«Das lernst du in keiner Schule der Welt»

Trub

Junge Freiwillige aus neun Nationen helfen derzeit beim Umbau auf dem Balmeggberg. Hier lernen sie nicht nur, Lehmziegel herzustellen, sondern auch, dass es nicht selbstverständlich ist, warm duschen zu können.

Sie kommen aus der Schweiz, Belgien und Slowenien: Campkoordinator Marc Sommer sowie die beiden Stampferinnen Noemie Baudoin (Mitte) und Ana Schweiger.

Sie kommen aus der Schweiz, Belgien und Slowenien: Campkoordinator Marc Sommer sowie die beiden Stampferinnen Noemie Baudoin (Mitte) und Ana Schweiger.

(Bild: Hans Wüthrich)

Markus Zahno

Man nehme schaufelweise Sand und lehmhaltige Erde, gebe Wasser und eine Prise Heu dazu – und stampfe das Ganze dann zu einer geschmeidigen Masse. Am besten geht das mit den Füssen. Deshalb ziehen Ana Schweiger (20) aus Slowenien und Noemie Baudoin (23) aus Belgien ihre Schuhe aus, krempeln die Hosen hoch, steigen in die Wanne und beginnen mit der Fussarbeit.

Die beiden jungen Frauen haben sich für ein Workcamp des Service Civil International (SCI) angemeldet. Zwei Wochen lang arbeiten sie – zusammen mit zehn anderen Freiwilligen aus neun verschiedenen Ländern – auf dem Balmeggberg über dem Dorf Trub. Sie helfen, den Ökonomieteil des ehemaligen Bauernhauses in Wohnraum umzubauen. Insbesondere stellen sie 1000 Lehmziegel her: Nachdem sie die Masse mit den Füssen gestampft haben, pressen sie sie in rechteckige Holzformen, legen sie dann in ein Gestell zum Trocknen, und nach sechs Wochen können die Ziegel für den Bau der Innenwände verwendet werden.

Grosse Hilfe

Lohn bekommen die Freiwilligen keinen, dafür Kost und Logis. Übernachtet wird gemeinsam in einer Jurte, einem grossen Rundzelt, geduscht im Freien mit bester Aussicht auf die Alpen. Und wenn das Wasser dafür warm sein soll, muss man zuerst den Boiler mit Holz einheizen. Ihm gefalle diese Art zu leben, fernab vom Druck des Kapitalismus, sagt der 22-jährige Pablo – «der Nachname ist nicht wichtig» – aus Deutschland. Er stiess im Internet durch Zufall auf den Balmeggberg, kam vor ungefähr sieben Wochen hier an und ist hängen geblieben. Da er im Moment «auf Reise durch Europa» sei, stehe er unter keinerlei Zeitdruck. Was er auf dem Balmeggberg über Permakultur, die Selbstversorgung mit Lebensmitteln und Energie, gelernt habe, könne keine Schule der Welt bieten. «Das», findet auch sein Kumpel Luke, «bringt dich persönlich weiter.» So gesehen sei der Aufenthalt hier ein Geben und ein Nehmen.

Drei Familien wohnen permanent auf dem Balmeggberg. Die Erwachsenen arbeiten in verschiedenen Berufen, das Essen kommt fast vollständig aus dem eigenen Garten, die Umbaumaterialien – zum Beispiel der Lehm für die Ziegel – aus dem eigenen Boden. «Auf diese Weise einen Betrieb zu führen», sagt Besitzer Anton Küchler, «wäre ohne freiwillige Helferinnen und Helfer kaum möglich.» Schon letztes Jahr fand ein SCI-Workcamp statt; damals wurde der vom Orkan Lothar beschädigte Schulweg hinunter nach Trub wieder instand gestellt. Und auch ohne Workcamp arbeiten im Sommer mehrere Freiwillige hier. Manche bleiben ein paar Tage, andere sagen schon seit sechs Wochen: «Eine Woche hänge ich sicher noch an, dann schauen wir weiter.»

Kleines Missverständnis

Dafür, dass im Workcamp alles klappt, sorgt Marc Sommer. Der 29-jährige Informatikprojektleiter absolviert derzeit seinen Zivildienst hier, auf rund 1000 Metern über Meer. Er ist sehr zufrieden mit der internationalen Gruppe. Zwar müsse man am Morgen zuweilen etwas nachhelfen, damit alle aufstünden. Und ab und zu gebe es trotz guter Englischkenntnisse Missverständnisse. Die Freiwilligen aus der Türkei etwa lasen in der Ausschreibung, dass sie in einer Jurte, englisch «yurt», übernachten würden. Auf türkisch ist «yurt» ein Studentenwohnheim, und so war das Erstaunen gross, als sie das Rundzelt und die Freiluftdusche sahen. Aber mittlerweile hätten sich die Gäste aus der Türkei daran gewöhnt, berichtet Sommer. «Sie sehen es als einzigartige Erfahrung. Und als Chance, ein Land von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen.»

Er sei zum dritten und bestimmt nicht letzten Mal hier, sagt Luke aus Deutschland. Der Balmeggberg sei zu einem Ort geworden, «von dem ich weiss: Hierher kann ich immer kommen.» Es sei beruhigend, auf der Welt ein paar solche Orte zu kennen.

Berner Zeitung

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