Auf Zehenspitzen in die Wüste

Grosse Hitze, später Termin und im Visier von Ermittlern: Am Freitag beginnt in Doha die bislang umstrittenste WM.

Hohe Gebäude, tiefschürfende Probleme: Die WM in Katar kommt näher, auf dem Trainingsgelände wird schon gelaufen. Foto: Patrick Smith (Getty Images)

Hohe Gebäude, tiefschürfende Probleme: Die WM in Katar kommt näher, auf dem Trainingsgelände wird schon gelaufen. Foto: Patrick Smith (Getty Images)

Eines der ersten Dinge, die einem auffallen, ist diese Installation. Man sieht sie, kurz nachdem das Taxi den Flughafen verlassen hat, noch bevor es Dohas Innenstadt erreicht mit der Hafenpromenade, den Palmen und funkelnden Hochhäusern. Ein paar Fahrminuten davor stösst man also auf dieses Kunstwerk, es verkündet seine Botschaft in grossen, golden leuchtenden Lettern auf der grauen Fassade der Al-Riwaq-Galerie: «Every­thing is going to be alright», steht da – es wird schon alles gut gehen, irgendwie.

Die Botschaft an der Galerie passt ganz gut zu jenem Projekt, das man sich in Doha gerade leistet: die Leichtathletik-WM, die am Freitag in der Hauptstadt des Emirats beginnt.

Der Event wurde zu Wochenbeginn wieder von unbequemen Nachrichten getroffen. Die britische Zeitung «Guardian» meldete, dass die Organisatoren kaum Tickets verkauft hätten, man werde viele der 40'000 Plätze im Khalifa-Stadion während des zehntägigen Events wohl abdecken und Gastarbeiter sowie Kinder einladen.

Schon 2017 probiert

Überraschen dürfte das wohl kaum noch jemanden bei dieser WM, die einst an den Golf verpflanzt wurde und bei der die Marathons nun zur Geisterstunde gelaufen werden, weil es dann nicht ganz so heiss ist. Wobei sich die Septembernacht in Doha noch immer so anfühlt, als käme der kurze Gang zum Supermarkt einer Wüstendurchquerung gleich.

15 Minuten vor der Wahl lag ein Brief auf den Tischen aller Delegierter, signiert vom Premierminister.

Die Erzählung, wie die Leichtathletik zu ihrer bislang wohl umstrittensten WM kam, begann vor acht Jahren, und vielleicht steuert sie bald vor einem Pariser Gericht auf ihr vorläufiges Ende zu.

Frankreichs Finanzstaats­anwälte legten zuletzt eine Anklageschrift gegen Lamine Diack vor, bis 2015 Präsident des Weltverbandes IAAF, und dessen Vertraute. Es geht darin um positive Dopingtests von russischen Athleten, die Diack gegen Geldzahlungen angeblich verschwinden liess, es geht auch um viele Millionen, die sein Sohn Papa Massata als Marketingberater des Verbandes abgeschöpft haben soll, mit dem Segen des Vaters. Was beide abstreiten.

Die auffällige Zahlung

In diesem gewaltigen Dickicht stiessen die Ermittler jedenfalls auf eine Zahlung über 3,5 Millionen Dollar. Diese flossen im Herbst 2011 auf ein Konto von Massatas Agentur, einen Monat bevor die IAAF ihre WM für 2017 vergeben sollte, für die sich Doha bewarb. Absender war eine katarische Firma: Oryx QSI, verbandelt mit Nasser al-Khelaifi, Chef des katarischen Staatsfonds QSI. Eine «Anzahlung» für ein mehr als 30 Millionen Dollar schweres TV-Rechtepaket, sollte Katar die WM bekommen, sagte al-Khelaifis Lager französischen und britischen Medien. Bestechung, vermuten die Ermittler, sie haben jetzt auch al-Khelaifi im Visier. Der streitet alles ab, wie Diack jr. Doha verlor die Abstimmung gegen London.

Drei Jahre später klappte es doch, mit der WM 2019. «Es hat sich die mit Abstand schlechteste Kandidatur durchgesetzt», polterte der spanische Verbandschef José María Odriozola damals: «Alles, was die haben, ist Geld.» Helmut Digel, zu dem Zeitpunkt einziger deutscher Vertreter im IAAF-Council, fand allerdings, dass Katar sich an die Spielregeln gehalten habe. Bewerber konnten sich damals mit finanziellen Anreizen überbieten, 15 Minuten vor der Wahl lag ein Brief auf den Tischen aller Delegierter, signiert vom Premierminister Katars: Doha garantierte der IAAF ein 30 Millionen Dollar pralles Sponsorenpaket. Und gewann, gegen Eugene und Barcelona. Da müsse man sich doch fragen, sagte Digel, «ob die Regeln die richtigen sind».

Unbestritten ist, dass Katar den Sport braucht. Und nicht nur den. Für das kleine Land, 2,6 Millionen Einwohner, «geht es ums politische Überleben», sagt Danyel Reiche, der an der Amerikanischen Universität in Beirut Politik und Sport lehrt. Katar sei zwar reich, dank seiner Erdgasfelder, es sei aber auch eine «Urangst» des Landes, «irgendwann überrannt zu werden» – der schwelende Konflikt zwischen dem Iran, Saudiarabien und den USA wärmte diese Angst zuletzt wieder auf.

Bedenken «beiseitestellen»

Also investiert das Emirat in Weltmeisterschaften, bald auch im Fussball; es baut Golfplätze und Hotels, weil die Erdgasquellen irgendwann versiegen; es pumpt Milliarden in französische Transportkonzerne und deutsche Firmen, von Volkswagen bis Siemens. Auf den vielen Baustellen werden billige Gastarbeiter beschäftigt – immer wieder starben dort Arbeiter aus Nepal, Indien, Bangladesh, wegen der Hitze oder gefährlicher Bedingungen, auch beim Khalifa-Stadion. Das Emirat, hielten die Menschenrechtler von Amnesty International zuletzt fest, sei weiter «ein Tummelplatz skrupelloser Arbeitgeber». Allen Reformzusagen zum Trotz.

Ausbaden – oder besser: ausschwitzen – müssen das nun die Leichtathleten. «Wir werden ja leider erst gefragt, wenn die Vergabe stattgefunden hat», sagt die deutsche Weitspringerin Malaika Mihambo. Und nun? Muss man die Bedenken halt «beiseitestellen», findet sie. Mihambo ist nicht die Einzige, die gerade verbal auf Zehenspitzen durch eine Wüste von Problemen tippelt. Da ist der Umgang mit Homosexuellen, denen in Katar Gefängnisstrafen drohen – was den schwulen britischen Geher Tom Bosworth zuletzt zur Bemerkung veranlasste, dass er in Doha bitte schön nicht auf die Menschenrechtslage angesprochen werden möge.

Da ist der späte Termin der WM, wegen der Hitze, der die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele stört, die bereits im kommenden Juli anbrechen. Da sind die Marathonläufe um Mitternacht. Und da ist das Khalifa-Stadion, das dank einer Klimaanlage auf bis zu 20 Grad heruntergekühlt werden kann, wobei die eingesetzte Technik 40 Prozent schonender sei als vergleichbare Methoden, wie die Organisatoren zuletzt verkündeten.

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