Das absurde Wahlspektakel der US-Demokraten

Von den Teilnehmern der Vorwahlen zur Auswahl eines Kandidaten für das Präsidentenamt wird eiserne Disziplin und Rückgrat verlangt.

Wer nimmt es am Ende mit Donald Trump auf? Die Kandidaten der Demokraten Bernie Sanders, Joe Biden und Elizabeth Warren bei der letzten TV-Debatte in Los Angeles.

Wer nimmt es am Ende mit Donald Trump auf? Die Kandidaten der Demokraten Bernie Sanders, Joe Biden und Elizabeth Warren bei der letzten TV-Debatte in Los Angeles.

(Bild: Keystone John Bazemore)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Zum Jahresbeginn 2019 sammelten sie Spenden ein, traten im amerikanischen Hinterland auf und rüsteten sich für TV-Debatten mit ihren Konkurrenten. Am Ende dieses Jahres sind sie noch immer damit beschäftigt. Der Wettbewerb der Bewerber für die demokratische Präsidentschaftskandidatur läuft und läuft und läuft – ein absurdes Spektakel, das sich über zwei geschlagene Jahre hinzieht und den Teilnehmern eiserne Standfestigkeit abverlangt.

Erstmals gewählt wird in fünf Wochen bei den Parteiversammlungen im mittwestlichen Iowa, dann folgen die Vorwahlen in New Hampshire, South Carolina und Nevada. Danach geht es weiter, bis hinein in den späten Frühling.

In diesen letzten Tagen des ablaufenden Jahres wird noch einmal kräftig an die Geldgeber appelliert, denn in der Sylvesternacht endet das letzte Quartal 2019. An ihren Einnahmen werden die Kandidaten gemessen, an den Umfragewerten und an ihren Auftritten bei den Fernsehdebatten. Einige, darunter die Senatorin Kamala Harris und die texanische Pseudo-Hoffnung Beto O’Rourke, haben 2019 das Handtuch geworfen und sich vom Kandidatenfeld verabschiedet.

Bei der letzten TV-Debatte des Jahres im Dezember standen die Übriggebliebenen auf der Bühne: Drei Kandidaten im siebten Jahrzehnt ihres Lebens, zwei Geschäftsleute, die noch nie ein politisches Amt innehatten, der schwule Bürgermeister einer kleineren Stadt sowie eine Senatorin. Afroamerikanische und hispanische Kandidaten fehlten, eine enttäuschende Wendung für eine Partei, die amerikanische Minderheiten repräsentieren möchte.

Schon mehrmals politisch totgesagt

Doch ihre hispanischen Wähler wollten nicht den hispanischen Kandidaten Julian Castro, sondern verteilten sich auf andere Kandidaten. Und ihre schwarzen Wähler bevorzugten nicht afroamerikanische Bewerber wie Kamala Harris oder Senator Cory Booker. Sie stehen mehrheitlich hinter Joe Biden (77).

Totgesagte leben länger: Joe Biden bei einer Wahlkampfveranstaltung in Exeter im US-Bundesstaat New Hampshire. (Reuters/Brian Snyder/30. Dezember 2019)

Dessen Stehvermögen ist die eindrücklichste Story dieses Vorwahljahres. Im Durchschnitt aller Umfragen lag Biden zum Jahresbeginn bei 27 Prozent, am Jahresende sprechen sich 27,9 Prozent der Demokraten für ihn aus. Politisch totgesagt wurde er schon mehrmals, etwa nach seinen tattrigen Debattenauftritten. Biden hält sich im Spitzenfeld, weil ältere weisse Demokraten und vor allem afroamerikanische Wähler an ihm hängen. Grosse politische Entwürfe interessieren diese Wähler nicht, sie wollen vor allem Donald Trump besiegen.

Der älteste Kandidat der Demokraten

Bernie Sanders (78) hingegen ist ein Mann politischen Wandels, ein demokratischer Sozialist, dessen Programm nichts anderes verheisst als eine amerikanische Sozialdemokratie. Und siehe da: Trotz eines Herzinfarkts steht der Älteste der demokratischen Kandidatenschar – er ist ein Jahr älter als Biden – am Jahresende besser da als zum Jahresbeginn. Seine Umfragewerte sind beachtlich, seine Einnahmen formidabel und seine überwiegend junge Anhängerschaft schwört auf den Senator.

Vielleicht gelingt Sanders im zweiten Anlauf – 2016 verlor er gegen Hillary Clinton – ein sensationelles Comeback. Demokratische Insider wären geschockt: Ein parteiloser Sozialist als Präsidentschaftskandidat? Gegen Donald Trump?

Er weiss eine junge Anhängerschaft hinter sich: Der 78-jährige Bernie Sanders zeigt sich hartnäckig. (Reuters/Monica Almeida/21. Dezember 2019)

Zuvor müsste Sanders die Senatorin Elizabeth Warren aus dem Weg räumen. Warren ist eine Favoritin des linken Parteiflügels, die im Verlauf des Jahres einen Plan nach dem anderen vorlegte. Studienschulden, Gesundheitswesen, soziale Ungleichkeit, Renten, was auch immer: Warren hat einen Plan. Sie schoss nach oben, setzte sich zeitweilig an die Spitze des Felds – und sackte wieder ab.

Mit ihr zu rechnen ist trotzdem, auch sie aber löst beim demokratischen Establishment Ängste aus: Zu links sei sie und ihre geplante Verstaatlichung des US-Gesundheitswesens zu gefährlich.

Ist alles klar im Mai?

In Iowa wird sich zeigen, was es mit Warren auf sich hat. Und mit Pete Buttigieg, dem Bürgermeister, auf den zum Jahresbeginn niemand einen Pfifferling gewettet hätte. Jetzt gehört er zur vierköpfigen Spitzengruppe, eine Ausnahme schon deshalb, weil er mit seinen 37 Jahren den Millenials angehört und einen Generationenwechsel verspricht.

Engagierte Senatorin: Elizabeth Warren ergreift in der letzten TV-Debatte der Demokraten zwischen Joe Biden (r.) und Pete Buttigieg das Wort. (Reuters/Mike Blake/19. Dezember 2019)

Anfang Februar 2020 sind also die Wähler dran, weder Umfragen noch Debattenauftritte und Kontenstand sind dann entscheidend. Und im Mai wissen die Amerikaner hoffentlich, welcher Demokrat im Herbst gegen Donald Trump antreten wird.


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