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Der Mann, der nicht vergessen kann

Das Hirn des amerikanischen Komikers Bob Petrella weist eine seltene Anomalie auf. Man nennt ihn darum «Brain Man».

Hirnmann: Die Hirnregion, die für die Erinnerung zuständig ist, ist bei Bob Petrella vergrössert. Deshalb gibt es kaum etwas, das er vergisst.
Hirnmann: Die Hirnregion, die für die Erinnerung zuständig ist, ist bei Bob Petrella vergrössert. Deshalb gibt es kaum etwas, das er vergisst.

Elvis Presley, der grosse amerikanische Philosoph, sang es am besten: «I forgot to remember to forget»: Ich habe vergessen, mich an das Vergessen zu erinnern. Anders gesagt: Ich habe etwas Schlimmes angestellt, das ich gerne vergessen hätte, das mir jetzt aber wieder eingefallen ist.

Bob Petrella, von Beruf Komiker und Drehbuchautor, leidet an einer besonders aufdringlichen Variante des Problems: Der Mann ist unfähig, sich nicht zu erinnern. Er gehört damit zu den weltweit auf 60 geschätzten Menschen, die von einer Vergrösserung von Hirnregionen profitieren, die unter anderem für die Erinnerung zuständig sind.

Dazu fällt mir die Aussage von Albert Einstein ein, wir würden nur 10 Prozent unseres Gehirns verwenden. Nun war Einstein ein Genie. Bob Petrella ist keines, er verfügt bloss über eine seltene Gabe. Er leide nicht darunter, sagt der umgängliche 68-Jährige, sondern habe sich an sie gewöhnt. Wie weit sein Talent reicht, hat er von Wissenschaftlern testen lassen und kürzlich auch im Gespräch mit der BBC ausgeführt.

Eine seltene Gabe

Als Bob Petrella zum Beispiel sein Handy verlor, das war am 24. September 2006, brauchte ihn das nicht zu kümmern. Er kennt alle Nummern darauf auswendig. Er weiss Bescheid über alle Oscarpreise für den besten Film in der Kinogeschichte, er kann fast jedes historische Ereignis datieren, weiss zum Beispiel den Tag des palästinensischen Attentats an den Olympiaspielen in München. Am besten erinnert er sich an Geschichtliches, Sportliches und an «all jene Tage, die glücklich verliefen». Er weiss auch seit seinem fünften Geburtstag, wie all die anderen abgelaufen sind (bis auf zwei), dasselbe gilt für die Neujahrsnächte. Er erinnert sich noch an fast alle Gespräche, die er an ­welchen Tagen mit welcher Person geführt hat. Er weiss, wann O. J. Simpson vom Mordverdacht an seiner Frau ­freigesprochen wurde, und dass am 31. August 1997 die Pittsburgh Steelers die Mannschaft von Dallas 37 gegen 7 besiegten. Da er Basketball liebt, kann er auch Siege und Niederlagen der grossen Mannschaften benennen.

Bei aller Bewunderung für seine Fähigkeit bin ich noch froh, keine Erinnerung an meine Basketball-­Spiele zu haben. Bei der Uni Basel krümelten wir in der dritten Liga herum und verloren fast immer. Später, in der zweiten Liga bei Servette Genf, gewannen wir fast nie und dauerkämpften gegen den Abstieg. An Siege kann ich mich noch weniger erinnern.

Der Hirnmann

Während ich das alles über Bob Petrella nachlas und aufschrieb und immer wieder an Ereignisse zurückdachte, die ich von mir selber nicht mehr weiss, und wie viele davon zu Recht vergessen gingen angesichts meines mutmasslichen Verhaltens – da fiel mir plötzlich eine Pointe ein, die den Text über den «Brain Man» abschliessen könnte, wie Petrella in den USA genannt wird, der Hirnmann.

Die Pointe war autobiografisch, aber nicht aufdringlich, sie war selbst­ironisch, aber nicht auf den Effekt hin formuliert, sie klang überraschend und schlüssig zugleich, ausserdem liess sie mich humorvoll und bescheiden aussehen.

Ich habe sie vergessen.

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