Der Schweizer, der Mao fotografierte

Walter Bosshard erlebte China im Umbruch. Seine Bilder bergen bis heute eine politische Sprengkraft.

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Ewa Hess@askewa

Der Weg zu Maos Versteck war sehr beschwerlich. Die Gruppe brauchte sechs Tage, um die 400 Kilometer von der Stadt Xi’an nach Yan’an zu bewältigen, wegen des ungewöhnlich kalten Frühsommers im Nordwesten Chinas. Die Lastwagen steckten im Schlamm fest, eisiger Regen ging nieder. Und doch muss der Schweizer Fotoreporter Walter Bosshard, damals 46 Jahre alt, ein glücklicher Mann gewesen sein. Er würde als erster der in China stationierten ausländischen Journalisten den legendenumwobenen Kommunistenführer für ein Interview treffen. Das war 1938.

Der Fotojournalismus war da noch jung, Bosshard gehörte zu den Pionieren des Metiers. Erst nachdem die erste kompakte 35-mm-Leica-Kamera 1925 auf den Markt kam, war es Journalisten überhaupt möglich, ihre Berichte durch authentische Bilder von den Schauplätzen des politischen Geschehens zu ergänzen. Walter Bosshard, aufgewachsen in Samstagern bei Richterswil, bemächtigte sich des Mediums, als ob er mit der Leica in der Hand geboren worden wäre. Auch ihn, den abenteuerdurstigen Primarlehrer, befreite die Kamera – aus der Enge der Heimat.

Dank Gandhi-Reportage wird Bosshard Starreporter

Sein Weg auf die Titelseiten der Illustrierten war kurz: Als technischer Leiter einer deutschen Himalaja-Expedition begann der Autodidakt 1927 zu fotografieren. Die Bilder fielen so spektakulär aus, dass das «National Geographic Magazine» eine fünfzigseitige Strecke veröffentlichte. Danach konnte sich Bosshard nicht mehr vor Aufträgen retten: Nordpol, Thailand, Mandschurei. Die Reportage über Gandhi und die indische Unabhängigkeitsbewegung machte ihn endgültig zum Starreporter. Worauf Bosshard seine Koffer packte und nach China zog. Ab 1931 berichtete er für Zeitschriften der deutschen Ullstein-Presse, später auch für amerikanische Zeitschriften und noch später für die NZZ. 1933 verlegte er seinen Wohnsitz definitiv nach Peking.

«Bosshards Stärke lag darin, dass er sowohl ein hervorra­gender Fotograf wie auch ein talentierter Schreiber war», sagt Peter Pfrunder, Direktor der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. Pfrunders Buch «China brennt» über Walter Bosshard kommt rechtzeitig zur Vernissage der ebenfalls von ihm kuratierten Ausstellung «Wettlauf um China» in der Fotostiftung heraus, in der es um die Konkurrenz zwischen Bosshard und dem legendären Kriegsreporter Robert Capa geht. Überraschenderweise stellt der heute etwas in Vergessenheit geratene Schweizer dabei den grossen Capa in den Schatten – auf sympathisch unspektakuläre Art. Man merkt es Bosshards Bildern eben an, wie gut er das Land kennt.

Seine Reisen ins bäuerliche Landesinnere, bei welchen er die Menschen in China auch jenseits von Krisensituationen kennen lernt, geben seinem Blick Tiefe. Zudem sind Bosshards Bilder kaum ideologisch unterfüttert. Selbst wenn er verwundete Soldaten oder junge Guerillakämpfer fotografiert, bleibt sein Blick nüchtern, die Lust am Pathos gewinnt nie die Oberhand über die menschliche Anteilnahme.

Das ist bei Robert Capa nicht immer so. Das Herz des Chronisten des spanischen Bürgerkriegs schlägt deutlich für die Kommunisten, was ihn manchmal dazu verleitet, seine Bilder heroisch anzureichern. Auch kennt er China nicht so gut wie Bosshard, denn Capa kommt erst 1938 hierher, als Mitarbeiter des holländischen Filmemachers Joris Ivens bei dessen Dokumentarfilmprojekt «Die 400 Millionen». Zwischen Bosshard und Capa entspinnt sich eine kameradschaftliche Konkurrenz, und es muss für den linken Capa besonders schmerzhaft gewesen sein, dass der konservativere Bosshard dank einem Empfehlungsbrief von Maos rechter Hand Zhou Enlai vor ihm den Weg nach Yan’an findet.

Wäre dieses frühe Porträt des grossen Vorsitzenden weniger beiläufig herausgekommen, hätte Capa das Bild geschossen? Wer weiss. Es ist jedenfalls ein denkwürdig unscheinbares Bildnis, welches Bosshard zurückbrachte: Der damals 45-jährige Mao sieht wie ein schüchterner Teenager aus, mit einem vagen Gesichtsausdruck, weichen Schuhen und bravem Mittelscheitel. Auch das dreistündige Interview, welches Bosshard damals führen durfte, schien wenig beeindruckend gewesen zu sein. Der Reporter notiert, der Volksführer habe ihn mit philosophischen Allgemeinheiten traktiert, und schien ihm insgesamt wenig dazu geeignet, China zu einem Sieg über die aggressiv voran­rückende japanische Armee zu führen – verglichen mit dem energischen Wesen des Nationalistenführers Tschiang Kai-schek.

Welche politische Sprengkraft tatsächlich in den Materialien liegt, die Bosshard aus dem roten Lager Maos mitbrachte und auch sonst in China gesammelt hat, erfuhr Direktor Peter Pfrunder unlängst, anlässlich einer Präsentation von Bosshards Werk am chinesischen Fotofestival in Lianzhou 2015. Das vom Schweizer Fotografen festge­haltene Bild des «normalen Lebens» in dieser wichtigen Phase der späteren Volksrepublik hat die chinesischen Besucher verblüfft und bewegt, wie Pfrunder erzählt.

«Ein Schweizer der besten und zähesten Sorte»

Bei der Standardisierung der geschichtlichen Bilder hat die Propaganda-Abteilung der Kommunistischen Partei Chinas während der vergangenen 80 Jahre offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Der Anblick von echten Menschen statt kommunistischer Superhelden auf den Fotografien (und in den Filmen) Bosshards kam einer Sensation gleich. Für eine spätere Ausstellung in Shanghai musste ein Teil des Materials aus Zensurgründen weggelassen werden.

Das Material, auf das die Fotostiftung zurückgreifen kann, ist riesig. In Winterthur allein lagern an die 25000 Negative von Bosshard, das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich bewahrt seine Schriften auf. Und doch bleibt der Mann ein Rätsel. Wie schaffte es der Hüne mit dem sorgfältig gestutzten Schnurrbart, immer dort zu sein, wo gerade Geschichte geschrieben wurde? Ob es die 1931 einberufene Nationalversammlung in Nanjing war oder der Einmarsch der japanischen Truppen in der Mandschurei 1932, ob er die wohltätige Gattin Tschiang Kai-scheks oder den Bauer Chang bei der Guerillaausbildung ablichtete – Walter Bosshard war immer dabei. Wie eine Ballerina zwischen den Fronten tanzend.

Ein britischer Kollege bezeichnete in seinen Erinnerungen Bosshard als «einen Schweizer der besten und zähesten Sorte». Andere sprechen vom «Schweizer Fuchs», der sich sowohl links wie rechts mit kleinen Gefälligkeiten gute Freunde machte. Die Ausstellung in Winterthur ist eine gute Gelegenheit, diese Ein-Mann-Schweiz inmitten des historischen Sturms wiederzuentdecken, neutral, freundlich, gut organisiert und trotz der pragmatischen Unaufgeregtheit zu grossartigen Leistungen fähig.

Ausstellung: «Walter Bosshard / Robert Capa. Wettlauf um China», Vernissage heute, bis 10. 2. 2019, Fotostiftung Schweiz, Winterthur. Buch: «Walter Bosshard / China brennt», Limmat-Verlag Zürich, 290 S., ca. 75 Fr. Buchpräsentation: 17. 10., 19 Uhr, Buchhandlung Never Stop Reading, Zürich.

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