Raiffeisen: Familienhypothek durch Hintertür

Patrik Gisel verarbeitet drei Dämpfer: Der ­Raiffeisen-Chef sucht nach Möglichkeiten, jungen Familien trotz Skepsis der Finma günstige Hypotheken anzubieten. Zudem muss er Millionen abschreiben und bei der Privatbank sparen.

Schwieriges Jahr für die drittgrösste Schweizer Bank: Raiffeisen-Chef Patrik Gisel an der Bilanz-Medienkonferenz in Zürich im Videointerview.
Video: Stefan Schnyder

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Raiffeisen-Chef Patrik Gisel ist ehrgeizig. Der Hobbytriathlet will aus dem Schatten seines Vorgängers Pierin Vincenz treten, den er Anfang Oktober 2016 abgelöst hat. Gestern präsentierte er mit einem gewissen Stolz in Zürich die Jahreszahlen. Die Gruppe wies den dritthöchsten Gewinn in ihrer Geschichte aus.

Doch das Ergebnis wird getrübt von drei Rückschlägen, die Gisel in letzter Zeit zu verkraften hatte. Der letzte liegt erst wenige Wochen zurück: Anfang ­Februar musste der 54-jährige Gisel eingestehen, dass seine Idee, jüngeren ­Familien erleichtert Zugang zu Hypotheken zu gewähren, ­gescheitert ist.

Bei der Finma abgeblitzt

Mit seinem Vorstoss wollte der Raiffeisen-Chef die Berechnung der Tragbarkeit einer Hypothek dem Tiefzins­umfeld anpassen. Bei der Berechnung, ob ein Eigenheimbesitzer für die Kosten auch bei steigenden Zinsen aufkommen kann, müssen die Banken nach wie vor einen Zinssatz von fünf Prozent anwenden.

Patrik Gisel strebte mit seinem Vorschlag an, dass seine Bank die Tragbarkeit mit einem deutlich tieferen Zinssatz als fünf Prozent berechnen kann. Neue Kundengruppen hätten so Zugang zu einem Hypothekarkredit erhalten. Sie hätten die tiefen Zinsen dazu nutzen können, die Hypothek rascher als gewöhnlich zu amortisieren. «Unsere Idee war, dass die Kunden dann nach einer gewissen Laufzeit der Hypothek die Tragbarkeits­berechnung zu einem Satz von fünf Prozent erfüllt hätten», betont er.

Doch die Finanzmarktaufsicht Finma gab dem Raiffeisen-Chef zu verstehen, dass sie sein Vor­haben nicht goutiert. «Die Finma befürchtete, dass andere Banken unserem Beispiel folgen würden», sagte Gisel gestern. Die ­Finma befürchtete, dass sich dadurch das Risiko einer Blase auf dem Immobilienmarkt vergrössern würde.

Doch die Kämpfernatur Gisel gibt so schnell nicht auf. Er hält an seinem Ziel fest, dass junge ­Familien leichter zu einem Eigenheim kommen. Eine Bank hat die Möglichkeit, unter gewissen Umständen von der ­offiziellen Vergabepolitik abzuweichen. «Da ­haben wir noch Spielraum, den wir ausnützen werden», betonte der Bankchef.

Gisel strebt im Hypothekar­geschäft ein weiteres Wachs­tum an. Hier verdient die Bank mit Abstand am meisten Geld. Im vergangenen Jahr wuchs das Hypothekenportefeuille von Raiffeisen mit 4,3 Prozent stärker als der Markt, der um 2,6 Prozent zulegte. Chefs von anderen Banken sagen hinter vorgehaltener Hand, dass sich ein solches Wachstum nur erzielen ­lasse, wenn eine Bank erhöhte ­Risiken eingehe. Davon will Gisel nichts wissen: «Wir haben das Wachstum nicht mit Risiko erkauft», ­betont er. Seiner Ansicht nach ­verdankt Raiffeisen das Wachstum dem dichten Filialnetz und der lokalen Verankerung der Genossenschaften.

Der grosse Abschreiber

Einen zweiten Rückschlag erlebte Gisel mit der Beteiligung von knapp 30 Prozent am jungen ­Finanzunternehmen Leonteq. Dieses will vor allem mit dem Verkauf von strukturierten Produkten – Kritiker nennen sie Spekulationspapiere ­– Geld verdienen. Der Aktienkurs des Unternehmens ist in den vergangenen Monaten regelrecht abgestürzt. Gisel sah sich deshalb gezwungen, in der Jahresrechnung von Raiffeisen einen Abschreiber von 69 Millionen Franken vorzunehmen. «Das ist eine Korrektur, die schmerzt», sagte er lakonisch.

Die Verbindung zwischen Raiffeisen und Leonteq ist eng. Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz präsidiert den Leonteq-Verwaltungsrat. Patrik Gisel gehört ebenfalls dem Gremium an. Dieses hatte kürzlich entschieden, dem Firmengründer und aktuellen Chef Jan Schoch einen Stellvertreter zur Seite zu stellen, sah aber von einer Entlassung Schochs ab. Gisel erwartet, dass es eine gewisse Zeit dauern wird, bis Leonteq wieder auf Kurs ist.

Privatbank als Baustelle

Den dritten Rückschlag erlebte Patrik Gisel mit der Privatbank Notenstein La Roche, einer Tochterfirma. Diese erzielte 2016 ei­nen Gewinn von gerade noch 17,6 Millionen Franken. «Unser Ertragsziel liegt bei 50 bis 70 Millionen», betont Gisel. Um dieses zu erreichen, läuft seit dem vergangenen Herbst ein Spar­programm. 100 der 500 Stellen sollen abgebaut werden.

Der Ausdauersportler Gisel braucht also einen langen Atem, um die Raiffeisen-Gruppe mit all ihren Beteiligungen dorthin zu bringen, wo er sie haben möchte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.02.2017, 16:49 Uhr

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