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Argentiniens Ex-Diktatoren wegen Baby-Raubs verurteilt

Ihre Mütter brachten sie in Folterzentren zur Welt und wurden dann meist umgebracht: Die verschwundenen Kinder der argentinischen Militärdiktatur. Die Verantwortlichen wurden nun verurteilt.

Zeigt keine Reue: Ex-Diktator Jorge Rafael Videla im Gerichtssaal in Buenos Aires. (5. Juli 2012)
Zeigt keine Reue: Ex-Diktator Jorge Rafael Videla im Gerichtssaal in Buenos Aires. (5. Juli 2012)
Keystone

Im Prozess um den Raub von Kindern während der Militärdiktatur in Argentinien sind die beiden Ex-Diktatoren Jorge Videla und Reynaldo Bignone gestern (Ortszeit) zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Das Gericht in Buenos Aires verurteilte den 86-jährigen Videla zu 50 Jahren Haft, der 84-jährige Bignone erhielt eine Gefängnisstrafe von 15 Jahren. Beide sitzen jedoch bereits wegen Menschenrechtsverletzungen lebenslang in Haft.

Den Verurteilten wird vorgeworfen, Babys politischer Gegner zur Adoption an Regierungsanhänger gegeben zu haben. Mehrere Mitangeklagte erhielten wegen der Beteiligung am «systematischen Plan» zum Raub von Kindern Strafen von bis 40 Jahren Haft, wie Gerichtspräsidentin María Roqueta in dem vollbesetzten Saal des Tribunals in Buenos Aires erklärte.

Fünfhundert Kinder verschwunden

Menschenrechtsaktivisten zufolge «verschwanden» während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 rund 30.000 Menschen, Schätzungen zufolge wurden während dieser Zeit auch insgesamt rund 500 Kinder geraubt, die in Haft von Oppositionellen zur Welt gebracht worden waren. In dem Prozess ging es um die Fälle von 35 Babys von regierungskritischen Frauen, die in einem Folterzentrum in Buenos Aires festgehalten und denen ihre Kinder weggenommen wurden.

Überlebende berichteten, dass die Frauen ihre Kinder gefesselt und mit verbundenen Augen zur Welt bringen mussten und nur wenige jemals das Gesicht ihrer Babys zu sehen bekamen. In den meisten Fällen wurden die Kinder an Soldaten weitergegeben, während die Mütter meist kurze Zeit nach der Geburt ermordet wurden. Viele von ihnen wurden lebend von Militärflugzeugen aus ins Meer geworfen.

Die Gerichtsverhandlung wurde von hunderten Angehörigen von Opfern, Kindern von Oppositionellen und Menschenrechtsaktivisten über einen Bildschirm vor dem Gerichtsgebäude verfolgt. Die Urteile nahmen viele von ihnen mit Tränen und Freudenschreien auf.

Wiedergutmachung «für gesamte Gesellschaft»

In dem Prozess ging es um 35 Fälle geraubter Kinder. Bei 26 gelang es inzwischen, sie zu ermitteln und ihnen ihre wahre Identität zurückzugeben. Darunter ist auch die heutige Abgeordnete Victoria Donda, deren vermeintlicher Vater Juan Antonio Azic am Donnerstag zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

«Dieses Urteil ist eine Wiedergutmachung nicht nur für die Opfer, deren Angehörige und Freunde, sondern für die gesamte Gesellschaft», erklärte Donda nach der Urteilsverkündung.

Sie wurde 1977 in der Marineschule ESMA geboren, wohin ihre Mutter von den Militärs verschleppt und dort später ermordet worden war. Erst 2003 fand sie mit Hilfe der argentinischen Menschenrechtsorganisation «Grossmütter der Plaza de Mayo» ihre wahre Identität. Bisher sind 105 geraubte Kinder wiedergefunden worden.

Überlebende berichteten, dass die Frauen ihre Kinder gefesselt und mit verbundenen Augen zur Welt bringen mussten. In den meisten Fällen wurden die Kinder an Soldaten weitergegeben, während die Mütter meist kurz nach der Geburt ermordet wurden. Viele von ihnen wurden lebend von Militärflugzeugen aus ins Meer geworfen.

Ein systematischer Plan

Die argentinische Menschenrechtsorganisation Grossmütter der Plaza de Mayo hatte bereits seit 1996 vor Gericht für Entschädigungen für die gestohlenen Kinder gekämpft. Organisationschefin Estela de Carlotto begrüsste die Urteile und erklärte, damit sei bestätigt worden, dass es einen «systematischen Plan gab, die Babys zu stehlen».

Seit dem Amtsantritt von Präsident Nestor Kirchner im Jahr 2003 hatte die Annullierung der Amnestiegesetze aus der Zeit der Diktatur die Wiederaufnahme von Prozessen gegen die Verantwortlichen erlaubt. Cristina Kirchner, die 2007 ihrem Mann an der Spitze des Staates nachfolgte, setzt diese Politik fort.

Videla regierte Argentinien von 1976 bis 1981, Bignone war von 1982 bis 1983 an der Macht. Videla hatte sich in der vergangenen Woche vor Gericht für seine Taten gerechtfertigt und erklärt, die Mütter der Kinder seien «Aktivistinnen einer Terrorismusmaschinerie» gewesen und hätten ihre Kinder als «menschliche Schutzschilde» missbraucht.

Videla verbüsst bereits wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine lebenslange Haftstrafe. Auch Bignone sitzt bereits in Haft– er war wegen der Verletzung von Menschenrechten zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

AFP/ses

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