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Die Erdogan-Bilder hängen schon

Für Erdogan ist der neue Airport am Bosporus viel mehr als nur ein Bauvorhaben: Er nennt ihn ein «Monument des Sieges».

Am Montag wird der neue Flughafen in Istanbul eröffnet. Sein Name ist bis dahin ein Staatsgeheimnis. Foto: Imago
Am Montag wird der neue Flughafen in Istanbul eröffnet. Sein Name ist bis dahin ein Staatsgeheimnis. Foto: Imago

Heiter sei die Landschaft, «ihre Täler, Flüsschen und Berge lächeln immer». Als Konstantinos Kavafis, der grosse griechische Dichter, der eine Weile am Bosporus lebte, dies schrieb, bedeckten noch dichte Wälder die Hügel. Damals, um 1880, hatte ­Istanbul 900'000 Einwohner, heute sind es 15 Millionen. Immer weiter von Süden nach Norden ist die Stadt gewachsen, mit jeder neuen Brücke über den Bosporus, drei sind es jetzt. Trabantenstädte zwängen sich in die Täler, Wohnburgen ziehen sich die Hügel hinauf. Und ganz im Norden, wo der Bosporus ins Schwarze Meer mündet, liegt jetzt der neue Flughafen, auf einer gigantischen Fläche von 76,5 Millionen Quadratmetern oder 10'000 Fussballfeldern – das ist achtmal so gross wie der alte Istanbuler Atatürk-Airport.

Türkischer Grössenwahn? «Wenn jemand eine Vision für die nächsten 20, 50, 100 Jahre hat, braucht es eine völlig neue Infrastruktur», sagt Kadri Samsunlu, der Chef der neuen Flughafengesellschaft IGA. Samsunlu meint Präsident Recep Tayyip Erdogan. Bei der Grundstein­legung 2014 nannte Erdogan, damals noch Premier, den Airport ein «Monument des Sieges», einen gebauten Beleg für den ökonomischen Aufstieg der Türkei in die Weltelite. «Die türkische Regierung hat eine sehr aggressive Strategie für den Transportsektor», sagt Samsunlu.

«Warum nicht Recep-Tayyip-Erdogan-Flughafen?»

Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Aber Flughäfen, Brücken, Tunnel und Autobahnen sind für Erdogan auch Prestigeprojekte, und die halbstaatliche Turkish Airlines ist ein Instrument der Aussenpolitik. Weltweit hat keine andere Fluglinie in den letzten zehn Jahren ihr Netz so ausgeweitet, zu Zielen in Nah- und Fernost, Afrika und Amerika.

Auf einer Fläche von 76,5 Millionen Quadratmetern: Das ist Istanbuls neuer Flughafen.
Auf einer Fläche von 76,5 Millionen Quadratmetern: Das ist Istanbuls neuer Flughafen.
Istanbul Grand Airport
Die Form einer Tulpe: Nachts leuchtet der Tower des neuen Flughafens in Weiss und Rot – den Farben der türkischen Flagge.
Die Form einer Tulpe: Nachts leuchtet der Tower des neuen Flughafens in Weiss und Rot – den Farben der türkischen Flagge.
Istanbul Grand Airport
Grosses Ziel: Der neue Flughafen Istanbuls soll zum wichtigsten Drehkreuz zwischen Asien und Europa werden.
Grosses Ziel: Der neue Flughafen Istanbuls soll zum wichtigsten Drehkreuz zwischen Asien und Europa werden.
Istanbul Grand Airport
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Seit der Grundsteinlegung 2014 aber ist viel passiert, die Türkei hat einen Putschversuch erlebt, der Tourismus ist eingebrochen, erst jetzt kommen wieder mehr Gäste. Auch die Finanzkrise macht der Türkei zu schaffen. Samsunlu ist trotzdem optimistisch, er glaubt, der Flughafen werde die hochgesteckten Ziele erfüllen. Bis 2023, wenn die Republik 100 Jahre alt wird, soll es «mindestens 100 Millionen Passagiere geben». Noch vor kurzem war die Rede von 200 Millionen bis 2030. Damit ist man etwas bescheidener geworden. Atlanta in den USA, derzeit Weltspitze, zählte zuletzt gut 100 Millionen Reisende.

Samsunlus Büro ist in einem schlichten Zweckbau untergebracht, wenige Autominuten vom Flughafengelände entfernt. Bis zur offiziellen Eröffnung am Montag, dem 95. Gründungstag der Republik, wird dort noch gearbeitet. Gelbe Riesenkräne ragen in die Luft. Im Terminal aber hängen schon riesige Erdogan-Porträts für den Festakt. Erst dann soll der Name des Airports verraten werden. Ex-Verkehrsminister Ahmet Arslan, bis Juli im Amt, fragte bereits: «Warum nicht Recep-Tayyip-Erdogan-Flughafen?» Samsunlu sagt: «Das ist nicht meine Entscheidung.»

Arbeiter klagten über Zeidruck, schlechtes Essen, Bettwanzen und späte Bezahlung.

Das Terminal ist lichtdurchflutet, Deckenhöhe 28 Meter. Im Werbeprospekt ist neben der Abflughalle die Hagia Sophia abgebildet, deren Kuppel ist allerdings genau doppelt so hoch. Bezüge zur Geschichte sind gewollt, der Tower hat Tulpenform. Die «Tulpenzeit» gilt als kulturelle Blütezeit des Osmanischen Reiches. Im Terminal haben sie schon «echten» Flugbetrieb geprobt. Samsunlu hat es auf Facebook gepostet.

Naturschützer beklagten das Abholzen von 657000 Bäumen. Die Zahl stammt aus einem Gutachten des Umweltministeriums. Es gab Klagen vor Gericht, auch erfolgreiche. Vor Gefahren für die Trinkwasserversorgung Istanbuls wurde gewarnt, denn im Norden liegen auch die Speicherseen. Am Ende siegte die Regierung, Gutachten wurden geändert. Fünf grosse Baufirmen bekamen den Zuschlag, sie gelten als regierungsnah.

Istanbul will vor allem anderen Transit-Airports Konkurrenz machen. Die Strecke von London über Istanbul nach Mumbai sei kürzer als die von London über Dubai nach Indien, rechnet der Samsunlu vor. «Die Leute wollen nicht so lang im Flugzeug sitzen. Wir haben einen geografischen Vor­teil.» Viel- und Langstreckenflieger werden mit einer 800 Meter langen Shoppingmall umgarnt, «geformt wie der Bosporus». Denjenigen, die nicht ver­weilen wollen, sondern eilen müssen, verspricht der Manager, dass sie trotz «etwas längerer Wege» in 50 bis 55 Minuten von den sieben Eingängen über zwei Sicherheits- und eine Passkontrolle ihr Gate erreichen würden, weil «alle Prozesse beschleunigt wurden».

Ein neues Istanbul

Der heutige Atatürk-Airport liegt im Süden, ist von Häusern umgeben, kaum erweiterbar und heillos überfüllt. Im Gespräch war als Alternative ein anderes Gebiet im Süden, landschaftlich reizlos. Der grüne Norden war aber attraktiver, vor allem für die Baukonzerne.

«Das wird das neue Istanbul», sagt Samsunlu. Trabantensiedlungen in Airportnähe sind geplant. Nachteil für den Norden: Hier gibt es häufig Nebel, vom Schwarzen Meer. Und oft ist es windig, deshalb stehen hier viele Windräder zur Stromerzeugung. Zugvogelschwärme gab es bislang auch. Sie würden «intensiv beobachtet», sagt Samsunlu,

Die fünf Baufirmen bilden auch die Betreibergesellschaft. Sie haben nach offiziellen Angaben bislang 10,5 Milliarden Euro investiert, geplant waren ursprünglich knapp 7 Milliarden. Das Gelände erwies sich als schwieriger als gedacht.

Gebaut wurde in Rekordtempo. Mehrfach streikten Arbeiter, klagten über Zeitdruck, schlechtes Essen, Bettwanzen, verspätete Bezahlung. Die Gewerkschaft zählte 37 Tote durch Unfälle, der Verkehrsminister 27 bis Februar. Samsunlu sagt: «Ich bedauere jeden Verlust von Menschenleben.»

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