«Ich habe an der WM Werbung für mich gemacht»

Ricardo Rodriguez war in Brasilien der beste Schweizer. Der 21-Jährige über das Scheissgefühl nach dem Ausscheiden, sein gutes Gefühl fürs Penaltyschiessen und die grossen Transfers nach der WM.

«Ohne Ball geht es nicht»: Ricardo Rodriguez (21).

«Ohne Ball geht es nicht»: Ricardo Rodriguez (21).

(Bild: Keystone)

Da gewisse Medien Sie so ­bezeichnen: Sind Sie ein Held?
Für einige Schweizer Fans bin ich das vielleicht, aber ich selber sehe mich nicht als Held. Wir haben sicher viel erreicht in Brasilien, aber ich wollte mehr.

Was hätte es denn dafür gebraucht?
Den Halbfinal. Wir zeigten eine gute WM und hatten eine schöne Zeit. Wir spielten dreimal gut und einmal nicht so gut. Aber wir wollten weiterkommen. Deswegen können wir nicht ganz zufrieden sein.

Welche Note geben Sie der Schweiz?
Eine 4.

Genügend also. Und Ihnen selbst?
Das will nicht ich beurteilen. Ich bin sehr selbstkritisch, wirklich zufrieden bin ich mit mir nie. Vielleicht war ich nicht so schlecht in Brasilien – aber ich hätte besser sein können.

Wenn Sie an die 118. Minute im Achtelfinal gegen Argentinien ­zurückdenken: Wie sehr schmerzt ein solches Ausscheiden?
Es ist ein Scheissgefühl, anders kann ich das nicht sagen. Wir hatten als Mannschaft hervorragend gekämpft, und wenn du dann in den letzten zwei Minuten das ­Gegentor bekommst, ist das sehr bitter. Ich hatte ein gutes Gefühl für das Penaltyschiessen, ich weiss ja aus den Trainings in Wolfsburg, wie gut Diego ­Benaglio Penaltys hält.

Und Sie hätten geschossen?
Natürlich. Ich schiesse bei Wolfsburg ­jeden Penalty. Da hätte es recht dumm ausgesehen, wenn ich nicht angetreten wäre. Und ich hätte auch gewollt.

Aber Sie durften nicht.
Leider. Der Kopfball von Dzemaili an den Pfosten. Mehr Pech kann man fast nicht haben.

War es nur Pech? Nach dem Ball­verlust im Mittelfeld laufen Sie mit Di María, lassen ihn aber stehen, um ins Zentrum zu Higuaín zu rücken. Di María wird dadurch für Lionel Messi anspielbar und schiesst darauf das Tor. War das ein Fehler?
Aus meiner Sicht nicht. Ich habe gelernt, dass ich die Innenbahn zumachen muss, wenn dort ein Gegner steht. Also bin ich zu Higuaín hin. Denn der stand noch gefährlicher als Di María weiter aussen. Hätte ich das nicht gemacht und hätte Higuaín das Tor erzielt, wäre es klar mein Fehler gewesen.

Dann spielte Messi eben doch Di María an . . .
. . . aus einem Grund wurde er viermal als bester Fussballer ausgezeichnet. Er hat das gesehen.

Und Sie dachten?
Scheisse. Aber da war schon nichts mehr zu retten.

Wie gross ist danach die Lust, weiter WM-Fussball zu gucken?
Am Anfang ist es schwer, da hat man auf nichts Lust – aber ich bin ja Fussballfan. Im Unterschied zu vorher ist es aber kein Muss. In den Ferien will ich nicht unbedingt vor dem Fernseher sitzen.

Sie haben in den vergangenen 13 Monaten 38 Spiele mit Wolfsburg und 12 Partien mit dem Nationalteam bestritten. Wie sehr haben Sie sich auch nach den Ferien gesehnt?
Ich hätte es in Brasilien schon noch eine Weile ausgehalten. (lächelt) Nein im Ernst: Ich merke, dass ich eine Pause brauche. Ich bin müde.

Wohin zieht es Sie?
Ans Meer, an die Sonne.

Mit oder ohne Ball?
Ich nehme keinen mit. Aber wenn ich am Strand einen sehe, spiele ich damit. Ich brauche das. Ohne Ball geht es nicht.

Und nachher? Kehren Sie überhaupt zum VfL Wolfsburg zurück?
An etwas anderes denke ich momentan nicht. Ich stehe in Wolfsburg unter Vertrag und bin glücklich dort.

Dass es Interessenten gibt, dürfte Ihnen jedoch kaum entgangen sein.
Vieles davon ist Spekulation. Das beschäftigt mich nicht, das ist die Sache meiner Berater.

Aber es interessiert Sie doch sicher.
Das schon, und natürlich finde ich es schön, wenn sich ein Grossclub für mich interessiert. Aber die WM ist noch nicht zu Ende, erst danach werden die gros­sen Transfers gemacht. Dann wird es spannend. Ich habe an der WM sicher Werbung für mich gemacht.

Im «Tages-Anzeiger» stand über Sie geschrieben: «Er ist dann am besten, wenn die Bühne am grössten ist.» Werden Sie eigentlich nie nervös?
Doch, ich bin es vor jedem Spiel. Jeder ist vor einem Spiel angespannt, einige mehr, andere weniger – das ist völlig normal. Aber sobald mir der erste Pass gelungen ist, ist die Nervosität weg. Ich bin ein ruhiger Mensch. Auf dem Fussballplatz weiss ich, was meine Aufgabe ist. Und ich weiss, was ich kann. Und was ich nicht kann, das mache ich nicht.

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