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Kolumne «Nachspiel»Ausgerollt

Rollkoffer sind ein Zeichen der Verbiederung. Ab sofort gilt: Wer sie benutzt, wird gebüsst.

Wo bleibt nur das Abenteuer, bei dem man mit dem Rucksack über Stock und Stein steigt?
Wo bleibt nur das Abenteuer, bei dem man mit dem Rucksack über Stock und Stein steigt?
Getty Images/iStockphoto

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Moment kommen würde, in dem ich dich fallen, genauer gesagt, erst gar nicht anhebe, sondern liegen lasse. Du Rucksack.

Stets warst du mein treuer Begleiter, auf Zug- wie auf heute verpönten Flugreisen. Besser zum Einsteigen, Umsteigen, Treppensteigen. Zwei freie Hände, der Hüftgurt liess dein Gewicht fast verschwinden. Fotos schoss ich als Beweis, dass es tatsächlich Reisende gab, die den Weg vom Boot zum Bungalow über den Strand mit einem Rollkoffer zurücklegten, die Räder im Sand versagend. Unwürdig. Verachtenswert.

Und jetzt das: Seit ich 30 bin, greife ich selbst öfters zum – ich mag es gar nicht aussprechen – Rollkoffer. Er ist geliehen. Immerhin. Und doch steht er für etwas, was sich immer mehr in meinen Alltag einschleicht: Erwachsensein. Biederkeit. Brauner Stoffkasten auf vier Rädern, ja, einer von denen, die man vor ungefähr 15 Jahren mit Coop-Märkli kaufen konnte. Sie wissen genau, welchen ich meine.

Besonders hoch ist die Busse für unter 20-Jährige – präventive Massnahme.

Doch damit ist jetzt Schluss. Nun, da wir uns an Massnahmen zu unserem eigenen Schutz gewöhnt haben, schlage ich vor: Rollkoffer sind ab sofort verboten. Wird jemand mit einem dieser braunen Märklikoffer im Zug, Tram, am Flughafen erwischt, gibt es eine sehr hohe Busse, noch höher für unter 20-Jährige – präventive Massnahme, damit die Verbiederung erst gar nicht einsetzen kann.

Und du, Rucksack, komm raus aus dem Loch, wir stürzen uns wieder ins Abenteuer. Zwanzigstündige Zugfahrten mit mindestens siebenmal Umsteigen, einfach weil es so schön ist, dabei so gut die Zugtreppe rauf- und runterzukommen. Campieren gehen, Zelt, Mätteli und Regenjacke an einer dieser schönen Schlaufen befestigt. Zum Zeltplatz geht es sich problemlos über den von Wurzeln übersäten Boden. Bei Städtetrips kann man wieder ganz unmondän bescheiden-lässig die U-Bahn vom Bahnhof ins Zentrum nehmen, anstatt sich den Koffer von der Taxifahrerin in den Kofferraum verladen zu lassen.

Rucksack, du bist meine zweite Jugend, Rollkoffer, stell dich in die Ecke und schäm dich dafür, dass du aus 30 das neue 40 machen wolltest. Pfui.