Vom Vampir zum Flittchen

«Twilight»-Star Kristen Stewart ist die bestbezahlte Schauspielerin der Gegenwart. In der Jack-Kerouac-Verfilmung «On the Road» spielt die 22-Jährige ein offenherziges Flittchen. Der Versuch eines Gesprächs.

  • loading indicator
Hans Jürg Zinsli@zasbros

Bleich sieht sie aus. Fast wie ein Gespenst, das man irrtümlich unter der sengenden Mittelmeersonne vergessen hat. «Twilight»-Actress Kristen Stewart ist im Mai 2012 mit dem Film «On the Road» erstmals ans renommierte Filmfestival von Cannes eingeladen. Noch weiss die Welt nichts von ihrem schlagzeilenträchtigen Seitensprung mit «Snow White»-Regisseur Rupert Sanders inklusive zwischenzeitlicher Trennung von ihrem «Twilight»-Partner und Freund Robert Pattinson.

Wir sitzen auf der Dachterrasse eines neu eröffneten Hotels mit Blick über das Häusermeer von Cannes. Die 22-Jährige trägt hautenge Shorts und eine XXL-Sonnenbrille. Ringsum lärmen Handwerker. Stewart schnieft und hustet, die dunkle Stimme klingt wie aufgerautes Metall. Statt Tee gibts eine Flasche Mineralwasser, daneben steht ein Glas mit Eis und Zitrone.

Kristen Stewart, während der Dreharbeiten zu «On the Road» wurden Sie von «Twilight»-Fans regelrecht verfolgt. Bekommen Sie es in solchen Momenten auch mal mit der Angst zu tun? Kristen Stewart: Nein, ich (seufzt). Der Grund, warum ich das Filmemachen liebe: Es gibt eine süchtig machende Energie, die einen bei der Zusammenarbeit durchströmt, you know. Wer allein in seinem Schlafzimmer sitzt und etwas lustig findet, kichert. Aber wenn noch jemand da ist, lacht man laut heraus. Ich bin in der einzigartigen Position, dies mit andern zu teilen. Das ist wichtiger, als sich mit Leuten zu beschäftigen, die einen rund um den Globus verfolgen. Von aussen sieht es verrückter aus, als es ist. Es gab wohl Fans, die am Set von «On the Road» auftauchten. Aber wir waren so schnell, dass sie uns kaum folgen konnten.

«On the Road» erzählt von der Suche nach Freiheit. Vermissen Sie diese Freiheit als Star? Nein, ich fühle mich frei, zu tun, was immer the fuck ich will. Ich, ich(überlegt lange) Ich beschütze mich. Aber ich finde nicht, dass es mir an etwas mangelt. Es hat lange gedauert, bis ich meine Grenzen fand.

Wie meinen Sie das? Ich habe in letzter Zeit extreme Sprünge gemacht. Mein Kopf war schon hier, aber mein Körper (springt auf) war da hinten oder dort oben. Ein irres Hin und Her. An Presseanlässen mit Journalisten zu sprechen, finde ich jedoch sinnvoll. Ich weiss inzwischen, worüber ich reden will. Als ich bei «Twilight» anfangen musste, über mich zu reden, wusste ich nicht, wie viel ich geben sollte. Ich finde es crazy, wenn andere Stars denken, sie seien so interessant, dass sie sich wie einen Artikel verkaufen können. Manchmal kann ich es kaum glauben, dass es solche Leute gibt. Und dass es Leute gibt, die solches glauben. Ich würde das nie tun.

Stewart spielt mit ihrer Wasserflasche, rupft das Etikett in Fetzen. Sie ringt nach Worten und hämmert mehrmals das Glas auf den Tisch. Die Eiswürfel klimpern im Takt.

Stewart: Habe ich schon erzählt, wie wichtig es ist, die richtigen Freunde auszuwählen?

Nein. Well, ich habe diese Freunde gefunden. Es sind Menschen, die wollen. Und, und die auch geben. Das Coolste an meiner Figur Marylou im Film «On the Road» ist, dass sie wie gebraucht erscheint. Marylou ist ein Fass ohne Boden. Man kann sie nicht verletzen, denn sie schlägt postwendend zurück.

Marylou geht ausgesprochen freizügig mit den Jungs um... Ich werde mich nicht von diesem Film distanzieren. Dafür liebe ich ihn zu sehr. Ich wollte die Rolle der Marylou unbedingt – lange bevor «Twilight» zum Hit wurde. Kerouacs Buch las ich mit 15 und dachte: Wow, solche Leute will ich kennen lernen, um genauso cool zu sein wie sie. Ich war total angefixt. Mag sein, dass ich nicht sehr taktvoll bin. Aber ich folge immer dem, was hier liegt

Stewart zeigt auf eine Stelle zwischen Herz und Bauch – aufs Brustbein.

Waren Sie selbst einmal quer durch die USA unterwegs wie die Protagonisten im Film? Ja. Aber nicht mit zwei Jungs, sondern mit zwei Girls. Eine andere Dynamik Was kann ich noch sagen? Der Wagen roch ziemlich schlecht.

Wann war das? Drei Tage vor den Dreharbeiten zu «On the Road». Mich packte die Panik, und ich dachte: Jetzt muss ich endlich erleben, wie das ist, wenn man gleichzeitig so viel Landschaft vor und hinter sich hat.

Ein Hustenanfall schüttelt Stewart.

Stewart: Entschuldigung, ich bin ziemlich erkältet. Was sagte ich gerade?

Dass Sie drei Tage vor den Dreharbeiten... Oh, yeah. Wir starteten in Los Angeles. Ich bin in L.A. geboren und in L.A. aufgewachsen, das kommt selten vor. Wir kamen aber nur bis Ohio, sonst hätte ich es nicht rechtzeitig bis zum ersten Drehort geschafft.

Gab es etwas, das Ihnen bei dieser Reise speziell auffiel? Ich liebe es, am Steuer zu sitzen, und ich hasse den Rücksitz. Ich bin ein absoluter Kontrollfreak. Und ich bin nicht gerade die relaxteste Person. Es war schwierig für mich, nicht zu wissen, wo ich in einer Stunde sein würde, wie ich mich fühlen würde, wie sich meine Freundinnen fühlen würden.

Wie fühlen Sie sich jetzt, da der letzte Teil der erfolgreichen «Twilight»-Reihe abgedreht ist? Schwierig zu sagen. Es war ein Riesending, das vier Jahre meines Lebens beanspruchte. Ich denke, wir haben das Beste daraus gemacht. Auch wenn ich jeden Tag die Uhr zurückdrehen möchte, um es noch besser zu machen. Aber jetzt ist es an der Zeit weiterzugehen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt