Der Hurrikan zeigt, vor was Trump die Augen verschliesst

US-Korrespondent Thomas Spang zu Hurrikan Harvey und zur Klimaerwärmung.

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Genau zwölf Jahre nach Hurrikan Katrina stehen die USA erneut vor einer nationalen Katastrophe. Diesmal trifft es mit Houston die Stadt, die seinerzeit Zehntausende Flüchtlinge aus New Orleans aufnahm. Eine Tragödie für die Opfer, die unser aller Mitgefühl verdienen.

Heute wie damals tragen Menschen erhebliche Mitverantwortung für das Desaster, das diesmal Hurrikan Harvey anrichtet. Niemand, der sich nur ein wenig im Südosten von Texas auskennt, dürfte von der Sintflut überrascht sein. Die Lehmböden hier heissen im Volksmund «Black Gumbo» und sind für ihre hohe Undurchlässigkeit von Wasser bekannt.

Verschärft wird diese Situation durch die massive Versiegelung der Oberflächen im Grossraum Houston, die Experten als Konsequenz der Zersiedlung verstehen. Die viertgrösste Stadt Amerikas ignorierte bis zuletzt den Ruf nach Bebauungsplänen und Richtlinien, die den Wildwuchs der Metropole eingedämmt hätten. Seit 1995 wuchs Houston um 25 Prozent auf mehr als 2,2 Millionen Einwohner.

Ohne Regulierung schossen Häuser in Gebieten wie Pilze aus dem Boden, die als extrem flutgefährdet galten. Die Metropole erstreckt sich heute über eine Fläche, die so gross ist wie der Bundesstaat Connecticut. Das erklärt, warum ein solcher Moloch vor Eintreffen des Hurrikans nicht evakuiert werden konnte. Nicht viel Fantasie gehört auch dazu, zu begreifen, warum eine Stadt mit einer solchen Ausdehnung nicht ausreichend durch Infrastruktur geschützt werden kann.

Hinzu kommt die Ignoranz dem Klimawandel gegenüber, den der Präsident als «Erfindung der Chinesen» bezeichnet. Trumps Verbündete verhöhnen die Opfer der Flutkatastrophe, indem sie hartnäckig den wissenschaftlichen Konsens von über 99 Prozent aller Klimaforscher ver­neinen.

Mit den Symptomen des Klimawandels verhält es sich wie mit denen des Rauchens. Während sich eine einzelne Lungenkrebserkrankung nicht unbedingt auf die Gefahren des Tabaks zurückführen lässt, ergibt sich in der Gesamtkorrelation doch ein klares Bild: Rauchen ist tödlich. So verhält es sich auch mit den steigenden Temperaturen in den Ozeanen, die intensivere Wirbelstürme mit grösseren Niederschlagsmengen bringen. Dadurch kommt es häufiger zu Extremwetterereignissen wie Katrina und Harvey.

Es bleibt eine böse Ironie, dass in dem Jahr, in dem Trump aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigt, der Monstersturm Harvey daran erinnert, worum es geht. Davor die Augen zu verschliessen, ist so weit von den Realitäten entfernt wie die Schuhwahl Melania Trumps für den Besuch im Katastrophengebiet.

ausland@bernerzeitung.ch

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