Abschied ohne Schuldbekenntnis

Die Demokraten drängen ihren einstigen Hoffnungsträger Al Franken wegen Belästigungsvorwürfen aus dem Senat. Die Partei will in der Sexismusdebatte keine Angriffsfläche bieten.

Senator Al Franken (D).

Senator Al Franken (D).

(Bild: Keystone)

Am Ende war es einsam geworden um den einstmals beliebten Politiker. Innerhalb weniger Stunden hatte am Mittwoch mehr als die Hälfte der 46 Demokraten im US-Senat den Rücktritt ihres Kollegen Al Franken gefordert, und Fraktionschef Chuck Schumer erinnerte den Freund an seine «höheren Pflichten gegenüber der Wählerschaft und dem Senat». Am Donnerstag nun kündigte Franken den Verzicht auf sein Mandat an. Damit kostet die Affäre um sexuelle Übergriffe und Missbrauch, die in den USA seit Wochen die Film- und Medienbranche erschüttert, erstmals einen ranghohen Politiker den Job.

Hoffnungsträger für 2020

Franken ist nicht irgendwer. Als einstiger Star der satirischen Fernsehshow «Saturday Night Live» ist der Komiker einem Millionenpublikum bekannt. Seit 2009 vertritt er den Bundesstaat Minnesota im Senat. In diesem Jahr profilierte er sich als einer der scharfzüngigsten Kritiker von US-Präsident Donald Trump, der ihn dafür mit der ­Beschimpfung «Frankenstein» adelte. Der 66-Jährige wurde bereits als demokratischer Kandidat für die Präsidentschaftswahlen 2020 gehandelt. Doch die ­Belästigungsvorwürfe mehrerer Frauen haben diese Karriere nun jäh beendet.

Vorwürfe von sieben Frauen

Die Affäre begann, als vor drei Wochen das Ex-Model Leeann Tweeden erklärte, Franken habe sie 2006 bei einer Probe für einen gemeinsamen Auftritt vor US-Soldaten gegen ihren Willen geküsst. Zudem veröffentlichte sie ein Foto, das sie schlafend auf dem Truppentransport zeigt. Der Komiker schaut mit lüsterner Grimasse in die Kamera und hält seine Hände über ihre von einer kugelsicheren Weste bedeckten Brüste. In der Folgezeit meldeten sich fünf weitere Frauen, die dem damaligen Radiomoderator vorwarfen, sie geküsst oder bei Fotoshootings an den Po gefasst zu ­haben. Eine Kongressmitarbeiterin, die am Mittwoch von einem unerwünschten Küssversuch im Jahr 2006 berichtete, brachte das Fass zum Überlaufen. «Genug ist genug», erklärte die demokratische New Yorker Senatorin Kirsten Gillibrand und löste damit eine Lawine von Rücktrittsforderungen unter ihren Kollegen aus.

«Einige Anschuldigungen sind einfach nicht wahr. Andere Begebenheiten habe ich sehr anders in Erinnerung», erklärte Franken spürbar betroffen vor dem Senat. Er habe sich immer für die Rechte von Frauen eingesetzt und fühle sich in der Öffentlichkeit falsch dargestellt: «Ich weiss, wer ich bin.» Trotzdem trete er ab, weil er in dieser Situation nicht mehr effektiv die Interessen seiner Wähler vertreten könne.

«Grabscher im Weissen Haus»

Tatsächlich hinterlässt die rasante Aburteilung ein ungutes Gefühl. Nicht nur kommt sie der Untersuchung durch den Ethikausschuss des Senats zuvor. Vor allem richten die Demokraten streng über einen Kollegen, während die Republikaner massive sexuelle Übergriffe in ihren Reihen herunterspielen und tolerieren. Franken nannte es eine «bittere Ironie», dass er zurücktrete, während «ein Mann, der auf einem Tonband mit seinen Übergriffen auf Frauen prahlt, im Weissen Haus sitzt und ein anderer Mann, der Jagd auf junge Mädchen machte, mit voller Unterstützung seiner Partei für den Senat kandidiert». Tatsächlich hatte Präsident Donald Trump einst erklärt, als Star müsse man Frauen nur zwischen die Beine greifen. Insgesamt 13 Frauen beschuldigen ihn, vor seinem Wechsel in die Politik genau das getan oder sie gegen ihren Willen geküsst zu haben.

Noch gravierender ist der Fall des ultrarechten Roy Moore, der in Alabama für das ­Senatorenamt kandidiert, obwohl ihm mehrere Frauen vorwerfen, sie als ­Minderjährige sexuell missbraucht zu haben. Moore hat gute Chancen, die Wahl zu gewinnen – und genau dies ist wohl der Grund, weshalb die Demokraten so radikal auf Frankens Rückzug drängten: Der sexuelle Missbrauch dürfte zu einem zentralen Thema der innenpolitischen Auseinandersetzung in den USA werden. In dieser möchten die Demokraten selbst keine Angriffsfläche ­bieten.

Berner Zeitung

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