Hausärzte verzweifelt gesucht

Lyss

In den nächsten fünf Jahren werden laut Prognosen vier der sechs Hausarztpraxen in Lyss schliessen. Ärzte und nun auch die Politiker sorgen sich um die medizinische Grundversorgung.

Andreas Rothenbühler fragt sich, ob die medizinische Grundversorgung in Lyss noch gewährleistet werden kann.

Andreas Rothenbühler fragt sich, ob die medizinische Grundversorgung in Lyss noch gewährleistet werden kann.

(Bild: Nicole Philipp)

Marco Spycher

Lyss wächst und wächst. Mitte Juli wurde der fünfzehntausendste Einwohner begrüsst. In den nächsten Jahren wird die Gemeinde gemäss Vorhersagen bereits mehr als 17'500 Menschen zählen. Während die Bevölkerung wächst, gibt es immer weniger Hausärzte. Lyss steht vor einem Problem. Dieses wird jetzt sogar in der Politik zum Thema.

2500 Patienten auf der Suche

Andreas Rothenbühler betreibt zurzeit noch eine der sechs Hausarztpraxen in Lyss. Seit 26 Jahren praktiziert er direkt am Bahnhof in Lyss. Diese schliesst er nun per Ende, weil er pensioniert ist. Auch in seinem Ruhestand will er sich für den Beruf des Hausarztes einsetzen und hält nach wie vor Vorlesungen an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern. 

Für seine Praxis findet er allerdings keinen Abnehmer. Rund 2500 Patienten müssen sich in Lyss auf die Suche nach einem neuen Hausarzt machen. Diese Suche dürfte aber nicht einfach ausfallen. Bereits jetzt haben schätzungsweise 20 Prozent der Lysserinnen und Lysser keinen Hausarzt mehr innerhalb der Gemeinde. «So gut wie jede Praxis in Lyss nimmt momentan keine neuen Patienten mehr auf», sagt Rothenbühler.

Aus diesem Grund hat er sich an den Gemeindepräsidenten Andreas Hegg (FDP) gewendet. In einem gemeinsamen Gespräch konnte er ihn auf das bevorstehende Problem der medizinischen Versorgung aufmerksam machen. Dessen Partei reichte an der Sitzung vom Grossen Gemeinderat Mitte September eine Interpellation ein.

Vier Praxen schliessen

Das Auskunftsbegehren beinhaltet sechs Fragen zur medizinischen Grundversorgung in der Gemeinde. Diese war bislang noch kein politischer Auftrag, nun spitzt sich die Situation in Lyss aber derart zu, dass sich auch die Gemeinde mit dem Thema befassen muss.

Momentan gibt es sechs Hausarztpraxen und ein Medizentrum, welches fünf Hausärzte beschäftigt. Laut Rothenbühler werden aber in den nächsten 5 Jahren infolge Pensionierungen vier Praxen schliessen, inklusive der seinen. «Auch die anderen drei Praxen werden keinen direkten Nachfolger finden», meint Rothenbühler.

Sieben Institutionen haben eine Zusammenarbeit mit der Praxis von Dr. Rothenbühler abgelehnt. Die Tochtergesellschaft der Migros, Medbase, war eine davon. Es liege aber nicht am Geld, wie Rothenbühler betont. Vielmehr ist es der Mangel an Hausärzten.

Hans Triaca, ärztlicher Leiter des Medizentrums Lyss, schätzt die Situation in Lyss aber nicht viel schlimmer ein als in anderen Schweizer Ortschaften. «Ob eine Gemeinde wächst oder nicht, der Hausärztemangel bleibt bestehen.» 

Gemäss einer Studie der Work Force der Uni Basel aus dem Jahr 2015 sind es im Kanton Bern aber trotzdem vor allem die Regionen Seeland, Jura und Emmental-Oberaargau, welche stark betroffen sind.

Triaca befürchtet, dass sich die Bevölkerung daran wird gewöhnen müssen, dass es künftig nicht in jeder Ortschaft einen Hausarzt oder ein medizinisches Zentrum gibt und der Hausarztbesuch mit längeren Wegen verbunden sein wird.  

Auf Bedürfnisse eingehen

Obwohl immer mehr junge Leute ein Medizinstudium absolvieren, entscheiden sich diese für andere Fachrichtungen als die des Hausarztes. Triaca seinerseits wollte immer Hausarzt werden. Er schätzt die jahrelange Begleitung seiner Patientinnen und Patienten und das vielfältige Arbeitsgebiet. «Der Hausarzt behandelt Menschen, nicht Krankheiten.» 

Wie soll man also gegen den Hausärztemangel vorgehen? Laut Hans Triaca muss man bereits den Medizinstudenten und den Assistenzärzten den Hausarztberuf schmackhaft machen. «Ihnen sollen ein gutes Arbeitsumfeld und ein vielseitiges und spannendes Berufsfeld geboten werden, welches sie bereits in Praktika kennen lernen können», meint Triaca. Dazu gehören genauso Weiterbildungen wie auch die Möglichkeit der Teilzeitarbeit, der Wahl, sich als Unternehmer zu beteiligen oder nicht.

Wie Rothenbühler fürchtet also auch Triaca, dass die medizinische Grundversorgung in Lyss langfristig nicht gewährleistet werden kann. «Es wird zu einem Engpass kommen, er ist zum Teil schon da», fügt Triaca hinzu. Dieser sei mit den erwähnten Massnahmen zu bewältigen. «Damit wird die Basis einer guten Gesundheitsversorgung weiterhin gesichert», ist er überzeugt.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt