Die Nachfolger der Capos warten schon

Nachdem die mexikanische Polizei gleich mehrere grosse Drogenbosse festgenommen hat, übernehmen kleinere Banden zunehmend die kriminellen Geschäfte.

«Los-Zetas»-Chef in Gewahrsam: Omar «Z-42» Trevino Morales wird während einer Medienkonferenz zu seiner Verhaftung von Soldaten eskortiert. (11. März 2015)

«Los-Zetas»-Chef in Gewahrsam: Omar «Z-42» Trevino Morales wird während einer Medienkonferenz zu seiner Verhaftung von Soldaten eskortiert. (11. März 2015)

(Bild: Reuters Edgard Garrido)

Im Hochsicherheitsgefängnis Altiplano sitzt das «Who is Who» der mexikanischen Unterwelt: Héctor Beltrán Leyva, Édgar Valdez Villareal, Miguel Ángel Félix Gallardo, Omar Treviño Morales und Joaquín «El Chapo» Guzmán – allesamt ehemalige Chefs mächtiger Drogenkartelle. Doch sie sind Vertreter einer Verbrecher-Generation, deren Tage gezählt sind. Mexikos Unterwelt ist im Wandel.

In den vergangenen Jahren sind den mexikanischen Sicherheitskräften spektakuläre Schläge gegen das organisierte Verbrechen gelungen. Zuletzt gingen der Polizei in weniger als einer Woche Servando Gómez alias «La Tuta» vom Kartell «Caballeros Templarios» (Tempelritter) und der «Los-Zetas»-Anführer Treviño ins Netz.

«Die Festnahmen schaffen ein gutes Bild, aber es ist nicht genug», sagt der Politikwissenschaftler Emilio Vizarretea von der Universität UNAM in Mexiko-Stadt. «Die organisierte Kriminalität und vor allem der Drogenhandel funktioniert wie ein Unternehmen. Wird einer geschnappt, übernimmt sofort ein anderer.»

Hier sitzt die Chefetage der mexikanischen Unterwelt: Ein Soldat patrouilliert vor dem Altiplano Gefängnis. Bild: Reuters / Almoloya De Juarez (28. Februar 2015)

Die Festnahmen verändern die Unterwelt, die Sicherheitslage verbessert sich dadurch aber keineswegs. Nach jeder Verhaftung entsteht in den kriminellen Organisationen eine Art Machtvakuum, das erst nach blutigen Verteilungskämpfen wieder gefüllt wird.

Für die Behörden ist es wie ein Kampf gegen die Hydra – dem schlangenähnlichen Ungeheuer aus der griechischen Mythologie – der zwei Köpfe nachwachsen, sobald man ihr einen Kopf abschneidet.

«Die Regierung nimmt mehr und mehr Capos (Kartellchefs) fest und die Mafias wachsen immer weiter», sagt der Sicherheitsexperte Edgardo Buscaglia von der Columbia-Universität in New York.

Festnahmen verschlechtert Sicherheitslage kurzfristig

Auf lange Sicht sei es zwar wichtig, die Macht der grossen Kartelle zu brechen, um das staatliche Gewaltmonopol wieder herzustellen, schrieb Sicherheitsexperte Alejandro Hope in der Zeitung «El Universal». Kurzfristig könne sich die Sicherheitslage wegen Auseinandersetzungen zwischen den Splittergruppen allerdings verschlechtern. Während die traditionellen Kartelle schwere Verluste verzeichneten, haben sich neue Banden in der Unterwelt positioniert. Bekanntestes Beispiel sind die «Guerreros Unidos» (Vereinigte Krieger), die im vergangenen Jahr 43 Studenten im Westen des Landes getötet haben sollen.

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Die Gang wurde einst als bewaffneter Arm des Drogenkartells «Beltrán Leyva» (dessen namengebender Boss nun einsitzt) gegründet und spaltete sich 2011 von den früheren Auftraggebern ab. Jetzt ringt sie im Bundesstaat Guerrero mit der rivalisierenden Bande «Los Rojos» (Die Roten) um die Kontrolle des Marihuana-Anbaus.

Die Emporkömmlinge sind im Gegensatz zu den Grosskartellen meist auf einzelne kriminelle Geschäftszweige spezialisiert. Häufig handelt es sich bei den neuen Banden um ehemalige Gruppen von Auftragskillern der traditionellen Drogenkartelle. Wenn ihre Auftraggeber schwächeln, fangen die sogenannten Sicarios an, auf eigene Rechnung Geschäfte zu machen.

So mischen mittlerweile auch das «Cártel Jalisco Nueva Generación», «La Línea» und «Los Aztecas» im Drogengeschäft mit. In ihrer Brutalität stehen sie den Dickschiffen der Unterwelt in nichts nach. Da über ihre Anführer oft so gut wie nichts bekannt ist und sie eher regional operieren, sind sie allerdings deutlich schwerer zu bekämpfen.

Drogen nur noch ein Teil des Portfolios

Hinzu kommt, dass die mexikanischen Banden ihre kriminellen Geschäfte immer weiter diversifiziert haben. Der Drogenhandel ist nur noch ein Teil ihres Portfolios. Die Kartelle sind in Menschenhandel und illegalen Rohstoffabbau, Produktpiraterie und Treibstoffdiebstahl, Prostitution und Waffenschiebereien verstrickt.

Ausserdem haben sie längst die reguläre Wirtschaft infiltriert. 2012 war bekanntgeworden, dass die Grossbank HSBC für mexikanische Kartelle Drogengeld gewaschen haben soll:

In den USA zahlte sie deshalb eine Milliardenstrafe. Heute dürften andere Institute diesen Job machen.

Politikwissenschaftler Vizarretea wirbt deshalb dafür, bei der Verbrechensbekämpfung künftig stärker die logistischen und finanziellen Strukturen der Kartelle ins Visier zu nehmen. Ausserdem müssten die oft korrupten Sicherheitskräfte neu aufgestellt werden.

«Der mexikanische Staat ist gut darin, Capos zu jagen, aber weiterhin sehr schlecht darin, seinen Sicherheitsapparat zu reformieren», schrieb Sicherheitsexperte Hope. «Angesichts der Entwicklung der kriminellen Unterwelt sollte das aber in Zukunft Priorität haben.»

pst/sda

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