Das Weisse Haus bereitet sich auf alle Eventualitäten vor

USA-Korrespondent Thomas J. Spang zur Rolle des ehemaligen nationalen Sicherheitsberaters Michael Flynn.

Die Bereitschaft Michael Flynns, mit Sonderermittler Robert Mueller in der Russland-Affäre zu kooperieren, kommt einem politischen Tsunami gleich. Statt Vorfreude auf die erste gesetzgeberische Errungenschaft bei der Steuerreform zu empfinden, wird das Weisse Haus von der Aussicht auf eine Flutwelle verängstigt, die über die Präsidentschaft hereinbrechen könnte.

Eine Zäsur, gewiss, in den sechsmonatigen Ermittlungen Muellers, der mit Flynn so etwas wie einen potenziellen Kronzeugen gegen Donald Trump gewonnen hat. Denn Flynn war nicht irgendwer, sondern einer der engsten Vertrauten des Präsidenten im Wahlkampf und Trumps erster nationaler Sicherheitsberater.

Muellers Team hatte Flynn eine lange Liste an möglichen Anklagepunkten gegen ihn selbst und seinen Sohn präsentiert, die ihm bei einer Verurteilung Jahre hinter Gittern einbrächten.

Sie reicht von seinen verschwiegenen Kontakten zum russischen Botschafter in Washington, Sergei Kisljak, über Neben-Aussenpolitik (Logan Act), die darauf abzielte, Barack Obamas Diplomatie zu unterminieren, nicht öffentlich gemachte Lobbyistenarbeit für die Türkei und Russland, Kooperation bei dem Versuch, einen türkischen Geistlichen aus seinem Exil in Pennsylvania an Ankara auszuliefern, bis zum Belügen der Ermittler.

Nach Einschätzung von Experten hat Mueller einen derart wasserdichten Fall gegen Flynn, dass dieser nun jede Motivation hat, mit dem Sonderermittler zu kooperieren. Trumps Anwälte wissen, was das für den Präsidenten und die Personen in seinem Orbit bedeutet. Der dringend des Verrats verdächtigte Flynn droht nun, gegenüber dem Sonderermittler auszupacken.

Wie in einem Mafiaverfahren arbeitet sich Muellers Team systematisch von unten nach oben an sein eigentliches Ziel vor. Unmittelbar finden sich nach dem Gerichtsauftritt Flynns am Freitag ein «hoher» und ein «sehr hoher» Mitarbeiter Trumps im Visier. Bei den Personen handelt es sich um K. T. McFarland, die später als stellvertretende ­Sicherheitsberaterin des Präsidenten tätig war, und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner.

Analysten gehen davon aus, dass der Kronzeuge auch weiss, wer mit wem im Wahlkampfteam Trumps Verbindungen zu Moskau hielt. Es besteht der Verdacht, dass das «Team Trump» seinen Wahlkampf in enger Abstimmung und mit Beihilfe der gegnerischen Macht führte. Zum Beweis einer Verschwörung könnten Flynn und der bereits früher zur Kooperation bereite ehemalige aussenpolitische Berater Trumps, George Papadopoulos, entscheidende Hinweise liefern.

Unter massivem Druck stehen auch der ehemalige Wahlkampfmanager des Präsidenten, Paul Manafort, und dessen Stellvertreter Rick Gates, die Mueller bereits wegen Geldwäsche und anderer Verbrechen angeklagt hat.

Angesichts der drohenden Monsterwelle, die der Flynn-Tsunami in Bewegung setzte, bereitet sich das Weisse Haus auf alle möglichen Eventualitäten vor. Die Stunde der Wahrheit naht.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt