klar wird der Frust in ruhigen Momenten hochkommen, in der Nacht zum Beispiel. Aber sie konnte umschalten, vorwärtsdenken; sie war mit den Gedanken schnell beim bestmöglichen Plan, den es zu entwerfen gilt. Lara sinniert nicht lange, sie krempelt die Ärmel hoch. Das ist eine brutal gute Eigenschaft.

Wie erleben Sie die Heim-WM – im Vergleich mit Titelkämpfen im Ausland?
Die Wertigkeit ist komplett eine andere. Die meisten Menschen, die hier sind, wollen an unserem Team Freude haben. Es ist angerichtet, wir müssen nur noch abliefern. Als Lara die Medaille gewann, war der erste Druck weg. Das spürt jeder. Irgendwo im Hinterkopf ist schon Respekt da gewesen. Was ist, wenn wir schlecht abschneiden sollten? Ganz aus dem Kopf raus kriegst du diese Gedanken nicht.

Die Tage sind lang, vor allem für die Trainer. Sie sind der Steuermann – wie sieht es bezüglich Energiehaushalt aus?
Es ist schon intensiver als sonst – vor allem, weil mir in fast jeder ruhigen Minute etwas in den Sinn kommt, das ich noch erledigen sollte. Entscheidend ist die Disziplin: Du darfst dich nicht gehen lassen. Ein wenig feiern ist okay. Aber auf die Pauke hauen und am nächsten Tag nudelfertig sein – das solltest du bleiben lassen.

2012, als Sie Ihr Amt antraten, verkündeten Sie das Ziel, an der Heim-WM mit einem Team anzureisen, das in allen Disziplinen Medaillenchancen hat. Sie haben das Ziel erreicht. Wie fühlt sich das an?
Gut – vor allem, weil es eine schwierige Phase gab. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass drei Abfahrerinnen aufhören würden (Dominique Gisin, Nadia Jnglin-Kamer, Marianne Abderhalden). Da war ich nicht sicher, ob wir die Kurve kriegen würden.

Was geschah dann?
Ich hatte früh gemerkt, dass rundherum alle an meinen Plan glaubten – und setzte auf die Jetzt-erst-recht-Strategie. Wir drehten an allen Schrauben, damit sich die Jungen schneller entwickelten. Und wir hatten kaum Verletzungen, es war Glück dabei.

Die Ausgangslage präsentiert sich heute deutlich besser als 2012, fast alle Leistungsträgerinnen sind noch jung. Werden Sie bald den nächsten Fünfjahresplan präsentieren?
(lacht) Ob ich das so lange machen werde, weiss ich nicht. Aber wenn man die Athletinnen anschaut und sieht, was sie für Jahrgänge haben, gelangt man zum Schluss, dass wir auf Kurs sind.

Untertreiben Sie nun nicht ein bisschen?
So viele haben wir nicht, wir müssen sorgsam mit ihnen umgehen. Aber wenn es uns gelingt, die Entwicklung im gleichen Stil fort­zusetzen, werden uns in ein paar Jahren einige um dieses Team ­beneiden.

Der Job des Cheftrainers gilt als kräfteraubendster im Skisport. Gibt es Momente, in denen Sie sich fragen, was Sie sich antun?
Sollten solche Momente kommen, müsste ich die Notbremse ziehen. Die Kunst ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Ich habe das Glück, eine Frau zu haben, die das Geschäft kennt, das Geschehen mit Leidenschaft verfolgt und entsprechend viel Verständnis mitbringt. So etwas kannst du nur machen, wenn du einen freien Rücken hast.

Warum ist das so?
Weil es nie aufhört. Es gibt immer eine Baustelle. Und die Betroffenen müssen spüren, dass du da bist, dich um sie kümmerst. Ich mache es gerne, und ich bin nicht allein. Wir sind eine verschworene Einheit. Wir haben aus einem «Grüppli» eine richtige Mannschaft geformt – das verbindet.

Der Mannschaft stehen noch zwei WM-Rennen bevor. Wie sehen Ihre Erwartungen aus?
Im Riesenslalom haben wir nach Laras Ausfall vier Athletinnen am Start, die möglichst viel profitieren sollen, damit sie uns in Zukunft Freude bereiten können. Für ihr Alter sind sie gut bis sehr gut, sie können nur gewinnen.

Und im Slalom?
Da sieht es ganz anders aus. Michelle ist im Hoch, Wendy hat eine Goldmedaille im Rucksack – es kann alles passieren. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.02.2017, 18:57 Uhr

Frauen-Riesenslalom

Für Swiss-Ski fährt die Zukunft

Der Ausfall von Lara Gut und der Verzicht von Wendy Holdener lassen den am Donnerstag anstehenden WM-Riesenslalom aus helvetischer Perspektive zur Talentschau werden.

Simone Wild, 23-jährig, stösst langsam, aber kontinuierlich Richtung Weltspitze vor. Die Sarganserländerin überzeugt nicht zuletzt durch Konstanz; in den sieben Riesenslaloms dieses Winters hat sie sich stets zwischen Rang 7 und Platz 23 klassiert.

Jasmina Suter, 21-jährig, ist amtierende Junioren-Weltmeisterin, gilt seit geraumer Zeit als Talent, hat zuletzt jedoch stagniert. Die Schwyzerin rückte ins Aufgebot, weil Swiss-Ski wegen Guts Verletzung eine Athletin nachnominieren durfte.

Mélanie Meillard, 18-jährig, ist die Aufsteigerin dieses Winters, ihr Resultatblatt beeindruckend. 15 Weltcuprennen hat die im Unterwallis lebende Neuenburgerin bestritten. Neun Mal reihte sie sich zwischen Platz 5 und Rang 20 ein, sechs Mal schied sie aus. Ehe sie ins Engadin reiste, hatte sie im bayerischen Bad Wiessee an zwei Europacup-Slaloms teilgenommen – und beide gewonnen.

Camille Rast, 17-jährig, ist das jüngste Mitglied der Swiss-Ski-Delegation, «unser 99erli», wie Michelle Gisin schmunzelnd festhielt. Ende Oktober hatte die Unterwalliserin bei ihrer Weltcup-Premiere in Sölden den zweiten Durchgang mit Startnummer 60 lediglich um zwei Zehntel verpasst. Ende Januar empfahl sie sich mit Rang 9 am Kronplatz im Südtirol für das WM-Quartett. Rast bezeichnet Meillard als «Freundin». Meillard sagt lachend, Rasts Präsenz habe einen grossen Vorteil. «Nun kann ich abends im Zimmer französisch sprechen.»

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