Kleine Risse in der Fassade

Bei Mikaela Shiffrin ist 2017 nicht alles wunschgemäss gelaufen. Trotzdem gehört sie im Riesenslalom zu den Favoritinnen.

Eloquent: Mikaela Shiffrin ist im Scheinwerferlicht gross geworden.

Eloquent: Mikaela Shiffrin ist im Scheinwerferlicht gross geworden. Bild: Keystone

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Souveräner kann man fast nicht auftreten, schon gar nicht als ­21-Jährige. Bewegt sich Mikaela Shiffrin in der Öffentlichkeit, steht sie im Scheinwerferlicht. Und erweckt dabei den Eindruck, als wäre sie darin gross geworden. Was auf den Skisport bezogen auch zutrifft. Zwei Tage vor ihrem 16. Geburtstag debütierte die Amerikanerin im Weltcup. Im vierten Rennen auf höchster Ebene belegte sie Rang 8, im achten stand sie erstmals auf dem Podest, als 17-Jährige wurde sie in Schladming Weltmeisterin.

Am Samstag bietet sich der Ausnahmekönnerin aus Avon unterhalb von Beaver Creek die Chance, am vierten Grossanlass in Folge die Slalom-Goldmedaille zu gewinnen. Selbstredend tritt sie als Favoritin an.

Wobei es kaum jemanden erstaunte, stünde Shiffrin bereits heute im Mittelpunkt. Ihr Riesenslalomschwung braucht keinen Vergleich zu scheuen, und wäre da nicht Tessa Worley, müsste man der zweifachen Saisonsiegerin in der Basisdisziplin ebenfalls die Favoritenrolle aufbürden.

Wer das Fragezeichen sucht, findet es bei ihren Auftritten von Anfang Januar. In Zagreb schied sie aus, was bemerkenswert ist, weil sie zuvor in ihrer ­Paradesparte über vier Jahre lang stets das Ziel erreicht hatte. In Flachau wurde sie ex aequo mit Wendy Holdener Dritte – und tat sich schwer, die Niederlage gegen Frida Hansdotter und Nina Löseth zu akzeptieren.

Derweil die Skandinavierinnen ausgelassen jubelten, stand die Amerikanerin mit versteinerter Miene im Zielraum. Obwohl sie sich später entschuldigte und dabei verlauten liess, in der Regel könne sie sich auch für andere freuen, waren in der vermeintlich makellosen Fassade kleine Risse zu erkennen.

Vor diesem Hintergrund erscheint die gegenüber einer deutschen Zeitung gemachte Aussage, wonach sie sich gelegentlich mit Selbstzweifeln konfrontiert sehe, in etwas anderem Licht. Der Druck komme in Wellen, sagte sie vor Wochenfrist in St. Moritz. Und: «Für mich zählt das, was ich erreichen will. Nicht das, was ich erreichen muss.»

Was insofern irritierend klingt, als eine Frau aus den Höhen Colorados im fernen Engadin grundsätzlich nichts erreichen muss. Oder anders formuliert: Was Shiffrin in der Schweizer Peripherie erreicht oder nicht, interessiert ennet des Atlantiks so gut wie niemanden.

Den City-Event in Stockholm ausgeklammert, liegt ihr letzter Sieg fünfeinhalb Wochen zurück – für Shiffrin-Verhältnisse eine gefühlte Ewigkeit. Trotzdem ist von der Rückkehr zur gewohnten Souveränität auszugehen. Seit sich Lara Gut das Kreuzband gerissen hat, steht Shiffrin praktisch als Gesamtweltcupsiegerin fest; der Vorsprung auf Sofia Goggia beläuft sich auf 414 Punkte. Der Vergleich mit der Tessinerin («Lara fährt jedes Rennen, als wäre es ihr Letztes. Das kann ich nicht.») hatte sie beschäftigt. Diese Last ist nun von den Schultern gefallen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 08:05 Uhr

St. Moritz aktuell

Riesenslalom Frauen (1. Lauf 09.45/2. Lauf 13.00)
Olympiasiegerin 2014: Tina Maze
Weltmeisterin 2015: Anna Fenninger
Favoritinnen: *** Tessa Worley, Mikaela Shiffrin ** Sofia Goggia, Marta Bassino * Federica Brignone, Stephanie Brunner
Startliste: 1 Tessa Worley (FRA)
2 Viktoria Rebensburg (GER)
3 Sofia Goggia (ITA)
4 Mikaela Shiffrin (USA)
5 Marta Bassino (ITA)
6 Federica Brignone (ITA)
7 Ana Drev (SLO)
8 Nina Löseth (NOR)
9 Michaela Kirchgasser (AUT)
10 Manuela Mölgg (ITA)
11 Ragnhild Mowinckel (NOR)
12 Tina Weirather (LIE)
13 Stephanie Brunner (AUT)
14 Marie-Michèle Gagnon (CAN)
15 Simone Wild (SUI)
16 Petra Vlhova (SVK)
17 Frida Hansdotter (SWE)
18 Ilka Stuhec (SLO)
19 Sara Hector (SWE)
20 Adeline Baud-Mugnier (FRA)
25 Mélanie Meillard (SUI)
29 Camille Rast (SUI)
44 Jasmina Suter (SUI)

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