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Vor 50 Jahren im GantrischgebietAls er zu den Kameraden ging, explodierte der Blindgänger

Den 30. Juli 1970 hat Sander Mallien nie vergessen. Damals verletzte er sich bei einem Blindgängerunglück schwer. Die Narben sind bis heute geblieben.

Mit solchen Warnschildern weist die Armee auf die Gefahr von Blindgängern hin. Dass solche Geschosse plötzlich explodieren können, erlebten vor genau fünfzig Jahren sieben Pfadfinder aus dem Raum Baden. Sie verletzten sich teils schwer.
Mit solchen Warnschildern weist die Armee auf die Gefahr von Blindgängern hin. Dass solche Geschosse plötzlich explodieren können, erlebten vor genau fünfzig Jahren sieben Pfadfinder aus dem Raum Baden. Sie verletzten sich teils schwer.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Er ist gut gelaunt, braun gebrannt und sprüht vor Energie. Kein Wunder, Sander Mallien aus Baden hat Ferien und nutzt diese für längere Wanderungen in den Bergen. «Mir geht es rundum gut», stellt der 62-Jährige fest – um gleich klarzumachen: Selbstverständlich ist das überhaupt nicht.

Noch heute ist sein Körper mit Wundmalen aller Art übersät. Sie erinnern ihn an das Unglück, das am 30. Juli 1970 das Leben des gerade mal 12-Jährigen auf den Kopf gestellt hat. Passiert ist es am Abhang der Bürgle oberhalb des Gantrischseeli – flugs streckt Mallien den Ellbogen aus und zeigt auf die Narbe, die seinen Arm fast auf der ganzen Breite überzieht. «Im Winter, wenn die Haut weiss ist, hebt sich das Rosa noch viel stärker von der Haut ab», merkt er an. Und lacht.

Sander Mallien hat bleibende Narben aus dem Blindgängerunglück davongetragen. Seine Lebensfreude hat er nicht verloren. «Mir geht es rundum gut», sagt er.
Sander Mallien hat bleibende Narben aus dem Blindgängerunglück davongetragen. Seine Lebensfreude hat er nicht verloren. «Mir geht es rundum gut», sagt er.
Foto: Stephan Künzi

Dann weist er auf eine kleine Erhebung unter dem Mundwinkel, erklärt, dass hier noch heute ein kleiner Splitter von damals in der Haut stecke. Auf den Tag genau ist das nun fünfzig Jahre her. Deshalb wird Mallien heute Donnerstag gemeinsam mit sechs Kameraden nochmals zum Ort des Geschehens aufsteigen. Mit ihnen picknicken und die Ereignisse, von denen sie genauso betroffen waren, Revue passieren lassen.

Keine Schmerzen verspürt

Die sieben hatten sich schon am 30. Juli 1970 gemeinsam zu einer Bergtour aufgemacht. Allerdings in einer grösseren Gruppe, die Jugendlichen waren allesamt Pfadfinder aus dem Raum Baden und hatten unten im Schwefelbergbad ihr sommerliches Zeltlager aufgeschlagen. «Wir gehörten zu den Jüngsten», erinnert sich Mallien und erklärt so, wie es überhaupt zum Unglück kommen konnte: Während die Grösseren schnurstracks den Gipfel der Bürgle ansteuerten, kehrten die Kleineren vorzeitig um.

Am Abhang oberhalb des Gantrischseeli stiessen sie in einem Schneefeld auf einen rätselhaften Gegenstand, der ihr Interesse weckte. Was sie genau wie vorfanden, weiss Mallien nicht, er rutschte in diesem Moment ein Stück von ihnen entfernt über den Schnee. Just als er sich wieder zu den anderen gesellen wollte, warfen diese den Gegenstand weg, es gab einen lauten Knall – «und ich fand mich, bei vollem Bewusstsein und am ganzen Körper blutend, am Boden wieder». Ein Blindgänger war explodiert im Gebiet, in dem die Armee regelmässig ihre Schiessübungen durchführte.

Die Gebirgslandschaft mit Gantrisch (links), Bürgle (rechts), Gantrischseeli (Mitte) und der Birehütte (vorn): Vor genau fünfzig Jahren kam es hier zu einem schlimmen Unfall mit einem Blindgänger.
Die Gebirgslandschaft mit Gantrisch (links), Bürgle (rechts), Gantrischseeli (Mitte) und der Birehütte (vorn): Vor genau fünfzig Jahren kam es hier zu einem schlimmen Unfall mit einem Blindgänger.
Foto: Ivo Scholz (Swiss Image)

Schmerzen habe er zu diesem Zeitpunkt keine verspürt, «das war wohl der Schock». Dabei war er, wie sich später herausstellte, der wohl am schwersten Verletzte. Sein Bauch war offen, Leber, Milz, Lunge und Zwerchfell waren zum Teil lebensbedrohlich verletzt.

Immer schwächere Lebenszeichen

Zum Glück war einer der sieben noch etwas weiter abseits gestanden, um Alpenrosen zu pflücken. Er blieb unverletzt und stieg sofort zur nahen Birehütte ab, um Unterstützung zu holen. Wanderer, die im Gebiet unterwegs waren, hatten den Knall ebenfalls gehört und schlugen Alarm. Die Hilferufe gingen im Kurhotel Schwefelbergbad ein, wo, ein glücklicher Zufall mehr, gerade ein Arzt weilte.

Dieser wurde von zwei Einheimischen im Jeep an den Abhang der Bürgle gefahren, wo er die Verunglückten fürs Erste versorgte. «Mir deckte er zum Beispiel die Lunge provisorisch mit einem Stück Plastik ab», erinnert sich Mallien. So verhinderte er, dass das Atmungsorgan kollabierte.

Aufgeboten wurden zudem zwei Helikopter, doch weil es neblig war, konnten diese zuerst nichts ausrichten. Trotzdem spielten sie bei den Bergungsarbeiten eine entschiedende Rolle, wie das «Badener Tagblatt» tags darauf auf der Titelseite berichtete. Ohne die Helis «wären einige der jungen Burschen verblutet», zitierte das Blatt einen Zeugen. Und liess weiter einen Helfer so zu Wort kommen: «Es war wie im Krieg, die Knaben waren bis zu zehn Meter vom Explosionsort weggeschleudert worden. Sie lagen still da und gaben noch Lebenszeichen von sich, die aber immer schwächer wurden.»

Gnägi am Krankenbett

Wie schwer die Verletzungen waren, zeigte sich daran, dass Mallien nach einer achtstündigen Operation mehr als zwei Monate lang im Spital Thun aufgepäppelt werden musste. In den folgenden Jahren musste er sich in den Schulferien immer mal wieder unters Messer legen, um weitere kleine Splitter entfernen oder Narben korrigieren zu lassen.

Von seiner Zeit in Thun ist ihm vor allem der 1. August in Erinnerung geblieben, als die Wunden noch ganz frisch waren. «Ich spürte jeden Knaller, es war ein qualvoller Abend», zieht er Bilanz. Später trat irgendwann sogar Bundesrat Rudolf Gnägi ans Krankenbett. Er tat dies als oberster Verantwortlicher der Armee, die ihrerseits bereits die volle Verantwortung für das Unglück übernommen hatte und die Schäden über ihre Versicherung decken wollte.

Sein Verhältnis zum Militär vermochte das Erlebte nicht zu trüben, im Gegenteil. «Ich habe sehr gern und sehr viel Dienst geleistet», sagt Mallien. Dem Thema Blindgänger sei er aber mit erhöhter Sensibilität begegnet: «Als Schiesskommandant habe ich immer peinlich genau darauf achtgegeben, dass nach einer Übung sauber aufgeräumt wird.»