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KolumneAlles dreht sich

Hat das Riesenrad Interlaken wieder zum Laufen gebracht? Kolumnist Peter Wenger ist überzeugt, dass jetzt die richtigen Weichen gestellt werden müssen.

Beim Hotel Metropole schwenken wir nach links in den Höheweg ein. Meine Enkel begleiten mich auf Rollbrettern. Für Henry ist der Weg vom Stedtli nach Interlaken etwas zu beschwerlich, ich schiebe ihn im Rollstuhl. Und da steht es vor uns: riesengross – wie es sich für das grösste Riesenrad der Schweiz gehört. Wie aus dem Nichts ist es aufgetaucht. Glänzend überstrahlt es die Höhematte. Gelassen ruhig dreht es sich, wie wenn es hier immer schon gestanden hätte. Die Jungfrau hält sich bescheiden im Hintergrund.

Wie ein riesiges Schwungrad kommt es mir vor, das die träge Zeit zum Laufen bringt.

Eine grossartige Idee. Ist Interlaken wieder erwacht? Wie ein riesiges Schwungrad kommt es mir vor, das die träge Zeit zum Laufen bringt. Noch hält sich der Andrang in Grenzen, das wird sich bestimmt bald ändern. Ich erinnere mich, noch vor ein paar Wochen stand ich auf der Startlinie des Jungfrau-Marathons. Auf dem Höheweg war weder ein Velo noch ein Auto unterwegs. Einzig ein Hund hat seinem Frauchen den Meister –oder besser den Weg auf die Promenade gezeigt. Alles war wie gelähmt. Dutzende Veranstaltungen mussten abgesagt oder vertagt werden. Von den vielen Reisebussen, die früher in Interlaken haltmachten, ist nicht ein einziger unterwegs.

Je näher wir an das riesige Rad herankommen, umso grösser, höher scheint es in den Himmel zu ragen. Wollen wir es wagen? Wenn nicht jetzt, wann dann? Freundlich, charmant werden wir empfangen, der Rollstuhl wird an einem sicheren Platz deponiert. Kräftige Hände helfen Henry behutsam in eine der vielen Gondeln. Und los geht die Fahrt hinauf über die Höhematte, hinaus über die Strassen und Gässchen von Interlaken. Nach ein, zwei Runden bleibt das Rad für ein paar Minuten stehen. Zeit genug, das Zentrum aus ungewohnter Perspektive zu geniessen. Als Bub waren die Hinterhöfe, das «Fiischtere-Gässli», die Schlupfwege zwischen den Häusern, vertraute Spielplätze für mich und meine Kameraden.

Ich erinnere mich an die Höhe-Promenade, die eigentlich den Kurgästen vorbehalten bleiben sollte. Doch meine Mutter verstand es trotzdem, sich stets einen Platz auf einem Bänkli zu sichern. Ob es ihr die eingängigen Operettenmelodien oder der elegante Stehgeiger im Gartenrestaurant angetan hat? Na ja, die Nachmittage im «Schuhgässli» waren spannend, galt es doch, der Aufmerksamkeit des Promenade-Aufsehers zu entgehen, der uns «einheimisches Gesindel» wie die Pest verabscheute …

Kein Umzug, kein Feuerwerk, einzig das Wannifeuer hoch über Unterseen wird lodernd an den besonderen Tag erinnern.

Habe ich Pest gesagt, geschrieben? Und schon holt mich wieder die Gegenwart ein: Corona. Die Pandemie bewegt sich wie das Riesenrad im Kreis, unaufhaltsam hält sie uns gefangen. Der 1. August, als einer der Höhepunkte im Eventkalender, fällt klar bescheiden aus. Kein Umzug, kein Feuerwerk, einzig das Wannifeuer hoch über Unterseen wird lodernd an den besonderen Tag erinnern. Die Musikanten des Interlakner Musikvereins verzichten auf ihr Platzkonzert vor dem Gartenrestaurant Des Alpes. Würde nicht bei sonnigem Wetter ein Pianist vor dem Grand Hotel Victoria-Jungfrau aufspielen und auf den Sommerbühnen im Ostquartier und beim Kunsthaus einheimische Bands ihr Bestes geben, es wäre ruhig, sehr ruhig …

Doch die Hoffnung bleibt. Kann ich am Ice Magic mit meinen Grosskindern Runden drehen? Ist es möglich, meinen ersten Urgrossenkel im Kinderwagen über den Weihnachtsmarkt zu schieben? Jetzt gilt es, Weichen zu stellen. Interlaken, das Bödeli, die Region muss wieder zum Leben erwachen, sich neu erfinden. Gemeinsam mit der Bevölkerung auf dem Bödeli wird dies gelingen. Es gibt kaum eine Region, die über so viele Vereine und Organisationen verfügt. Alle warten sie darauf, wieder loszulegen. Dabei wird die eine oder andere Institution nicht ohne Starthilfe auskommen. Geben wir uns grosszügig, packen wir die Chance für einen Neubeginn.