Warum die Hightech-Nation Japan versagt

Ex-Topmanager der Energiefirma Tepco treffe keine Schuld an der Fukushima-Katastrophe. So entschied ein Gericht. Diese Logik verhindert die Vorreiterrolle für nachhaltiges Leben.

«Niemand ist schuld – das ist ein ungerechter Freispruch», steht auf den Zetteln der Frauen: Proteste vor dem Gerichtsgebäude in Tokio. Foto: Kyodo, Reuters

«Niemand ist schuld – das ist ein ungerechter Freispruch», steht auf den Zetteln der Frauen: Proteste vor dem Gerichtsgebäude in Tokio. Foto: Kyodo, Reuters

Niemand ist schuld an einem der grössten Atomunfälle der Geschichte. Die Kernschmelze in drei Reaktoren des japanischen Kraftwerks Fukushima Daiichi 2011 war ein Werk höherer Mächte. Das hat das Landgericht Tokio entschieden mit seinem Freispruch für die früheren Chefs des Energiekonzerns Tepco.

Die Anklage lautete, der Betreiber Tepco hätte wissen müssen, dass Reaktoren an der Küste des Erdbebenlandes Japan besonderen Risiken durch Riesenwellen ausgesetzt sind. Das Gericht sagt, so etwas könne man nicht wissen. Es sagt sogar: Einem Kernkraftwerkbetreiber sei nicht zuzumuten, jede Laune der Natur vorherzusehen.

In Zeiten von Klimawandel und steigender Meeresspiegel ist so eine Urteilsbegründung bedrückend. Ist es also in Ordnung, dass man die Wetterextreme, welche Experten seit Jahrzehnten ankündigen, einfach so auf sich zurollen lässt? Weitsichtige Wissenschaftler und aufgeklärte Regierungen finden das zum Glück nicht okay. Sie ringen mit geschärftem Umweltbewusstsein um eine Zukunft, in der den Menschen die verheerendsten Überraschungen erspart bleiben. Aber gerade erzkonservativ regierte Länder wie Japan neigen dazu, globale Grundsatzthemen kleinzureden und letztlich im eigenen Sinne so weiterzumachen wie bisher.

«Man lässt möglichst wenige Zuwanderer ins Land, damit die Sicherheit nicht leidet.»

Vorsichtsmassnahmen sind in Japan ein prägender Aspekt des gesellschaftlichen Lebens. Man trägt Mundschutz, um sich keinen Schnupfen zu holen. Man lässt möglichst wenige Zuwanderer ins Land, damit die Sicherheit nicht leidet. Man stellt überall Verbotsschilder auf, damit auf gar keinen Fall irgendein Nachbar gestört wird. Aber wenn Vorsorge teuer ist oder gar einen echten Bewusstseinswandel erfordert, dann ist die Angst vor der Veränderung grösser als die Angst vor dem Risiko. Die Atomkatastrophe von Fukushima ist in dieser Hinsicht ein entlarvendes Ereignis für Japans Staatenlenker gewesen. Nicht nur, dass mangelnde Weitsicht vielen Japanerinnen und Japanern im Umkreis des Kraftwerks ihre Heimat gekostet hat. Achteinhalb Jahre danach ist nicht einmal zu erkennen, dass die Katastrophe zu einem echten Umdenken geführt hat.

Neulich, am Abend seiner Ernennung, hat der neue, junge Umweltminister Shinjiro Koizumi zur Überraschung vieler gesagt, dass er gerne prüfen würde, ob ein Atomausstieg für Japan zu machen sei. Aber im Grunde traut sich die Regierung von Premier Shinzo Abe keine echte Energiewende zu. Die Aufräumarbeiten laufen weiter. Einheimische kehren allmählich in evakuierte Gebiete zurück. Mit bewundernswerter Beharrlichkeit kämpfen sich die Betroffenen in ihr Leben zurück.

«Manche Firmen zeigen längst, dass sie wichtige Zukunftsideen haben.»

Aber Japans Regierende wirken versunken in ihrer umweltvergessenen Wirtschafts- und «Japan First»-Politik, bei der natürlich niemand laut darüber nachdenken darf, dass es ein Irrtum war, die Reaktoren von Fukushima damals nicht besser vor dem Meer geschützt zu haben.

Die Hightech-Nation Japan könnte ein Vorreiter für nachhaltiges Leben sein. Manche Firmen zeigen längst, dass sie wichtige Zukunftsideen haben. Dafür müssten Japans Regierung und Energieindustrie jedoch begreifen, dass die Themen Umwelt- und Klimaschutz nicht nur Stoff für Sonntagsreden sind, sondern für eine naturnahe, nachhaltige Katastrophenvorbeugung stehen. Zumindest sollte im Inselstaat kein hoher Verantwortlicher mehr so tun, als wüsste man nicht, wie viel höher die Wellen durch den steigenden Meeresspiegel schlagen können.

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