Zum Hauptinhalt springen

Ausblick aufs Pop-Jahr 2021Auf diese Musik wartet die Welt

Der Corona-Stillstand mag auf den Bühnen stattgefunden haben, in den Studios und Übungsräumen herrschte dagegen Hochbetrieb. Eine kleine Ahnung, worauf wir uns freuen dürfen – und worauf eher nicht.

Rihanna wird nach drei Jahren wieder ein Album herausgeben, das ziemlich Reggea-lastig sein soll.
Rihanna wird nach drei Jahren wieder ein Album herausgeben, das ziemlich Reggea-lastig sein soll.
Foto: Willy Sanjuan (Invision, AP)

Corona ist an allerhand Unglück schuld. Die einzig gute Nebenwirkung ist, dass das Virus die Kreativität beflügelt hat. Da viele Musikschaffende das Risiko scheuten, im letzten Jahr ein Album ohne Aussicht auf aufmerksamkeitswirksame Konzerte zu veröffentlichen, herrscht derzeit eine popmusikalische Verstopfung historischen Ausmasses. Diese wird sich – vor allem im zweiten Halbjahr 2021 – in einer wahren Veröffentlichungsflut auflösen. Wir haben acht Alben zusammengetragen, die 2021 zu reden geben dürften.

Sade (Albumname unbekannt)

Drei Alben hat sie in den letzten 33 Jahren veröffentlicht, die Meisterin der kühlen Gelassenheit. Und jedes bestach mit einer fast schon penetranten Geschmackssouveränität. Seit Sade die Welt in den Achtzigerjahren mit Schlagern wie «Smooth Operator» oder «Sweetest Taboo» beglückte, hat sie eine Form der Soul-Musik etabliert, durch die stets eine tiefe Traurigkeit wehte.

Auf die Frage, warum sie so wenig veröffentliche, antwortete sie einmal, sie müsse erst ein Leben vorlegen, bevor sie darüber singen könne. Nun verdichten sich die Indizien, dass da genug Leben war, um wieder ein Album zusammenzubekommen.

Sie habe sich mit ihrer Band in ihrem Haus im englischen Gloucestershire eingeschlossen, um an neuen Songs zu arbeiten. Acht Lieder seien bereits produziert, vor dem Studio seien Sicherheitsleute postiert gewesen, um sicherzustellen, dass niemand auch nur einen Ton mitschneiden könne. Wer das Warten nicht aushält, dem sei die 2020 erschienene – neu gemasterte – Albumbox «This Far» empfohlen.

Arlo Parks – «Collapsed in Sunbeams» (29. Januar)

Einer ganz ähnlichen Idee der Soul-Musik geht die Britin Arlo Parks nach. Zusammen mit der nicht minder umwerfenden Celeste, die ihr Debüt just am selben Tag veröffentlichen wird, gehört Arlo Parks zur Speerspitze einer jungen, schwarzen und britischen Soul-Generation.

Ihr Merkmal: eine Art Coming-of Age-Niedergeschlagenheit, die sich in tiefenentspannter Balladenmusik Bahn bricht. «Super Sad Generation» hiess eines der schwarzmalenden Lieder von Arlo Park.

Sie skizziert darin eine Jugend, die sich mit Narkosemitteln betäubt, die Zeit totschlägt und nebenbei versucht, Freunden die Selbsttötung auszureden. Offenbar hat sie damit eine Befindlichkeit getroffen – der Song wurde millionenfach gestreamt. Ihr Debütalbum wird ein neues Soul-Zeitalter einläuten und das Genre nachhaltig von Glitzerkram, Glam und Puderzucker befreien.

The Cure – (Veröffentlichungsdatum unbekannt)

Arlo Parks zeichnete übrigens für einen der schönsten Reime des Jahres 2020 verantwortlich: «I’d lick the grief right off your lips / You do your eyes like Robert Smith», dichtete sie im Song «Black Dog». Wenn alles gut läuft, wird dieser Robert Smith – der Häuptling der Gruppe The Cure – seine Augen 2021 wieder zum Rollen bringen. 13 Jahre sind seit dem letzten Album «4:13 Dream» verstrichen.

Eine Veröffentlichungsabstinenz, die offenbar kreativ genutzt worden ist, wie Gitarrist Reeves Gabrels kürzlich in einem Interview erzählte. Die Band habe so viele Songs aufgenommen, dass er nicht sicher sei, wie viele Alben Frontmann Robert Smith plane: «Wir waren etwa zwei Monate lang im Studio – es gibt genug Material für zwei oder drei Platten», so Gabrels.

Wie das neue Material klingt, umschreibt er so: «Ein Nebenprodukt des Älterwerdens ist, dass die Menschen um einen herum sterben. Macht euch auf schwere und dunkle Musik gefasst.» Und Robert Smith? Er sagt, dass der Corona-Lockdown seine Produktivität belebt habe, und stellt obendrauf gar noch ein Soloalbum in Aussicht.

Rihanna – «R9» (Veröffentlichungsdatum unbekannt)

Das Schlagzeilen-Repertoire von Rihanna reichte in der letzten Zeit vom Esstipp (vegan) über das Turtel-Bild (mit A$AP Rocky) bis zur Haarschnitt-Idee (Vokuhila). Nun gibt sie an, sie wolle ihre Marke und ihre Musik 2021 auf ein neues Level bringen. Es könnte also etwas werden mit dem ersten Rihanna-Album seit 2016.

Doch es kursieren auch Gerüchte, wonach ihr Hauptbestreben darin liege, zur nächsten Beauty-Milliardärin zu arrivieren – sie ziehe eine neue Hautpflegelinie der Musik momentan vor, da in diesem Bereich derzeit kaum Geld zu machen sei.

Nun denn: Das bisherige Material soll Reggae-lastig sein, als Komplizen habe sie sich unter anderem Diplo und Buju Banton ausgesucht. Ausserdem hat ihr Management zahllose Songwriter-Camps organisiert, um der Dame neue Lieder zu besorgen. Sie habe nun aber zu einer Musik gefunden, die ihr auch persönlich Spass mache, sagt Rihanna. Eine späte Selbstfindung. Aber immerhin eine Selbstfindung.

Adele – «30» (Herbst)

Auch Adeles Leben dreht sich längst nicht mehr nur um die Musik. Die Schlagzeilen bei ihr: wechselnder Beziehungsstatus und ein fulminanter Körpergewichtsverlust. Nach einer Tour im Jahr 2017 kündigte sie eine Schaffenspause an, diese soll im Herbst 2021 mit einem neuen Album enden. Die Arbeiten daran seien etwas kompliziert – das Album wurde immer wieder verschoben, und selbst im Dezember soll es noch eine Aufnahmesession gegeben haben. An dieser hat der einstige Pearl-Jam-Schlagzeuger Matt Chamberlain teilgenommen; er gibt sich sehr beeindruckt: «Diese Stimme in meinen Kopfhörern zu hören, liess mich frösteln. Es war so kraftvoll und emotional.» Wir bleiben dran.

Balthazar – «Sand» (26. Februar)

Die belgische Gruppe Balthazar hatte einen Lauf, als sie sich 2016 unvermutet eine künstlerische Pause auferlegte. Die Anhängerschaft, die ihre schlurfigen Indie-Rock-Nummern millionenfach streamte, war dementsprechend bekümmert, doch sie fand Trost in den wahrlich desiderablen Soloprojekten Warhaus und J. Bernardt.

Jetzt haben Balthazar ihre Kräfte wieder vereint und werden – 2021 bereits das zweite Album seit 2019 vorlegen. Bisher gibt es zwei Vorabmüsterchen zu hören: Es winkt ein Meisterwerk für die Befürworter defätistischer Coolness.

Femi & Made Kuti – «Legacy +» (5. Februar)

Was Bob Marley für die Karibik ist, ist Fela Kuti für den afrikanischen Kontinent. Der Erfinder des Afrobeat ist bis heute ein sowohl musikalischer wie politischer Inspirationsquell für diverse Musikergenerationen. Nun hat Felas Sohn Femi Kuti ein neues Album angekündigt, mit dem er das Afrobeat-Zepter an den nächsten Ast im Kuti-Stammbaum weiterreichen will.

Das Doppelalbum «Legacy +» beinhaltet das erste Werk seines Enkels Made Kuti, und die erste Hörprobe lässt aufhorchen. Seine Variante des Afrobeat klingt soulig, melodieverliebt und weit gelassener als die oft etwas verkrampfte Musik-Agitation seines Grossvaters.

Kendrick Lamar (Name und Datum unbekannt)

Gut gehütet sind die musikalischen Pläne des derzeit angesehensten Hip-Hop-Exponenten Kendrick Lamar. Doch nun hat der Meister des poetischen Sprechgesangs in einem Interview mit der «New York Times» erste Ahnungen von seinem neuen Album gegeben. Es sei fast fertig und ein gesellschaftlich dringliches Werk.

Der Rest? Verklausulierte Botschaften über Gott, die Grenzen der Toleranz und den Ausbruch aus gesellschaftlichen Fesseln. Wie es klingen wird? Gewisse Fans fürchten eher verkopft als knallig.

5 Kommentare
    Georg Stamm

    Wenn ich das richtig sehe, so trägt Rihanna einen Mantel aus Echtpelz, für den wohl mehrere Tiere totgeschlagen wurden. Das allein sollte reichen, dieses Foto hier nicht zu zeigen. Man tat es leider trotzdem.