Zurück in die dunkelsten Jahre

Jair Bolsonaro wird wahrscheinlich der nächste Präsident Brasiliens. Er hetzt im Wahlkampf hemmungslos gegen Indigene, Afrobrasilianer, Homosexuelle und Künstler.

Das weitgehend abgebrannte Nationalmuseum gehörte in besseren Zeiten zu den wenigen demokratischen Orten von Rio de Janeiro. Foto: AFP

Das weitgehend abgebrannte Nationalmuseum gehörte in besseren Zeiten zu den wenigen demokratischen Orten von Rio de Janeiro. Foto: AFP

Das Nationalmuseum von Rio ist nicht tot. Zumindest noch nicht ganz. Sein Hauptgebäude brannte Anfang September zwar ab. Um die 90 Prozent der rund 20 Millionen Exponate sind dabei wohl zerstört worden, ein unermesslicher Verlust, für Brasilien und die ganze Menschheit. Aber es sind immer noch sehr viele spektakuläre Objekte übrig. Das Herbarium etwa oder die Abteilung für Meeresbiologie mit Schwämmen, Korallen und unerforschten Organismen, die in einem Nebengebäude aufbewahrt wurden. Dort befindet sich auch die Museumsbibliothek. Der Schädel von «Luzia», das mit 11500 Jahren älteste menschliche Skelett Südamerikas, hat den Brand in einem Metallbehälter ebenfalls weitgehend unversehrt überstanden.  

Es steckt also noch Leben in diesem Museum. Umso dringender stellt sich die Frage, wie es jetzt weitergehen soll. Wochen nach dem Brand regnet es in die verkohlte Ruine hinein, wo Schätze aus mehreren Jahrtausenden zwischen drei eingestürzten Stockwerken klemmen. Aus Asche wird Schlacke. Professoren, Doktoranden und Studenten müssen sich derweil eine Handvoll Räume und Container teilen. Aus der Museumsleitung heisst es: «Bis zum Ende der Wahlen wird hier nicht mehr viel passieren. Wir sind ein Nationalmuseum. Alles hängt davon ab, wer der nächste Präsident wird.»

Der nächste Staatspräsident von Brasilien wird höchstwahrscheinlich Jair Bolsonaro heissen. In allen Umfragen für die Stichwahl am 28. Oktober liegt der Rechtsextremist mit grossem Abstand vorne. Er hat sich bislang einmal zur Zukunft dieses Museums geäussert, und zwar so: «Es ist doch schon abgebrannt. Was bitte soll ich tun?» Bolsonaro wäre nicht der erste Präsident, dem das Haus egal ist. Aber mit ihm scheint die Ignoranz eine neue Dimension zu erreichen.  

«Kein Zentimeter» 

Das Nationalmuseum gehörte in besseren Zeiten zu den wenigen demokratischen Orten von Rio. Es war ein begehbares Schulbuch. Hier erfuhren Kinder aller Schichten, arm und reich, schwarz, weiss und indigen, wie vielfältig die brasilianische Kultur ist. Bolsonaro steht für die Negierung all dessen: für die Vorherrschaft des weissen Mannes, für Ausgrenzung und Rassismus, für die Verherrlichung der Diktatur, für die wirtschaftliche Ausbeutung des grössten Regenwaldes der Erde. Er hat angekündigt, unter seiner Regierung werde «kein Zentimeter» für die Nachfahren der Ureinwohner übrig bleiben.  

«Es ist doch schon abgebrannt» – aus diesem Satz spricht dieselbe Geisteshaltung wie aus Bolsonaros Reaktion auf den Mord am populären Musiker und Capoeira-Meister Moa do Katendê. Er war vergangene Woche in einer Bar in Salvador von einem Bolsonaro-Anhänger mit zwölf Messerstichen getötet worden, weil er sich für die Wahl des linken Gegenkandidaten Fernando Haddad ausgesprochen hatte. Bolsonaro sagte dazu: «Ein Typ, der ein T-Shirt von mir trägt, begeht einen Exzess. Was habe ich damit zu tun?»

Für den brasilianischen Performance-Künstler Wagner Schwartz (45) ist die Antwort offensichtlich. Das politische Programm Bolsonaros sei eine «Apologie der Gewalt», seine vergiftete Sprache habe bereits Fakten geschaffen. Manche halten das für Panikmache, aber im Bericht von «Pública», einem Zusammenschluss investigativer Journalisten aus Rio und São Paulo, werden 50 Attacken von Bolsonaro-Fans auf Andersdenkende aufgelistet – in drei Wochen.

Besonders bedroht müssen sich neben Indigenen, Afrobrasilianern und Homosexuellen die Künstler fühlen. Bolsonaro hat einen «grossen Kulturwandel» in Brasilien angekündigt. Er bezeichnet Künstler pauschal als «vagabundos», als Schmarotzer, die Fördergelder absahnten, ohne etwas Sinnvolles zu arbeiten. Damit sei bald Schluss. Das Ministerium für Kultur soll abgeschafft werden – per Twitter teilte Bolsonaro mit: «Wir werden die Kulturförderung erhalten, aber für talentierte Künstler, die einen Wert schöpfen.»

Dramatischer Rechtsruck 

Es ist schwer zu sagen, ob Jair Bolsonaro eher die Ursache oder das Symptom des dramatischen Rechtsrucks der brasilianischen Gesellschaft in den zurückliegenden Jahren ist. Was in dieser Stimmungslage aber mit Künstlern passieren kann, die in den Augen dieser Massenbewegung nicht «talentiert» und nicht «wertvoll» sind, hat Wagner Schwartz bereits erlebt. Er hat rund 150 Morddrohungen erhalten – wegen seiner Performance «La Bête», bei der er sich nackt auf die Bühne legte und das Publikum aufforderte, seinen Körper in beliebige Posen zu rücken. Als ein Video davon im Netz auftauchte, brach ein Sturm der Entrüstung los, der vom Twitter-König Bolsonaro angefacht wurde. Er bezeichnete die Aktion als «Pädophilie im Namen der Kultur» und alle Beteiligten als «Dreckschweine». 

Der Aufruhr um «La Bête» ist keineswegs ein Einzelfall. Im vergangenen Herbst wurde die Ausstellung «Queermuseum – Kartografien der Differenz in der Kunst Brasiliens» in der Stadt Porto Alegre wegen eines anhaltenden Shitstorms vorzeitig geschlossen. Bei der Schau ging es vor allem um Transgender-Themen und Homosexualität. Jair Bolsonaro sagte im Fernsehen: «Die Macher der Ausstellung gehören erschossen.» Langsam sind nicht mehr allzu viele gesellschaftliche Gruppen übrig, die der Präsidentschaftskandidat noch nicht zum Abschuss freigegeben hätte. So rede er halt, sagen viele seiner Anhänger, das sei eher ein schlechter Witz als ein konkreter Schiessbefehl. Aber so schlecht können Witze gar nicht sein wie das, was Bolsonaro regelmässig von sich gibt. Im ganzen Land ist der Ernst der Lage zu spüren.

Wagner Schwartz lebt inzwischen in Paris, «um sein Leben zu schützen». Auch dem Filmemacher Fellipe Barbosa ist es in Brasilien zu gefährlich. Bolsonaro und seine befreundeten Generäle haben die Macht noch gar nicht übernommen, aber es ist schon wieder so weit, dass Künstler Brasilien aus Sicherheitsgründen verlassen. So wie zu Zeiten der Militärdiktatur (von 1964 bis 1985), als Caetano Veloso, Gilberto Gil und Chico Buarque nach Europa ins Exil gingen.

Der Hass wird real  

Die drei wohl bekanntesten lebenden Künstler Brasiliens gehören auch 2018 wieder zu den gut 300 prominenten Unterzeichnern eines «Manifestes für die Demokratie». Darin steht: «Die Kandidatur von Jair Bolsonaro ist weniger eine politische Alternative als eine ernsthafte Bedrohung für unser zentrales zivilisatorisches Erbe.»

Noch ist Brasilien laut Verfassung eine der Demokratien mit den fortschrittlichsten Bürgerrechten der Welt. In der Praxis bewegt sich das Land auf direktem Weg zurück in seine dunkelste Vergangenheit. Wer sich dagegen auflehnt, wird als Staatsfeind, als Kommunist, als Pädophiler verunglimpft. «Wir stehen am Anfang der Barbarei», sagt Wagner Schwartz. Seit die Bolsonaro-Bewegung aus den Wahlumfragen weiss, dass sie die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat, schwappen Intoleranz und Hass aus den sozialen Netzwerken in die Realität hinein.

Wenn kein Wunder geschieht, wird Jair Bolsonaro vom 1. Januar 2019 an das grösste Land Südamerikas regieren. Niemand darf erwarten, dass das Nationalmuseum von Rio dann noch einmal aus der Asche neu entsteht. Niemand muss sich wundern, wenn Moa do Katendê nicht der letzte öffentlich hingerichtete Künstler bleibt. Und niemand wird sagen können, er sei nicht von Bolsonaro persönlich gewarnt worden.

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