Galerist zeigt seine Pop-Art

Bruno Bischofberger wirbt seit Jahrzehnten mit volkstümlichen Szenen. Manche sagen, er habe damit mehr erreicht als Schweiz Tourismus. In Kriens werden die Inserate nun gezeigt.

Bruno Bischofberger, inmitten seiner Schweine, Kühe, Panzersperren. Foto: Samuel Schalch

Bruno Bischofberger, inmitten seiner Schweine, Kühe, Panzersperren. Foto: Samuel Schalch

Ewa Hess@askewa

Alles, was uns in dieser Welt berührt, fliesst auf eine Art und Weise zusam­men – Bruno Bischofberger (78), Schweizer Galerist der Sonderklasse, sagt diesen Satz an einem warmen Aprilabend in Kriens. Die Szene im Garten des Museums im Bellpark gibt ihm recht. Eine ansehnliche Gruppe Kunstlieb­haber ist in das «moderne Heimat­museum» gekommen, wie der Leiter Hilar Stadler es nennt, um den aus dem Appenzell stammenden Galeristen zu feiern. An dieser Vernissage fliesst vieles zusammen: die Kunst und der Alltag, die Leidenschaft und die Werbung.

Es ist ein Anlass mit vertauschten Rollen – einer der renommiertesten Schweizer Künstler, Peter Fischli, fungiert als Co-Kurator der Ausstellung, in der der Galerist die Rolle des Künstlers spielt. «Siehst du», sagt Fischli zu Bischofberger, «so fühlt man sich als Künstler an einer Vernissage.» Bischofberger, der Andy Warhol beraten, Jean-Michel Basquiat entdeckt und Vito Schnabel zur Taufe gehalten hat, lächelt geniert.

Die Schau heisst «Backcovers», der Titel ist Programm. Seit 30 Jahren inseriert die Galerie Bischofberger auf der letzten Seite der amerikanischen Kunstzeitschrift «Artforum», seit 28 Jahren auch am gleichen prominenten Platz der Schweizer Zeitschrift «Kunstbulletin». Das Prinzip ist immer das gleiche: Unter den Namen der gerade in der Galerie ausgestellten Künstler sieht man nicht etwa ihre Kunst, sondern eine volkstümliche Schweizer Szene. Kunstfreunde haben sich längst daran gewöhnt, auf der Rückseite des global gelesenen «Artforum» statt Abbildungen von Kunstwerken Fotografien von Appenzeller Bauern, Schweinen oder Bergen zu sehen. Seit 1989 hat sich Bischofberger den Platz auf der Magazinrückseite vertraglich als Anzeigenplatz gesichert. Die Bilder für die Anzeigen wählt er mit sicherer Hand selbst, ohne seine Künstler zu fragen.

Chläuse, Treichler und Käser

Ist es Verschrobenheit oder Konzeptkunst? Beides – doch am Anfang des beharrlich über Jahre durchgehaltenen Anzeigenkonzepts stand eine praktische Schwierigkeit: «Damals gab es weder das Internet, noch war es leicht, Bilder über weite Distanzen zu verschicken», erzählt der Galerist. «Wir mussten schon Monate voraus Bilder für die Inserate bestimmen, obwohl die Künstler noch nicht wussten, was sie zeigen würden.» Bischofberger ging die Zitterpartie auf die Nerven und machte kurzen Prozess: «Ich schickte etwas, das mein Herz genauso wie die Kunst berührt, etwas aus der Schweiz.»

Die Kuratoren Fischli und Stadler bezeichnen sich beide als langjährige Fans des Anzeigenkonzepts. Das erstaunt nicht: Erstens sind Bischofbergers Käser, Chläuse und Treichler weltweit beliebt (und haben mehr für die Popularität der Schweiz in den USA getan als Schweiz Tourismus, wie «Artforum»-Redaktor Charles Guarino dem Kurator Stadler versichert). Zweitens kennt man auch von Fischli/Weiss das Interesse an dieser Schnittstelle zwischen Kultur und Kommerz – man denke etwa an das aus lauter Anzeigen bestehende Werk für Ringiers Jahresberichtbuch 2007.

Ihn beeindrucke die Vielschichtig­- keit der Motive bei Bischofberger, sagt Fischli an der Ausstellungseröffnung. Tatsächlich sieht man auf den Anzeigen nicht nur Appenzeller Brauchtum – da sind auch Rangierarbeiten der Bahn etwa, Panzersperren oder Bilder von der Street Parade. In Kriens sind übrigens ganze Hefte ausgestellt, die als Objekte an der Wand kleben.

Selbst wenn manche Sujets knapp am touristischen Kitsch vorbeischrammen, behält der Humor des Galeristen stets die Oberhand. Auch im Spiel mit den Künstlernamen – wenn etwa auf dem Bild des Bauern, der mit Gülle «bschüttet», in roten Lettern der Name Andy Warhols prangt. Mit ihm, dem Wegbegleiter der frühen Jahre, an dessen Werken Bischofberger seit 1968 bis zum Tod des Künstlers Vorverkaufsrecht hatte, wird das Konzept auch mal gebrochen: Im Sommer 2001 zeigt eine Anzeige für die Ausstellung von Warhols Fotografien – einen fotografierenden Warhol.

Gute Kunst ist echte Kunst

Seine Bilder suchte sich der findige Galerist schon in der Vorinternetära wie heute Blogger im Netz: mal da, mal dort, in den Heftchen, Kalendern, Papeterien, oder er greift auf die Fotos von Gattin Yoyo zurück. Sein Auge ist das eines geschulten Ethnografen – er studierte nebst Kunstgeschichte und Archäologie auch Volkskunde bei Richard Weiss in Zürich. Bischofbergers eigene Sammlung europäischer Volkskunst ist riesig, und seine Pläne, in Männedorf ein Museum für Volkskunst zu bauen, sind weit fortgeschritten. Er habe nie einen Unterschied gemacht zwischen Volkskunst und «hoher» Kunst, erzählt er in Kriens. «Es gibt nur eine gute, echte Kunst und eine falsche, also nachgemachte.»

1963 eröffnete Bischofberger seine erste Galerie in Zürich, wo er als einer der ersten Popkünstler Roy Lichtenstein, Rauschenberg oder Jasper Johns zeigte. Auch Gerhard Richter hatte seine erste Einzelschau ausserhalb Deutschlands bei Bischofberger. Inzwischen ist die Zürcher Galerie geschlossen, die immense Sammlung lagert in Männedorf im von der Tochter Nina Baier-Bischofberger erbauten Privatmuseum, das nicht öffentlich zugänglich ist. Die Ausstellungen sind rar geworden – die Anzeigenserie läuft weiter.

Museum im Bellpark, Kriens: «Backcovers. Summer, Fall, Winter, Spring. Anzeigen der Galerie Bruno Bischofberger in ‹Artforum› und ‹Kunstbulletin›», bis 8. Juli

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