«Wir sind günstiger als die SBB»

Zwischen den SBB und der BLS ist ein heftiger Streit entbrannt. BLS-Chef Bernard Guillelmon erklärt, wie das Berner Bahnunternehmen das SBB-Monopol im Fernverkehr knacken will.

BLS-Chef Bernard Guillelmon bleibt im Kampf mit den SBB hart.

BLS-Chef Bernard Guillelmon bleibt im Kampf mit den SBB hart. Bild: Stefan Anderegg

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Herr Guillelmon, für welche Strecken steigen Sie nun in den Wettstreit um den Zuschlag des Bundesamts für Verkehr (BAV)?
Bernard Guillelmon: Uns ist es pri­mär wichtig, dass eine Mehrbahnenlösung zustande kommt. In der Schweiz sollen also wieder verschiedene Eisenbahnunternehmen Konzessionen für den Fernverkehr erhalten. Denn von einer guten Konkurrenz würden Kunden und die öffentliche Hand profitieren.

Wir arbeiten in den nächsten Monaten unser Gesuch aus und werden das Linienkonzept erläutern, wenn wir es beim BAV deponiert haben. Grundsätzlich denken wir aus unserem Marktraum rund um die Hauptstadtregion Bern heraus, welche Linien sich intel­ligent verbinden liessen.

Die SBB bekämpfen die Zerstückelung des Netzes. Wie wollen Sie den Bund überzeugen, der BLS attraktive Linien wie von Interlaken nach Basel oder ­Zürich Flughafen zu übertragen?
Wir erarbeiten ein kundenorientiertes Konzept mit mehr und ­attraktiveren Verbindungen. Dieses soll insgesamt nicht nur eigenwirtschaftlich sein, sondern dank innovativen Ansätzen in Kombination mit erweiterten Regioexpress-Linien auch Kosteneinsparungen bringen. Wir können entsprechend günstiger produzieren.

Sie wollen die SBB mit Billig­angeboten verdrängen?
Ein gewisser Wettbewerb ist gut für die Kunden und stärkt die Bahn im Wettbewerb mit anderen Verkehrsträgern. Wir wollen unsere Stärken in der S-Bahn und beim Regionalexpress weiter entwickeln und den Kunden in unserer Region attraktive Verbindungen anbieten. Es ist kein Vollangriff auf die SBB, sondern ein kleiner Schritt, in unserem erweiterten Marktraum am wachsenden Personenverkehr teilzuhaben.

Die SBB gehören dem Bund, die BLS mehrheitlich dem Kanton Bern. Der Bund hat kein Interesse an einer Rosinenpickerei der BLS.
Erstens würden die Fernverkehrslinien im Gleichgewicht sein – also ein Paket, das unterdeckte und rentable Linien umfasst. Zweitens werden wir ziemlich grosse Synergieeffekte ausweisen können, von denen Bund, Kantone und letztlich der Steuerzahler profitieren. Wir wollen ­also nicht mehr, sondern weniger Abgeltungen. Vom BAV erwarten wir, dass es sicherstellt, dass die betriebliche Machbarkeit des Konzepts diskriminierungsfrei geprüft wird. Dabei müssen uns insbesondere die Verkehrsdaten zugänglich gemacht werden.

Welche finanziellen Interessen hat die BLS beim Fernverkehr?
Das Fernverkehrsangebot muss eigenwirtschaftlich sein, denn es wird von den Kantonen nicht abgegolten. Der wesentliche Punkt in einer Mehrbahnenlösung ist, dass unterschiedliche Bahnen Konzessionen bekommen für ­Linien, auf denen sie auch Gewinn erwirtschaften dürfen, was im Regionalverkehr nicht möglich ist. Wir werden unsere Pläne nun mit den Bestellerkantonen im Regionalverkehr abstimmen.

Das nötige Rollmaterial könnten Sie rechtzeitig bereitstellen?
Davon sind wir überzeugt. Rollmaterial kann einerseits relativ rasch gemietet werden, aber auch Käufe wären innert einiger weniger Jahre möglich. Ganz abgesehen davon müssten auch die SBB Rollmaterial kaufen bei einem Angebotsausbau. Die BLS blickt auf eine lange Geschichte im Fernverkehr zurück, bis sie 2004 ihren Fernverkehr an die SBB abgab und dafür S-Bahn-Linien im Raum Bern erhielt.

Umgekehrt könnten die SBB bei der nächsten Vergabe Ende 2019 der BLS die Konzession für die ­S-Bahn Bern abjagen versuchen.
Das ist natürlich möglich. Wir bedauern, dass beim Fernverkehr keine einvernehmliche Lösung möglich wurde. Damit sehen wir uns nun einer Konkurrenzsituation ausgesetzt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 17.02.2017, 08:58 Uhr

Monopol

Die SBB boten der BLS und der Südostbahn Partnerschaften im Fernverkehr an. Die Konzession wollen sie nicht teilen.

Bei der Zukunft des Schweizer Fernverkehrs sprechen sich auch die SBB für eine «Mehrbahnenlösung» aus. Dies aber unter der Bedingung, dass sie die nationale Netzkonzession allein behalten können. Denn dieses Paket tariere schweizweit rentable und unrentable Fernverkehrslinien aus.

Die SBB bedauern in einer Stellungnahme, dass die BLS an einer eigenen Konzession festhält. Sie bestreiten, dass der Fernverkehr insgesamt billiger würde, im Gegenteil: Das Konzept der BLS verteuert laut SBB die Gesamtsystemkosten um 20 bis 30 Millionen Franken pro Jahr. Denn es müsste neues Rollmaterial beschafft und der Zugverkehr neu geplant werden (Dienstpläne, Einsatz von Zügen, Abstell- und Dienstlokale, Unterhaltsstandorte etc.).

Die SBB beklagen, ihnen gingen mit dem BLS-Konzept bis zu 100 Millionen Franken an Gewinn verloren. Dagegen könnten die vorgeschlagenen Partnerschaften Bund und Kantone um bis zu 30 Millionen Franken entlasten. Die SBB wollen daher mit der SOB weitere Gespräche führen. jw

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