Auf Umwegen ins Eldorado

Handball

Dario Lüthi vermochte sich beim BSV Bern nicht für Einsätze in der Nationalliga A zu empfehlen. Heute läuft er doch in dessen Bleibe auf: mit Wacker Thun, dem Kantonsrivalen.

Der Modellathlet im Schaufenster: Dario Lüthi darf sich bei Wacker beweisen.

Der Modellathlet im Schaufenster: Dario Lüthi darf sich bei Wacker beweisen.

(Bild: Christian Pfander)

Adrian Horn

Das Paradies fühlt sich gerade sehr kalt an. Oberhaus, Klassiker, zumal in der Lachenhalle, der vielleicht aufregendsten Spielstätte des Landes: Dario Lüthi ist da, wo er immer hinwollte, als er im Februar für Wacker debütiert – in der Beletage des hiesigen Handballs.

Ein Vergnügen ist die Sache bloss bis zum Anpfiff. Die Berner Oberländer ziehen gegen Pfadi Winterthur desaströse 60 Minuten ein, legen eine ihrer schlechtesten Leistungen in den letzten zehn Jahren hin, verlieren 20:33. Und der Neue? Tut sich nicht minder schwer.

Wenige Stunden davor wurde der Transfer kommuniziert, am Abend hatte der Oberaargauer erstmals mittrainiert. Entsprechend ist der Aufbauer ein Unbekannter, als er einläuft. Wacker überrascht Gegner und Publikum.

Zumindest das gelingt an jenem Tag. Eine sogenannte Talentförderungslizenz lösten die Thuner für den beim TV Solothurn in der Nationalliga B unter Vertrag stehenden Studenten bis Ende Saison; sie reagierten damit auf eine Vielzahl von Ausfällen.

Der Modellathlet war ihnen in der Winterpause an einem Turnier aufgefallen. Nun vermag er die Mitstreiter durch mittellange Einsätze zu entlasten. Die Grosswetterlage über Thun aber – sie ändert sich durch ihn nicht. Wacker verliert weiter, weist vorübergehend fünf Niederlagen de suite aus.

Rubins Lobeshymne

Der Club ist um einen Titel reicher, als Coach Martin Rubin Mitte August und damit wenige Tage vor dem Auftakt in die neue Saison Auskunft gibt. Lüthi bezeichnet er als einen Gewinner der Vorbereitung. «Mit ihm zu arbeiten, bereitet Freude», sagt er.

Ausgesprochen erfolgreiche Monate liegen hinter Verein und Akteur. Die Berner Oberländer waren bereit, als es wichtig wurde, sie gewannen im März nach der Pleitenserie den Cup, und der Spieler empfahl sich für eine Weiterbeschäftigung, wurde mit einem Kontrakt ausgestattet, darf sich eine Saison lang präsentieren.

Die Thuner Entscheidungsträger sind angetan vom 21-Jährigen, bescheinigen diesem eine beispielhafte Mentalität und prophezeien ihm eine tolle Entwicklung. Der Coach sagt gar, Lüthi erinnere ihn ein wenig an Roman Caspar. Und wer weiss, wie viel er für seinen langjährigen Captain übrighatte, registriert das als grosses Kompliment.

Er möge nicht hyperbegabt sein, technisch und taktisch Steigerungspotenzial aufweisen, erzählt der Trainer über seinen Spieler, «aber er ist intelligent, physisch stark, im Angriff und in der Defensive gut – und vor allem: Er will.»

Was Rubin damit meint, ist: Lüthi möchte besser werden, unbedingt. Derlei Eigenschaften sind im Oberland hoch angesehen.

Im einstigen Bundesligaprofi hat Lüthi einen Trainer, unter dem sich ebendiese Fortschritte nachweislich machen lassen. Rubin formte aus jungen Leuten Nationalspieler und aus einem einst durchschnittlichen Team eines, das seit 2012 sechs Titel gewonnen hat.

Offensichtlich sind die Vorzüge Lüthis nicht. Er erzielte bislang kaum Tore. Im Herbst letzten Jahres hatte er regelmässig mit dem Fanionteam des BSV Bern trainieren dürfen; er gehörte zu dessen Talentpool, ohne aber in der 1. Mannschaft eingesetzt zu werden.

Und so wird er im heutigen Derby erstmals in der Mobiliar-Arena auflaufen, in der Bleibe seines früheren Clubs. Er sagt: «Das ist etwas Spezielles.» In seinem Fall ist das keine Floskel.

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