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Ungenutzte FriedhöfeAls Leichnam in die islamische Heimat

Muslimische Grabfelder in der Schweiz werden relativ wenig genutzt. Trotz Corona werden verstorbene Muslime in den Balkan überführt.

Bescheidene Nachfrage: Für Musliminnen und Muslime nach Mekka ausgerichtetes Grabfeld auf dem Friedhof Bremgarten bei Bern.
Bescheidene Nachfrage: Für Musliminnen und Muslime nach Mekka ausgerichtetes Grabfeld auf dem Friedhof Bremgarten bei Bern.
Foto: Franziska Rothenbühler

Die Zahl ist bemerkenswert hoch: 90 bis 95 Prozent der hiesigen Muslime wollen im Herkunftsland begraben werden. Davon gehen jedenfalls die muslimischen Bestattungsunternehmen in der Schweiz aus. Auch im Fastenmonat Ramadan, der diesen Donnerstag beginnt, sind Rückführungen ein grosses Bedürfnis.

In Zeiten der Pandemie sind sie schwierig geworden, aber nicht unmöglich. Gemäss der Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids) sind Rückführungen nach Kosovo, Mazedonien und in die Türkei per Luftcargo möglich, für Bosnien auf dem Landweg. Verstorbene werden als «sichere Fracht» angesehen und dürfen nicht von Angehörigen begleitet werden.

Das bestätigen die beiden grossen muslimischen Bestattungsunternehmen in der Schweiz. Es sind dies Ahireti Bestattungen, das vom Albaner Hulusi Aliji von Horgen aus geleitet wird, sowie Furat International Repatriation, eine in Zürich domizilierte, schweizweit tätige Firma. Geschäftsführer Hamza Sahbaz, schweizerisch-türkischer Doppelbürger, wickelt jährlich zwischen 300 und 400 Rückführungen ab.

Wegen Corona sei der Betrieb zurzeit auf den Balkan beschränkt. Aktuell fliege etwa nur noch einmal wöchentlich ein Cargoflugzeug nach Pristina in Kosovo, allerdings mit 20 bis 30 statt wie sonst mit drei oder vier Särgen. Für Serbien und Mazedonien bestimmte Leichen würden dann mit dem Auto dorthin gebracht. Anfragen für Überführungen nach Tunesien, Libyen oder in den Sudan musste Sahbaz absagen. Es könnten derzeit keine Leichen nach Afrika und in die arabischen Länder überführt werden.

Die Bestattungsunternehmen sind für die rituelle Waschung und Einkleidung des Leichnams zuständig sowie für alle Formalitäten rund um die Rückführung: Im Bild die Leichenwäscherei des Friedhofs in Schwamendingen, Zürich.
Die Bestattungsunternehmen sind für die rituelle Waschung und Einkleidung des Leichnams zuständig sowie für alle Formalitäten rund um die Rückführung: Im Bild die Leichenwäscherei des Friedhofs in Schwamendingen, Zürich.
Foto: Nicola Pitaro

Auch in die Türkei sind Rückführungen aktuell möglich, aber nicht mehr für die Firma Furat. Der Türke Ali Furat, der das Bestattungsinstitut 1996 gegründet hatte, schloss sich 2015 nach dem Putsch in der Türkei der Gülen-Bewegung an. Seither werde die Firma von den türkischen Konsulaten in der Schweiz gemieden, sagt Furat. Sie bevorzugten die AKP-nahe Türkisch-Islamische Stiftung für die Schweiz, die ihren Bestattungsdienst jüngst stark ausgebaut hat. Sie lässt sich nicht in die Karten schauen. Geschäftsführer Zafer Terkesli erklärt, er könne zu den Überführungen nichts sagen, weil diese von Dritten ausgeführt würden.

Keine Angst vor Corona-Toten

Die Bestattungsunternehmen sind für die rituelle Waschung und Einkleidung des Leichnams zuständig sowie für alle Formalitäten rund um die Rückführung. Ahireti wie Furat haben schon gegen 10 Corona-Tote in den Balkan überführen lassen. Wie bei allen anderen Leichen sei ein Leichenpass erforderlich, ein kantonales Amtsattest, wonach der Verstorbene nicht ansteckend sei. Bestatter Sahbaz hält die Corona-Toten für unbedenklich, solange man nicht mit den Körpersekreten in Berührung komme. Bei den Waschungen würden alle Hygienemassnahmen – von Handschuhen bis Schutzmasken – befolgt.

Verstorbene Muslime, die nicht nach Hause geflogen werden können, werden vorübergehend in Kühlräumen gelagert oder auf Schweizer Friedhöfen begraben. Die Stadt Wil hat angesichts der Corona-Krise letzte Woche beschlossen, auf dem Friedhof Bronschhofen ein Grabfeld für Muslime zu öffnen. In Zürich, Winterthur, Basel, Fribourg, Lugano oder St. Gallen gibt es solche seit Jahren. Heute ist die Kontroverse um muslimische Grabfelder abgeflacht und kaum mehr ein Politikum.

Es sei für viele Muslime unannehmbar, wenn ihr Grab gemäss Schweizer Usanz nach 20 Jahren aufgehoben werde.

Hat das damit zu tun, dass bis 95 Prozent der Muslime in der Heimat begraben werden wollen, wie das die Repatriierungsunternehmen unisono behaupten? Bestatter Aliji erklärt, in der ersten Generation sei die Bindung an die Heimat, aber auch der soziale Druck besonders gross. Zudem sei es für viele Muslime unannehmbar, wenn ihr Grab gemäss Schweizer Usanz nach 20 Jahren aufgehoben werde.

Laut Fids-Sprecher Pascal Gemperli indessen gibt es keine Statistiken über die Rückkehrer nach dem Tod. Die Zahl von 90 Prozent scheine ihm sehr hoch. Sie nehme in der zweiten und dritten Generation zusehends ab. Das sagt auch Muris Begovic, Imam der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Den hohen Anteil der Rückkehrer erklärt er auch damit, dass längst nicht alle Schweizer Gemeinden über muslimische Grabfelder verfügten.

Eingebürgerte bleiben hier

Braucht es diese überhaupt, wenn so viele zurückkehren? Rolf Steinmann, Leiter des Stadtzürcher Bestattungs- und Friedhofamts, meint Ja. Die 2004 auch auf Initiative von VIOZ errichteten muslimischen Grabfelder auf dem Friedhof Zürich-Witikon seien ein Erfolg. Bereits seien zwei Grabfelder mit je 160 Gräbern belegt und zwei weitere eingeweiht. Steinmann glaubt, dass diese zunehmend von eingebürgerten Muslimen genutzt würden. Zudem sei auf dem Witiker Grabfeld der Kinderanteil sehr hoch. Erst kürzlich habe die Stadt dort ein Gemeinschaftsgrab für die tot geborenen und ganz kleinen Kinder muslimischer Eltern aus der ganzen Schweiz errichtet.

Sind ein Erfolg: Die 2004 auf Initiative von VIOZ errichteten muslimischen Grabfelder auf dem Friedhof Zürich-Witikon.
Sind ein Erfolg: Die 2004 auf Initiative von VIOZ errichteten muslimischen Grabfelder auf dem Friedhof Zürich-Witikon.
Foto: Doris Fanconi

Anders in der Region Basel: Hier werden die muslimischen Grabfelder wenig genutzt. Auf dem Friedhof Hörnli Basel-Stadt gäbe es über 500 Gräber für Muslime. Gemäss Friedhofsverwaltung werden hier aber jährlich bloss sieben Muslime beigesetzt.