Seine Leidenschaft erwachte im kalten Wasser

Thun

Seit gut einem Jahr führt Ivan Urech mit seinem Team die Atelier Classic Bar am Thuner Rathausplatz. Am Montag ist er an der Schweizermeisterschaft der Barkeeper im Seepark am Start.

Ivan Urech gibt fünf ultimative Tipps für Hobby-Barkeeper. <i>Video: Marco Zysset</i>

Marco Zysset@zyssetli

«Ich wurde ins kalte Wasser geworfen und kam richtig auf die Welt.» Das sagt Ivan Urech (36) über eine erste Anstellung nach der RS. Der gelernte Kellner wurde im Thuner Hotel Seepark angestellt. Als Ablöse für eine verunfallte Kollegin musste der blutjunge Lehrabgänger die Hotelbar im renommierten Haus übernehmen. «Ich hatte keine Ahnung vom Metier, tat mein bestes - und fiel ein paar Mal heftig auf den Schnauz», erinnert er sich, und erzählt: «Ein amerikanischer Gast warf sein Martini-Glas nach mir, weil der Drink nicht nach seinem Geschmack war.»

Stapelweise Bücher

Für Urech war klar: Will er Barkeeper sein, muss er lernen. «Ich kaufte stapelweise Bücher und fing an, mich in das Metier einzuarbeiten.» Anstatt die Lust zu verlieren, wuchs die Leidenschaft mit der Erkenntnis, dass die Ansprüche der Kundschaft hoch sind. «Ich war angetan vom Umgang mit internationalen Gästen und der speziellen Stimmung in der Bar.»

2002 gings für ein Jahr ins weltbekannte Grandhotel Victoria-Jungfrau in Interlaken. «Ich lernte unter der Führung eines Top-Chefs und als Teil eines Top-Teams alles, was ein Barkeeper braucht – glaubte ich.» Denn 2003 – mit viel Enthusiasmus in Hawaii gelandet – musste Urech noch einmal von vorne anfangen. «Amerikas Bar-Kultur war damals dort, wo wir in Europa heute hin möchten», sagt er.

Nachtleben zehrt

Zurück im heimischen Thun absolvierte ab 2004 er er die Hotelfachschule, «weil ich nicht riskieren wollte, mit 40 die Lust am Barkeepen zu verlieren und dann ohne weiterführende Ausbildung dazustehen.» 2007 übernahm er die Leitung der Bar im Ausgehlokal Dagoba im Keller des Rössli am Berntor. Vier Jahre als Nachteule seien zwar «sehr cool» gewesen. Aber sie aber zehrten auch. «Ich lebte nur nachts, das Beziehungsleben litt, die sozialen Kontakte, einfach alles.»

Schüttelt seine Drinks – aber nicht nur: Barkeeper Ivan Urech. Bild: Christoph Gerber

Urech entschied sich für eine Auszeit, reiste von Kanada nach Südamerika, schlug sich unterwegs mit Gelegenheitsjobs durch – bis er 2012 zusammen mit Bruno Zaugg und Simone Hirsbrunner ein neues Konzept inklusive Bar für das Rössli am Berntor erstellte. «Nach drei schwierigen, aber sehr schönen Jahren mussten wir den Laden leider im Mai 2015 wieder schliessen», sagt er heute konsterniert.

Neue Herausforderung

Dass er seit einem Jahr die Atelier Classic Bar am Rathausplatz im ehemaligen Funkhouse führt, bezeichnet Urech als «Geschenk». Er sei den Lokalbesitzern Andreas Wyss und Daniel Schär «unendlich» dankbar. «Sie geben uns die Chance, unsere Vorstellungen von einer modernen Bar hier umzusetzen», sagt Urech und meint damit seine beiden Mitarbeiter Dominik Gyger und Bruno Schneeberger.

Rückblickend auf das erste Betriebsjahr sagt Urech: «Die grösste Herausforderung nach der Schliessung des Rössli war, noch einmal den Willen und die Überzeugung aufzubringen, dass es nach all den Jahren der Aufbauarbeit in Thun ein Lokal gibt, in dem ich meine Träume und Vorstellungen umsetzen kann.»

Heute an der Meisterschaft

Diese sind – so umschreibt er in leidenschaftlich formulierten Bildern – der Versuch, jahrhunderte alte Cocktail-Tradition und experimentierfreudige Moderne unter einem Dach zu vereinen. «Cocktails, deren Rezepte auf die 1850er-Jahre zurückgehen, muss man nicht ändern wollen», sagt Urech. «Aber es ist Teil unseres Konzepts, neue Drinks zu kreieren oder alte Drinks neu zu interpretieren.» Krönung für einen solchen Drink ist, wenn er als «Signature Drink» auf der Karte landet – und vom Publikum so geschätzt wird, dass er dort verbleibt.

Solche Interpretationen oder Neu-Kreationen sind es auch, die Urech heute Nachmittag im Hotel Seepark an der Schweizermeisterschaft der Barkeeper präsentiert (vgl. Kasten) – zurück an dem Ort, an dem seine Barkeeper-Laufbahn begann. «Ich freue mich auf die Herausforderung und bin gespannt, wie ich im Wettstreit gegen die anderen 25 Mitbewerber abschneide», sagt er, ohne sich in die Karten blicken zu lassen, was er sich für das vorgegebene Thema «After-Dinner Cocktail» in der Kategorie Classic ausgedacht hat, respektive was er in der Kategorie Mocktail präsentiert.

www.bar-atelier.ch

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