Darf mein Kleinkind im Zug in der 1. Klasse mitreisen?

Leser fragen

Das Leiden der jungen Mutter mit kreischendem Kind in der S-Bahn statuiert ein perfektes Exempel für das reaktionäre Verhaltensmuster vieler Mitbürger. Es ist an der Zeit, urbanes Denken zu kultivieren.

Peter Schneider@PSPresseschau

Ich fahre als Mutter eines eineinhalbjährigen Sohns häufig in der 1. Klasse Zug. Dabei bin ich oft schmerzlichen Reaktionen ausgesetzt («Kann Ihr Kind nicht endlich ruhig sein?», beim Kinderwagen-Einstieg muss ich offensiv um Hilfe bitten). Liegt dies am Calvinismus und am Neid auf eine Frau, die Erfolg und Kinder verbindet? S. D.

Liebe Frau D.

Es gibt Regeln des Soziallebens, die werden erst dadurch sichtbar, dass jemand unwillentlich gegen sie verstösst. Dass Kinder nicht in die 1. Klasse der SBB gehören, scheint eine solche Regel zu sein. Ich vermute, das hat weder etwas mit Calvinismus noch mit dem Neid auf erfolgreiche Frauen mit Kindern zu tun, sondern mit einer ganz bestimmten Art von Anspruch auf Ungestörtheit.

«Erlaubt ist, was nicht stört», hiess einmal eine Kampagne in der Stadt Zürich für mehr Toleranz im Zusammenleben. In der Folge konnte man dann nicht unbedingt mehr Toleranz erfahren, wohl aber, was nach Ansicht der Bürger eigentlich alles verboten gehörte. Denn es gibt fast nichts, was die Menschen nicht stören kann. Selbst im Ruhewagen herrscht ja keine entspannte Ruhe, sondern oft eine eigentümliche Anspannung, wer wohl als Erster im Abteil gegen das Schweigegebot verstossen wird.

So wie nach Lord Palmerstons Definition «dirt is matter in the wrong place» ist eine Frau mit Kinderwagen offenbar an manchen Orten «in the wrong place». Doch (bisweilen) wie Dreck behandelt wird sie beileibe nicht nur in Erstklasswagen. Sondern ebenso zu den Stosszeiten im ganz normalen Tram und an der Migroskasse («Müssen die Weiber ausgerechnet zeitgleich mit der arbeitenden Bevölkerung einkaufen?»). Dieses Schicksal teilt sie zum Beispiel auch mit Senioren, die sich erfrechen, die S-Bahn oder den Supermarkt zur Unzeit zu benutzen. Solche Themen bringen es in den (von den Medien immer wieder angezettelten) Diskussionen locker auf Hunderte von Leserkommentaren.

Hier zeigt sich ein antiurbanes Ressentiment der Stadtbewohner, die nicht begreifen wollen, dass es in diesen Dingen gar nichts zu diskutieren gibt. In der Enge des Stadtlebens und des öffentlichen Verkehrs müssen Sympathien und Antipathien streng Privatsache bleiben. Und man muss sich mit der Tatsache, dass hier jeder jedem prinzipiell lästig ist, weil jeder Platz beansprucht, Geräusche verursacht (Kinder halt ein paar mehr), Gerüche absondert und Zeit beansprucht, abfinden. Ob Ihr Sohn ein herziges Kerlchen oder ein Schreihals ist (oder beides), er darf in der 1. Klasse mit demselben Recht mitfahren wie jeder andere, der auch eine entsprechende Fahrkarte gelöst hat. Basta.

Tages-Anzeiger

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