Grosser Sport, grosse Worte

Seit Jahren führt kaum ein Weg an Martin Fourcade vorbei. Im Weltcup reiht der Franzose Sieg an Sieg, an der WM in Österreich hat er schon drei Medaillen gewonnen. Er kämpft mehr gegen Doping als gegen Konkurrenten.

Der Extrovertierte: Der französische Überflieger Martin Fourcade pflegt seine Siege zu zelebrieren.

Der Extrovertierte: Der französische Überflieger Martin Fourcade pflegt seine Siege zu zelebrieren. Bild: Keystone

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Biathlon ist, wenn über 100 Mann loslaufen, ein paarmal zum Schiessen anhalten und am Ende Martin Fourcade gewinnt. 58 Weltcuprennen hat der Franzose für sich entschieden, elfmal an einer Weltmeisterschaft reüssiert, zwei Olympiasiege eingeheimst.

Äusserst beeindruckende Werte, handelt es sich beim Biathlon doch um den Wintersport mit der höchsten Leistungsdichte. An den Weltcuprennen nehmen jeweils rund 40 Nationen teil.

Zahlen lügen nicht. Im Fall von Fourcade verdeutlichen sie dessen ungeheure Dominanz. Seit 2011 hat er den Gesamtweltcup stets gewonnen, am Ende des Winters wird er bei Triumph Nummer sechs angelangt sein.

Vergangene Saison sicherte er sich ­jede der vier Kristallkugeln für die Disziplinenwertungen. Worauf der Norweger Johannes Thingnes Bö meinte, Fourcade sei unschlagbar. «Ich starte nicht mehr, es hat keinen Sinn.» Bö nimmt natürlich weiterhin an Rennen teil. Seine Worte waren als Scherz gemeint – obwohl er keineswegs lachte.

Der Protest

An der WM in Hochfilzen hat Fourcade nach halbem Pensum einen kompletten Medaillensatz in der Tasche. Für den grössten Aufreger jedoch sorgte er ausserhalb der Loipe. Während der ­Siegerehrung der Mixed-Staffel verweigerten ihm die drittplatzierten Russen den Handschlag, weshalb Fourcade seine Silberkollegen und die Zeremonie grusslos verliess. Es war ein Protest: Die Russen traten mit zwei überführten Dopingsündern an, Fourcade hatte sich schon vor dem Rennen kritisch zu deren Start geäussert.

Der 28-Jährige ist kein PR-geschliffener Profi, welcher Plattitüden von sich gibt. Als Patron des Biathlons wählt er deutliche Worte, was ihm Ärger eingehandelt hat. Von russischen Athleten ist er mehrmals verbal bedroht worden. Jede Dopingmeldung empfindet Fourcade als Niederlage. «Wie kann ich eine glaubwürdige Nummer eins sein, wenn Athleten, die ich bezwinge, als Betrüger auffliegen?», meinte er unlängst in einem Interview mit der Sportzeitung «L’Equipe».

Er verzeihe Betrügern nicht, «im Gegenteil: Man sollte mit dem Finger auf sie zeigen!» Vehement fordert Fourcade härtere Strafen für Überführte, er exponiert sich immer häufiger, scheut keinerlei Konflikte. So sprach er von «einer Schande für den Sender», nachdem die französische TV-Station France 2 den früheren Doper Laurent Jalabert als Radsport­experten engagiert hatte.

Der Gambler

Einige wundern sich ob Fourcades Worten, wirft er mit seiner Überlegenheit doch selbst Fragen auf. Andere halten ihn für einen Pionier, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt, für seine Überzeugungen einsteht. Nach der Veröffentlichung des McLaren-Reports, der systematisches Doping in Russland aufdeckte, drohte er mit einem Boykott, setzte den Weltverband IBU massiv unter Druck.

Fourcade exponiert sich gern. Manche halten ihn für arrogant, weil er seine Siege mit speziellen Jubelgesten oder ausgefallenen Aktionen im Zielbereich feiert, weil er selbstherrlich sein kann, Konkurrenten in der Loipe provoziert, sie mit Psychotricks beeinflusst.

SRF-Co-Kommentator Matthias Simmen bezeichnet ihn aber als umgänglichen Typen. «Er ist keineswegs überheblich. Aber er ist ein Gambler – für ihn ist alles ein Spiel.» Eines, das er überaus ernst nimmt. «Früher konnte er in Gesellschaftsspielen nicht verlieren», bestätigt Bruder Simon. «Lag er hinten, änderte er die Regeln.» Auch Simon Fourcade ist Biathlet, ihm hatte der heutige Dominator einst hinterhergeeifert. Bis 2010 war der Ältere der Bessere.

Nachdem Martin in Vancouver Olympiasilber geholt hatte, weinte sein Bruder während der Siegerehrung – aus Enttäuschung über seine verpatzte Leistung. «Das hat mich getroffen», meint Martin Fourcade auf Anfrage, «das hat unsere Beziehung verändert.» Meinungsverschiedenheiten häuften sich, auch Neid und Missgunst. «Ich liebe Simon. Aber einen Sieg würde ich ihm niemals schenken.»

In der Szene wird Fourcade als Kannibale bezeichnet, der um jeden Preis jedes Rennen gewinnen will. Am Schiessstand trifft er so genau, weil er seinen Puls unheimlich rasch zu senken vermag. «Von 190 auf 140 – in 20 Sekunden», hält er fest. Und seine Ausdauer ist gewaltig, auf Twitter veröffentlichte er ein Diagramm mit seiner Ruhepulsentwicklung: Der Tiefstwert betrug 28 Schläge pro Minute. Nicht wenige gehen davon aus, dass seine Dominanz ­anhalten wird. Es ist jedenfalls keiner erkennbar, der ihn mittelfristig von der Spitze verdrängen könnte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.02.2017, 11:37 Uhr

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