Alle gegen den Veteranen

Die USA sind wieder Sprintnation Nummer 1 – beim ersten WM-Highlight in Doha fordert heute über 100 m in erster Linie Christian Coleman Titelverteidiger Justin Gatlin heraus.

Start Richtung dritten WM-Titel? Justin Gatlin im Vorlauf über 100 m. Foto: Alexander Hassenstein (Getty)

Start Richtung dritten WM-Titel? Justin Gatlin im Vorlauf über 100 m. Foto: Alexander Hassenstein (Getty)

Die Antwort auf die zweitwichtigste Frage am zweiten WM-Tag in Doha lautet: Nein, Usain Bolt wird heute nicht vor Ort sein, wenn die Sprinter im Khalifa Stadium in eine neue Ära starten, in eine WM-Ära eben ohne den jamaikanischen Superstar. Das hat Bolt der französischen Sportzeitung «L’Equipe» in einem Interview verraten, in dem er auch zugibt, sich letztes Jahr nur ganz wenig und in diesem Sommer ein wenig mehr für seine Nachfolge interessiert zu haben. «Nächstes Jahr aber wird das anders sein, da möchte ich einige der grossen Meetings besuchen und dann auch an die Olympischen Spiele nach Tokio reisen», sagt Bolt.

Zehn Jahre nachdem er in Berlin seine Fabel-Weltrekorde über 100 m (9,58) und 200 m (19,19) aufstellte und Jamaika immer mehr zur Sprint-Grossmacht heranwuchs, gibt Bolt zu, «dass es im Moment hart ist, zuzuschauen, wie die Amerikaner die Oberhand gewonnen haben». Das nerve – vor allem sein Land, solche Zyklen gebe es aber. «Sie waren einst dominant, dann kamen wir, jetzt sind sie wieder da.»

Gatlin und der Zenit

Mit «sie» meint Bolt vor allem Noah Lyles und Christian Coleman, die jungen Überflieger der beiden letzten Jahre. Er meint aber immer noch auch Justin Gatlin, seinen erbitterten Rivalen über viele Jahre. Als 35-Jähriger hatte ihn dieser 2017 in London geschlagen, war zu seinem zweiten WM-Titel nach 2005 gesprintet. Und auch Coleman hatte ihn noch bezwungen und aus dem grossen Bolt vor seinem Rücktritt einen recht durchschnittlichen gemacht.

Die Antwort auf die wichtigste Frage an diesem zweiten WM-Tag, wer ist also der schnellste Mann der Welt – man wird sie heute Abend um 21.15 Uhr kennen. Die Ausgangslage ist interessant, waren Coleman und Gatlin im Sommer doch die eindeutigen WM-Favoriten. Nach den letzten Wochen jedoch scheint dies nicht mehr so klar.

Gatlin, der sich in London nach seinem Goldlauf wegen seiner Dopingvergangenheit hatte ausbuhen lassen müssen, lief seit Mitte Juli nur noch einmal unter 10 Sekunden – an der Gala dei Castelli in Bellinzona (9,97). Vor drei Wochen dann verletzte er sich in Zagreb am Oberschenkel sogar leicht und wurde in 10,29 nur Vierter. Dass er mit 37 eine aussergewöhnlich lange Saison, in der er sich nicht schonte, so leicht wegstecken kann wie sein 14 Jahre jüngerer Hauptkonkurrent Coleman, scheint unwahrscheinlich. Er, der den Zenit eines Sprinters eigentlich längst überschritten hat, wird aber von seiner grossen Erfahrung profitieren. Zumal auch Coleman nicht nur mit guten Leistungen Schlagzeilen machte.

Kopfschütteln über Coleman

Coleman ist in 9,81 der Jahresschnellste, mit drei verpassten Dopingkontrollen aber auch jener Athlet, über den zumindest die Leichtathletikwelt den Kopf schüttelt. Ein solches Vergehen zieht in der Regel automatisch eine zweijährige Sperre nach sich, doch Coleman war offensichtlich juristisch gut beraten. Aus «formalen Gründen» wurde sein Fall zu den Akten gelegt und der WM-Weg war frei. Ob es der Kopf auch sein wird?

Wenn nicht, sind da andere, die in dieser Saison schon ihre Ambitionen angemeldet haben. Der Zweitschnellste des Jahres, der Nigerianer Divine Oduduru, fehlte zwar im Vorlauf, doch nach langer Zeit zurück scheint jener Athlet, der nach den Olympischen Spielen in Rio noch als der «nächste Bolt» gegolten hatte: André De Grasse aus Kanada. Er gewann damals drei Olympiamedaillen – war aber in den folgenden Jahren mehrheitlich verletzt.

Und dann wäre da auch noch Yohan Blake, der Weltmeister von 2011. Aus Jamaika. Schlägt das Bolt-Imperium zurück?

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