Wie das Waldsterben die Schweizer Strassen sicherer machte

Seit 30 Jahren darf auf Schweizer Autobahnen nur noch 120 km/h gefahren werden. Eingeführt wurde die Limite aus ökologischen Bedenken – ausgelöst hat sie einen anderen Effekt.

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In den 1980-er Jahren ging in Europa die Angst vor dem Waldsterben um. Auch für die Schweizer Wälder wurde das Schlimmste befürchtet. Als Hauptursachen wurden der saure Regen und die Belastung durch Luftschadstoffe identifiziert.

Das Waldsterben sollte sich dann in der Schweiz aber weit weniger stark manifestieren als befürchtet. Doch die Debatte bewog den Bundesrat dazu, die Tempolimiten im Strassenverkehr im Jahr 1985 zu senken: Von 130 auf 120 km/h auf Autobahnen und von 100 auf 80 km/h ausserorts. Der Bundesrat sprach damals von einer provisorischen Massnahme.

Die Landesregierung stiess mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen bei einem Teil der Bevölkerung auf Widerstand. Ein Komitee um den Basler Automobiljournalisten Bernhard Böni lancierte die Initiative «pro Tempo 130/100», welche die Rückkehr zu den alten Höchstgeschwindigkeiten forderte.

62 Prozent Nein

Das 1985 eingereichte Volksbegehren wurde zwar vier Jahre später mit 62 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Doch: «Die Initiative war ein grosser Erfolg», erinnert sich Rudolf Zumbühl, der beim Touring-Club der Schweiz (TCS) in der Geschäftsleitung sitzt und damals bereits für den Autoverband arbeitete. «Es war eine Möglichkeit zum Protest. Die Leute hatten das Gefühl, dass ihr Auto für alles Schlechte verantwortlich gemacht werde. Ausserdem wurde die Debatte über das Waldsterben sehr emotional geführt. Jene, die die These in Frage stellten, wurden beinahe gekreuzigt», sagt Zumbühl heute rückblickend.

Der TCS habe damals anfänglich weder die Initiative unterstützt noch sich an der Unterschriftensammlung beteiligt. Schliesslich setzte sich die Organisation dann aber im Abstimmungskampf für das Volksbegehren ein - dies, nachdem der Bundesrat entschieden hatte, auf den Autobahnen definitiv eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h einzuführen. Zum Zeitpunkt der Abstimmung im November 1989 hatte sich der Fokus aber schon verschoben. «Man sprach nun vor allem über die Verkehrssicherheit und fast oder gar nicht mehr über das Waldsterben», sagt Zumbühl.

«Bei der Einführung des Gesetzes dachte man nicht an die Sicherheit. Im Rückblick erweist sich die Reduktion der Tempolimiten aber als positive Massnahme», sagt Guido Bielmann vom Bundesamt für Strassen (ASTRA). Der tatsächliche Effekt der Massnahme lasse sich aber nur schwer messen, gibt Rudolf Zumbühl zu bedenken: «Zur Geschwindigkeitsbeschränkung gesellten sich noch weitere Verbesserungen wie Airbags oder die Beseitigung von Hindernissen am Strassenrand.» Bei der Luftverschmutzung habe insbesondere die flächendeckende Einführung von Katalysatoren zu einem Rückgang der Schadstoffemissionen geführt, sagt Zumbühl.

Tempo 140 kontraproduktiv

Zumbühl trauert Tempo 130 auf der Autobahn allerdings nicht nach. «Das ist heute keine Frage mehr. Tempo 120 ist besser für den Verkehrsfluss.» Der TCS-Vertreter hält flexible Tempolimiten, die sich am Verkehrsaufkommen orientieren, für das Modell der Zukunft.

Das von einer Privatperson lancierte Volksbegehren zur Anhebung der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen auf 140 km/h lehnen sowohl Zumbühl wie auch Bielmann ab. «Das hätte mehr Staus und weniger Sicherheit zur Folge», sagt Bielmann.

Auch Zumbühl hält die Forderung für kontraproduktiv: «Es gibt derzeit andere Probleme: Etwa die Überlastung der Strassen und der dadurch reduzierte Verkehrsfluss. Vielerorts ist es nicht einmal möglich, mit 120 km/h zu fahren, geschweige denn mit 140 km/h.»

thu/sda

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